Carmen auf dem Schrottplatz

von Vera Lengsfeld12.08.2018Gesellschaft & Kultur, Medien

Für die Jubiläumsaufführung anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Domstufen-Festspiele hat das Theater Erfurt die Oper „Carmen“ von Georges Bizet ausgewählt. Eine Aufführung, die man sich gut ansehen kann. Georges Bizets Musik ist sowieso unzerstörbar und wirkt vor der grandiosen Domkulisse noch stärker, befindet Vera Lengsfeld.

Schon im Vorfeld, als Autoschrott auf den Domstufen für das Bühnenbild aufgehäuft wurde, gab es heftige Diskussionen. Dabei war die Idee gar nicht so abwegig, die Zigeuner sind das fahrende Volk. Früher waren es Pferde, heute sind eben Autos das Transportmittel.

Aber natürlich reichte diese Assoziation nicht. Der Schrottplatz sollte laut Programmheft vor allem symbolisieren, dass Zigeuner bis heute am Rand der Gesellschaft leben. Richtig. Fraglich, ob daran allein die Gesellschaft schuld ist, wie uns politisch-korrekt versichert wird, oder ob diese Existenz nicht doch frei gewählt ist, auch wenn wir uns das nicht vorstellen können.

Immerhin hatten sich die sozialistischen Länder, in der Annahme, früheres Unrecht wieder gut zu machen, nicht nur sehr darum bemüht, ihreZigeuner in die Mitte der Gesellschaft zu holen. Sie haben, als das nicht klappen wollte, sogar Zwangsbeglückungsmaßnahmen exekutiert, ohne viel Erfolg zu haben. Rotwelsch ist übrigens bis heute eine Sprache, die niemand außer den Zigeunern versteht. Ich benutze das Wort Zigeuner bewusst, weil Sinti und Roma nur zwei von über hundert Zigeunerfamilien sind.

Der Premierenabend wurde vom Generalintendanten und Regisseur Guy Montavon sehr originell eröffnet. Er fuhr in einem Diesel-Mercedes-Modell vor, wie es dereinst auch Konrad Adenauer benutzt hat. Er begrüßte den Schirmherren, Ministerpräsident Bodo Ramelow, der ein paar nicht näher benannte Kabinettsmitglieder mitgebracht hatte, aber nicht seine Umweltministerin, wohl um ihr Peinlichkeiten zu ersparen. Autos spielten eine dominierende Rolle in der Inszenierung. Wie hätte sie das kommentieren sollen?

Übrigens saßen, wenn ich das richtig gesehen habe, mehr Mitglieder des ehemaligen Kabinetts Vogel im Publikum, darunter eine Kurzzeit-Ministerpräsidentin, die aber nicht begrüßt wurden. So schnell vergeht der Ruhm in der Politik.

Am Beginn des Stückes war der Schrottberg von einer Reminiszenz an den Berliner Mauerdurchbruch verdeckt. „Freiheit ist unwiderstehlich“ oder so ähnlich stand auf einem der mit Leinwand bedeckten Zaunteile. Während des Vorspiels durften die Statisten fröhlich die Polizei verprügeln. Das hat der Haut-die Bullen-platt-wie-Stullen-Fraktion sicher gefallen, wirkte aber gerade deshalb ewiggestrig.

Danach wurde es besser. Der Beginn des ersten Aktes, der Streit der Zigarettenarbeiterinnen, spielte sich noch hinter dem Zaun ab. Erst als Carmen von Don José befreit worden war, fielen einige der schweren Zaunelemente krachend auf die Domstufen. Wer wohl anschließend die Reparaturen bezahlt?

Der Schrottplatz erinnerte dann doch sehr an ein Zigeunerlager. Die Kostüme der weiblichen Darsteller, von Carmen bis zur letzten Statistin, wirkten wie Versatzstücke aus der Grabbelkiste von Kik. Um so bewundernswerter, wie es Katja Bildt durch souveränes Auftreten gelang, eine begehrenswerte Schönheit darzustellen. Raffiniert die Szene, in der Carmen für Don José (Klasse: Won Whi Choi), singt und tanzt. Sie zieht sich dafür in den Wohnwagen zurück und es bleibt der Phantasie der Zuschauer überlassen, was Don José zu sehen bekam. Bildts Stimme ist jedenfalls hinreißend.

Nach der Pause wurde der Schrottberg zum wild-romantischen Rückzugsort. Mit Feuerschalen beleuchtet ähnelte er in der Dunkelheit den Bergen, in denen sich die Schmuggler bewegten. Auftritt Michaela, die im Auftrag seiner Mutter Don José sucht. Margrethe Fredheim wurde für ihre Leistung regelrecht gefeiert. Sehr gut auch der Part der Kartenlegerinnen Frasquita (Julia Neumann) und Mercédès (Annie Kruger), deren Karten Carmen den Tod voraussagen.

Der Schlussakt geriet zu Beginn leider kitschig und vulgär. Um die Stierkampf-Szene zu illustrieren, wurden Feuerwerkskörper gezündet und Scheinwerfer geschwenkt. Carmen und Escamillo erschienen in einem riesigen aggressiven Geländewagen, der auch noch ein paar Stufen hochfuhr, ehe er zum Stehen kam. Das wurde von einem anderen Geländewagen wiederholt. Der Rest der Autos hielt glücklicherweise vor den Stufen. Die Nummer wirkte, als wäre sie von den geldgebenden Autohäusern bestellt, die auf diese Weise ihre Modelle präsentieren konnten.

Zum Glück kehrte die Raffinesse zurück. Während des dramatischen Finales zwischen Don José und Carmen, das sich mit großer Intensität vor den geparkten Autos abspielte, gab es oben in der Arena den Kampf zwischen Ecamillo und dem Stier als Pantomime.

Insgesamt eine Aufführung, die man sich gut ansehen kann. Georges Bizets Musik ist sowieso unzerstörbar und wirkt vor der grandiosen Domkulisse noch stärker. Die Sänger, der Chor, das Orchester gaben alles. Das Publikum war begeistert.

Beim Rausgehen sah ich, dass viele Zaungäste die Aufführung auf der Wiese vor dem Festspielgelände verfolgt hatten, darunter etliche junge. Ein weiterer Beweis, dass die Jubiläumsaufführung geglückt ist.

Quelle: “Vera Lengsfeld”:https://vera-lengsfeld.de/2018/08/04/carmen-auf-dem-schrottplatz/#more-3340

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Die Nominierung von Ursula von der Leyen ist ein Taschenspielertrick

"Die Nominierung von Ursula von der Leyen ist ein Taschenspielertrick. Damit wurde die Demokratie verletzt. Die Regierungschefs versuchen immer, aus der EU einen Regierungsföderalismus zu machen, was mir überhaupt nicht gefällt. Da kommen sich die Wählerinnen und Wähler mindestens veralbert vor

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu