Eine Republik der freien Geister

von Vera Lengsfeld24.10.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Um 1800 war es die kleine thüringische Stadt Jena, die für ein paar kurze Jahre zum Anziehungspunkt für die Geistesgrößen jener Zeit wurde. Fast alle, bis auf Kant, waren hier: Fichte, Hegel, Schelling, die nacheinander den philosophischen Lehrstuhl der Universität zierten. Goethe, Schiller, Novalis, Tieck, die Gebrüder Schlegel schufen hier Meisterwerke, schreibt Vera Lengsfeld.

Deutschland war in längst vergangenen Zeiten tatsächlich einmal führend auf vielen Gebieten: der Literatur, der Poesie, der Philosophie, der Medizin, der Naturwissenschaften, der Erforschung der Meere und fremder Kontinente, der Mathematik, der Geodäsie, der Astronomie. Ich rede von der Goethezeit. Damals lebte nur ein Viertel der heutigen Einwohnerschaft , obwohl Deutschland bis nach Königsberg reichte , das der Philosoph Immanuel Kant nie verlassen hat und dennoch für Generationen von Philosophen der Leitstern war. Die damalige Zauberformel lautete Freiheit des Denkens. Dort, wo aufgeklärte Monarchen herrschten, bildeten sich Cluster aufgeklärter, kreativer Männer und Frauen.

Um 1800 war es die kleine thüringische Stadt Jena, die für ein paar kurze Jahre zum Anziehungspunkt für die Geistesgrößen jener Zeit wurde. Fast alle, bis auf Kant, waren hier: Fichte, Hegel, Schelling, die nacheinander den philosophischen Lehrstuhl der Universität zierten. Goethe, Schiller, Novalis, Tieck, die Gebrüder Schlegel schufen hier Meisterwerke. Clemens Brentano, noch einfacher Student der Medizin, kam, um zu bewundern. Johann Wilhelm Ritter und Alexander von Humboldt vertreten die Naturwissenschaften. Damit sind nur die heute noch bekannten Personen genannt.

Die Wallenstein-Triologie entstand hier, Goethe schrieb am Faust und am Wilhelm Meister, nebenbei entdeckte er den menschlichen Zwischenkieferknochen im Anatomischen Turm, Friedrich Schlegel quälte sich mit dem zweiten Teil seiner „Lucinde“ und August Wilhelm nahm seine berühmten Shakespeare-Übersetzungen in Angriff. Novalis legte „Die Christenheit oder Europa“ vor, das ein Fragment bleibt.

Man traf sich zum Mittagessen, das Caroline, verwitwete Böhmer, verheiratete Schlegel und zukünftige Frau Schelling bereitete, um zu diskutieren. Dabei wurden kontroverse Meinungen ausgetauscht, ohne dass der Kreis auseinander flog.

In einem Dachstübchen schrieb Dorothea Schlegel, geschiedene Veit, ihren ersten Roman, der noch anonym erschien und ihre Schriftstellerkarriere begründete, mit der sie sich, Schlegel und ihren Sohn Philipp Veit, später ein berühmter Maler, finanziell über Wasser hielt.

In Peter Neumanns Buch „Jena 1800“ wird diese illustre Gesellschaft anschaulich beschrieben. Es ist fast, als schaute man den Akteuren zu. Es ist aber alles andere als eine Schlüsselloch-Geschichte. Eher erfahren wir, wie Ideen, Kreativität und gegenseitiges Beflügeln die Mitglieder des Kreises bereicherten und zu Höchstleistungen trieben.

Es handelt sich um eine echten Bildungsroman. Zu jeder Person gibt es eine Kurzdarstellung ihrer wichtigsten Positionen. Wer in nuce wissen will, was die klassische deutsche Philosophie ausmacht, oder wie Schiller Geschichte für sein Werk verarbeitet, ist mit Neumann gut bedient. Wissensdurstige wird es zum Weiterlesen ermutigen. Vielleicht bekommt der eine oder die andere auch Lust, die Originaltexte zu lesen. Das ist sicher im Sinne des Autors, der selbst Philosophie an der Friedrich-Schiller-Universität lehrt.

Natürlich erfahren wir auch etwas über die welterschütternden Ereignisse, die sich, angefangen von der französischen Revolution, über die Mainzer Republik, dem deutschen Versuch, mit den Franzosen gleichzuziehen, bis hin zur Schlacht bei Jena und Auerstedt, die von den Experten, bis sie stattfand, für unmöglich gehalten wurde. Im Ergebnis sieht Hegel den Weltgeist in Form des Imperators Napoleon durch Jena reiten, während die französischen Truppen in der Stadt marodieren. Im zeitlichen Ablauf liegt das einzige Manko des Romans. Neumann springt hin und her. Das erschwert die geschichtliche Orientierung.

Es waren weder ruhige, noch friedliche Zeiten. Jena war eher eine kleine Insel der Glückseligkeit im Sturm der Zeit. Der Kreis zerfiel auch sehr bald an inneren und äußeren Widersprüchen. Die Mitglieder zerstreuten sich in alle Himmelsrichtungen: Nach Paris, nach Berlin, nach Süddeutschland, nach Wien oder Weimar. Manche, wie Novalis, starben früh. Nur der Impuls, den diese Runde der deutschen Kultur und Wissenschaft gegeben hat, ist unsterblich.

“Peter Neumann „Jena 1800“”:https://www.amazon.de/gp/product/3827501059/ref=as_li_qf_asin_il_tl?ie=UTF8&tag=veralengsfeld-21&creative=6742&linkCode=as2&creativeASIN=3827501059&linkId=51df304c4fcd962736c53345572b12e3

Quelle: “Vera Lengsfeld”:https://vera-lengsfeld.de/2018/10/21/die-republik-der-freien-geister-jena-1800/#more-3641

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die AfD ist der Aufstand der Straße gegen die Zumutung des kategorischen Imperativs

Die mangelnde Problemlösungsfähigkeit, die den regierenden Parteien in Umfragen unterstellt wird, scheint mir das eigentliche Problem. Keiner behauptet, die AfD könne die Probleme lösen oder habe die Konzepte dafür; sie ist reine Protestpartei, inhaltlich nichts sagend.

Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten machen linke Berichtserstattung

Zur Studie des Reuters Institute, wonach die öffentlich-rechtlichen Sender lediglich eine Minderheit der Bevölkerung erreichen, die sich darüber hinaus links der Mitte verortet, erklärt der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland.

Die DDR kommt wieder!

Zwei Drittel der Berliner befürworten einen Mietendeckel, wenn die Mieten zu stark ansteigen. Das Bundesverfassungsgericht sagt, dass „preisrechtliche Vorschriften, die durch sozialpolitische Ziele legitimiert werden, verfassungsrechtlich nicht ausgeschlossen sind“. Die Mietpreisexplosion in Be

Die AfD verändert die politische Geographie

Am 1. September wird in Brandenburg und Sachsen gewählt. Die ermatteten Volksparteien bekommen ihre Quittung für eine Politik politischer Lethargie. Die AfD pflügt seit Wochen die politische Landschaft um, aber warum hat sie so eine Macht in Ostdeutschland?

Der Klassenkampf hat gerade erst begonnen

Es ist hohe Zeit zu begreifen, dass der linke Zeitgeist brandgefährlich ist. Jene, die das, was sie für das Gute halten, wie eine Monstranz vor sich her tragen und unermüdlich die Welt verbessern wollen, lassen alle Hemmungen fallen, wenn sie feststellen müssen, dass es Andersdenkende gibt.

Greta Thunberg ist eine grüne Koboldexpertin

Tag für Tag verkünden uns Marionetta & Co. mit ernster Miene, dass das Ende der Welt bevorsteht, wenn nicht endlich, endlich, endlich die Forderungen einer schwedischen Schulschwänzerin und einer grünen Koboldexpertin eins zu eins in die Tat umgesetzt werden - sprich: Wenn unser aller Leben nich

Mobile Sliding Menu