Mauerfall in den USA

von Vera Lengsfeld18.11.2016Außenpolitik, Innenpolitik

Der Wahlsieg Trumps ist so etwas wie der Mauerfall in den USA. Doch könnte sich das ganze auch auf Deutschland auswirken? Merkel könnte die nĂ€chste Clinton werden – das wĂ€re vielleicht auch ganz gut so.

Es kam, wie Michael Moore in seinem Film „Trumpland“ es vorausgesagt hat: „Trump’s election is going to be the biggest f— you ever recorded in human history and it will feel good.“
Dem politischen Establishment, das sich immer mehr als eine nach Weltherrschaft strebende Kaste sah, wurde, um es mit Moore zu sagen, der Stinkefinger gezeigt. Zivilisierter ausgedrĂŒckt: Dem in-ternationalen Politiker-Netzwerk, das sich bis heute zu fest im Sattel sitzen sah, als dass es einen solchen Wahlausgang fĂŒr möglich halten konnte, ist gezeigt worden, dass die Demokratie noch funktioniert. Wohl kein PrĂ€sidentschaftskandidat, nicht einmal Ronald Reagan, hat gegen eine solche Antipropaganda und falsche Umfragen die Schlacht gewonnen.
Die Überraschung des Politestablishments ist nur zu vergleichen mit der Überraschung der kommunistischen Nomenklatura, als sie 1989/90 hinweggefegt wurde.

ARD spielt Gender-Rassenkarte

Wie tief die Fassungslosigkeit ist, wurde am Beispiel des ARD-Korrespondenten in New York Markus Schmidt deutlich, der nach dem Wahlsieg von Trump noch erklĂ€rte, die Wahl wĂ€re entlang der Gender- und Rassengrenzen gewonnen worden. FĂŒr Trump hĂ€tten die weißen MĂ€nner und die Arbeitslosen gestimmt, fĂŒr Hillary Clinton die Schwarzen, die Hispanics, die Gebildeten und die Frauen. Das Hillary Clinton dann die Wahl mit Zweidrittelmehrheit hĂ€tte gewinnen mĂŒssen, fiel dem gestandenen Journalisten nicht auf. Solche Verheerungen können ideologische Vorurteile im Denken anrichten.
Schon in den ersten Minuten nach der Wahl hat Donald Trump gezeigt, das man nicht Teil des Poli-tikernetzwerkes sein muss, um als kluger Staatsmann aufzutreten. Er hat seine AnhÀnger warten lassen, bis der Anruf von Hillary Clinton kam, mit dem sie ihm zum Wahlsieg gratuliert hat.
Als er dann in der Öffentlichkeit erschien, war sein Auftritt fein, bescheiden, demĂŒtig, dankbar, fern von allem Triumphgeheul.

Versöhnliche Worte

Er bedankte sich als erstes bei Hillary Clinton fĂŒr alles, was sie in den vergangenen Jahrzehnten fĂŒr das Land getan hat, und fĂŒgte hinzu, dass es sein Wunsch sei, das zerrissene Land wieder zu vereinen. Er wolle der PrĂ€sident aller Amerikaner werden. Er bat alle, die ihn nicht gewĂ€hlt haben, ausdrĂŒcklich um ihre Hilfe und UnterstĂŒtzung. Sein Wahlkampf wĂ€re kein klassischer Wahlkampf gewesen, sondern der Beginn einer Bewegung fĂŒr eine bessere Zukunft.
Er wolle dafĂŒr sorgen, dass der Staat wieder dem Willen des Volkes dient und versichert: „serve the people it will“. Trump will den amerikanischen Traum erneuern, das „Potential der Menschen zum ErblĂŒhen“ bringen. Die vergessenen Menschen wĂŒrden nicht lĂ€nger vergessen sein. Amerika wĂŒrde wieder aufgebaut, die marode Infrastruktur erneuert. Den Veteranen, von denen er viele in den Wahlkampfwochen persönlich kennengelernt hĂ€tte, solle endlich die Anerkennung zukommen, die sie verdient hĂ€tten.
Auch was die Außenpolitik betrifft, schlug Trump versöhnliche Töne an: „Wir wollen mit allen gut zurecht kommen, die bereit sind, mit uns zurecht zu kommen. Wir werden mit allen fair umgehen“, versprach Trump, „keine Konflikte, sondern Partnerschaft“.
Zum Schluss kam der besondere Dank fĂŒr seine UnterstĂŒtzer. Zuerst an seine Patchwork-Familie, denn außer seiner Frau hatten ihm alle Kinder aus seinen frĂŒheren Ehen geholfen. Politik sei hĂ€sslich und hart, sie hĂ€tten aber zu ihm gestanden.
Dann dankte er neben Rudolph Giuliani, dem ehemaligen New Yorker BĂŒrgermeister, auch Ben Carson, dem schwarzen Neurochirurgen Ben Carson, der sich als erster Mitbewerber in den Primaries fĂŒr Trump ausgesprochen hatte.
Außer bei seinen UnterstĂŒtzern, zu denen auch 200 GenerĂ€le und AdmirĂ€le gehört haben, bedankte sich Trump bei den Polizisten, deren Arbeit zu wenig geschĂ€tzt wĂŒrde.
Nun, beendete er seine kurze Ansprache, mĂŒsse „gute Arbeit geleistet werden. Ich werde euch nicht enttĂ€uschen!“ Nach acht Jahren sollen alle sagen können, dass etwas geschehen ist, worauf sie stolz sein können.
„Der Wahlkampf ist zu Ende, die Arbeit fĂŒr die Bewegung beginnt. Ich liebe dieses Land“
Nach dieser klugen Rede, war die Nörgelei der ARD-Wahlrunde, die nur aus Clinton-AnhĂ€ngern bestand, einfach Ă€tzend und peinlich. So fĂŒhren sich nur die schlechtesten aller Verlierer auf.

Merkel und Clinton?

Was bedeutet die Wahl Trumps fĂŒr Deutschland, abgesehen von der „totalen Überraschung, Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit“? Wenn Clinton gewĂ€hlt worden wĂ€re, hĂ€tte das automatisch die vierte Kanzlerschaft fĂŒr Merkel bedeutet. Das ist jetzt keineswegs mehr sicher. Kanzlerin Merkel und ihr Lager tĂ€ten gut daran, die Signale zu hören, die von der US-Wahl ausgingen. Nicht nur die Amerikaner haben von einem Politiker-Establishment die Nase voll, das sich wie die Feudalabsolutisten auffĂŒhrt.
Ich war, nachdem ich ihn in den Primaries selbst erlebt hatte, anfangs sehr gegen Trump. Meine Meinung habe ich revidiert, als ich vor ein paar Wochen seine außenpolitische Rede hörte. Immer wenn Beifall aufbrandete und in Trump-Trump-Rufe ĂŒberging, stoppte der Kandidat seine AnhĂ€nger und fuhr fort.
Ich dachte, dass mir ein PrĂ€sident, der sich nicht im Beifall sonnt, lieber ist, als eine Kanzlerin, die sich einen zehnminĂŒtigen Beifall bestellen und ausfĂŒhren lĂ€sst.
Kanzlerin Merkel, es ist Zeit, zu gehen.

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