Helmut Schmidt und das Christentum

von Vera Lengsfeld11.05.2019Gesellschaft & Kultur, Medien

Kann man aus der Bootsfahrt einer Nacht ein ganzes Buch machen, selbst wenn die auf dem legendären Nil stattgefunden hat? Der Professor für Katholische Theologie Karl-Josef Kuschel kann es. Das Ergebnis ist äußerst lehrreich und anregend.

Es geht um eine nächtliche Fahrt auf dem Nil, die Bundeskanzler a. D. Helmut und seine Frau Loki Schmidt mit Anwar as-Sadat, dem ägyptischen Präsidenten und dessen Frau anlässlich eines Staatsbesuchs und einer anschließenden einwöchigen privaten Reise Ende Dezember 1978 unternommen haben. Diese Bootsfahrt hat sich Helmut Schmidt tief eingeprägt, er erinnerte sich bis zu seinem Lebensende immer wieder daran. Das nicht wegen des spektakulären Sternenhimmels, sondern wegen seines Gesprächspartners.

„Welcher von meinen Gesprächspartnern mich am meisten beeindruckt hat? Der Ägypter Anwar as-Sadat.“

Wer „Dass wir alle Kinder Abrahams sind…“ Helmut Schmidt begegnet Anwar as Sadat – Ein Religionsgespräch auf dem Nil gelesen hat, muss Helmut Schmidt zustimmen. Gleichzeitig erfüllt das Buch ein Vermächtnis von Helmut Schmidt, der sich Notizen über dieses Gespräch gemacht hat, später vieles nachlas und nicht wollte, dass es in Vergessenheit geriet.

Anwar as-Sadat war ein Ausnahmepolitiker, wie er leider in der arabischen Welt nicht mehr vorgekommen ist. Aber auch Helmut Schmidt war ein Kanzler von einem Format, das es heute in Deutschland nicht mehr gibt. Die beiden Männer verbindet ihr Jahrgang. Schmidt wurde am 23. Dezember 1918 geboren, Sadat zwei Tage später, am 25. Dezember. Beide regierten ihr Land in schwierigen Zeiten. Bei Schmidt war es der Terror der RAF und der Nato-Doppelbeschluss.

Bei Sadat war es der Krieg gegen Israel, die Brotunruhen 1977 und seine Konsequenz, Israel zu besuchen, um Versöhnung zu erreichen.

Schmidt wurde von seinen Genossen wegen seiner Zustimmung zum Nato-Doppelbeschluss gestürzt, Sadat am 6. Oktober 1981 durch ein Attentat ermordet.
Die Religiosität der beiden Männer war fundamental verschieden. Sadats Islam bestand aus einer eigentümlichen Verbindung aus einer koranisch geprägten Verantwortung vor Gott, dem Schöpfer des Lebens und einer mystisch geprägten universalen Liebe zu allen Gottesgeschöpfen. Diese theozentrische Liebesmystik war dem von der religionskritischen Aufklärung geprägten Schmidt, der sich selbst als wenig religiös bezeichnete, ganz fremd. Dennoch war Schmidt der Meinung, dass die Kirchen zum „Kitt der Gesellschaft“ gehören und die Weisheit religiöser Menschen gebraucht würde, besonders für lebenskluge Ratschläge in krisenhaften Lebenslagen. Deshalb konnte Schmidt Sadat zuhören und verstehen.

Auf dem Nil erfuhr Schmidt von Sadat erstmals vom gemeinsamen Ursprung der abrahamitischen Religionen. Der Sinai sei der Ursprungsraum des Monotheismus, Abraham der Vater des Glaubens für drei Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Jesus ist der zweithöchste Prophet des Koran, von Adam bis Mose sind die Propheten allen drei Religionen gemeinsam.

Sadats Schlussfolgerung: „Die Christen haben die jüdischen Thora als Altes Testament anerkannt, ebenso der Koran, der überdies das christliche Neue Testament anerkannt hat.“

Im Nachlass von Schmidt finden sich theologische Schriften, deren Anmerkungen von seiner Hand zeigen, dass er vor allem Sadats Behauptung nachgegangen ist, dass sich der Koran an vielen Stellen mit biblischen Überlieferungen des Alten und Neuen Testaments überschneidet und dass also Muslime mit Juden und Christen gemeinsame Erzählungen teilen. Das betrifft vor allem die Erzählungen von Noach, Abraham, Mose und Jesus, die in der islamischen Tradition „Prophetengeschichte“ genannt werden.

Sadats persönliche Schlussfolgerung war, dass er sich nicht nur eine private Hütte auf dem Sinai baute, in die er sich immer wieder zu Meditationen zurückzog, sondern auch ein Projekt entwickelte, dort eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee als Pilgerort und Begegnungsstätte der drei Religionen zu bauen. Wegen seiner Ermordung konnte er das nicht vollenden, bis heute zeugen allerdings die Fundamente der angefangenen Bauten von seinem Vorhaben.

Helmut Schmidt hatte dagegen sofort die Bedeutung des Wissens über die gemeinsamen Wurzeln der drei abrahamischen Religionen für die internationale Friedenspolitik erkannt. Es konnte einer Strategie der Entfeindung und für eine Erziehung der wechselseitigen Toleranz dienen.

Mehr noch. Helmut Schmidt verdankt Sadat die Erkenntnis, dass die multipolare Welt des späten 20. und des frühen 21. Jahrhunderts nicht ohne den prägenden Einfluss von großen Religionen auf Menschen verstanden werden kann. Globale Säkularisierungsprognosen sind längst empirisch widerlegt und treffen ohnehin nur auf Teile der Welt zu. Nur weil Europa sich vom Christentum verabschiedet, heißt das nicht, dass die übrige Welt auf Religion verzichten wird.

Helmut Schmidt hat nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt verstärkt Kontakt zu religiösen Vertretern auf internationaler Ebene gesucht. Er hatte erkannt, dass der interreligiöse Dialog notwendig ist, um einen gemeinsamen Wertekanon herauszuarbeiten, damit das Handeln der Menschen auf eine allgemeine religions- und kulturübergreifende einheitliche Grundlage gestellt werden kann. Wie bei Sadats interreligiöser Pilgerstätte sind von Schmidts Vorhaben nur die Fundamente zu sehen. Ob die Gebäude darauf errichtet werden, hängt davon ab, ob das Vermächtnis der beiden großen Männer von uns erfüllt wird.

Quelle: “Vera Lengsfeld”:https://vera-lengsfeld.de/2019/05/04/helmut-schmidt-und-das-christentum/#more-4362

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