Warum werden die Politiker immer dümmer?

Vera Lengsfeld2.08.2016Politik

Thilo Sarrazin klagt in seinem neuen Buch über eine bedenkliche Entwicklung im Bildungssystem der Bundesrepublik.

Das waren noch Zeiten: 1910 war die gesamtwissenschaftliche Literatur der Welt zu über 50% auf Deutsch verfasst. Überproportional viele Nobelpreisträger kamen aus Deutschland. Das war ein Erfolg der von Wilhelm von Humboldt konzipierten und durchgesetzten Bildungsreform.

Humboldt ging von der Überzeugung aus, dass aus der Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Begabungen folge, dass ein einheitliches Anforderungsniveau den einen überfordert, den anderen langweilt.
Deshalb führte Humboldt ein dreigliedriges Schulsystem ein: 90% der Schüler besuchten die Volksschule, erst für sechs, dann für acht, später für zehn Jahre. Eine Ergänzung bildete ab dem 19. Jahrhundert die Realschule , auf der man die mittlere Reife erwerben konnte. Für 5% der Schüler gab es das von Humboldt konzipierte Gymnasium, dessen erfolgreicher Abschluss zur Aufnahme eines Studiums berechtigte.

Nachzulesen ist das ausführlicher bei Thilo Sarrazin. Bereits in meiner ersten Rezension seines  neuen Buches „Wunschdenken“ habe ich geschrieben, dass es sich um mindestens drei Bücher in einem handelt. Das Kapitel Bildung ist so wichtig, dass ich es hier noch einmal extra behandeln möchte.

Bildungsmisere vieler Politiker

Die Affäre Petra Hinz, die mit einem erfundenen Bildungsweg politische Karriere machte, die sie in den Bundestag brachte, hat ein weiteres Schlaglicht auf die Bildungsmisere unserer Politiker geworfen. Abkopierte Doktorarbeiten wie bei Theodor zu Guttenberg, Anette Schawan und Ursula von der Leyen sind nur die Spitze des Eisberges. Gekaufte akademische Titel wie beim Berliner Senator Mario Czaja, der seinen erschwindelten Abschluss wenigstens noch nachholte, sind kein Einzelfall. Die Fraktionschefin der Grünen Kathrin Göring-Eckardt gab in früheren Bundestagshandbüchern an, sie sei Theologin und änderte das erst, als ihr abgebrochenes Studium thematisiert wurde. Ein komplett erfundener Bildungsweg, wie bei Hinz, ist eine neue Qualität.
Entscheidend sind aber die erschreckenden Bildungslücken unseres politischen Personals.
„Damit meine ich nicht Verständnisprobleme in Bezug auf die Relativitätstheorie oder die Feinheiten moderner Geldpolitik, sondern grobe Lücken auf dem Gebiet der Geschichte und der Evolution“, schreibt Sarrazin.
Ein Beispiel dafür ist Renate Künast von den Grünen, die es sogar bis zur Ministerin brachte. Künast, die übrigens Abraham Lincoln nicht von George Washington unterscheiden kann, forderte schon mal in der Klimadebatte, die CO2-freie Gesellschaft, weil sie nicht weiß, dass CO2 unverzichtbar für das Pflanzenwachstum ist.

Politische und gesellschaftliche Debatte verliert an Niveau

Kein Wunder, dass die politische und gesellschaftliche Debatte, sofern sie überhaupt noch stattfindet, immer mehr an Niveau verliert. Entscheidender aber ist, dass unsere Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigt und unser wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Rang in der Welt akut gefährdet ist.
Kulturelles Wissen wird nicht mehr in ausreichendem Maße weitergegeben. „Folglich geht die Allgemeinbildung der künftigen Eliten in Deutschland auf breiter Basis zurück“.

Sarrazins bittere Schlussfolgerung:
„Soweit im heutigen Deutschland solche Universalgenies wie Alexander von Humboldt und Johann Wolfgang von Goethe noch geboren werden, erlangen sie ihr breites Bildungswissen bestimmt nicht mehr im staatlichen Schulsystem, das entsprechende Angebote heute gar nicht mehr macht.“
Wie konnte es dazu kommen, dass ein so erfolgreiches Bildungssystem, wie das von Humboldt, derart heruntergewirtschaftet werden konnte? Das ist der „Erfolg“ einer ideologiegesteuerten Bildungspolitik, die systematisch eine Niveauangleichung nach unten fördert, um mehr „Chancengleichheit“ zu erzielen.
Sarrazin: „Der Niveauverlust beginnt bereits in den Grundschulen. Er hat bewirkt, dass die fachlichen Anforderungen sowohl für den Hauptschulabschluss als auch für das Abitur deutlich niedriger sind, als in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts…

In der Grundschule war es bis in die 1970er und 1980er Jahre allgemeiner Standard, dass ein Kind am Ende des ersten Schuljahres lesen konnte, dass es am Ende des vierten Schuljahres weitgehend sicher in der Rechtschreibung war, die vier Grundrechenarten beherrschte, sowie schriftlich multiplizieren und dividieren konnte.Damit erbrachte ein zehn Jahre altes Kind… Leistungen, die heute beim Hauptschulabschluss nicht mehr selbstverständlich sind.“

Im heutigen Bildungssystem „wird am Ende der Bildungspyramide ein nicht ausbildungsfähiges Subproletariat herangezogen, während am oberen Ende die Begabten und Leistungsstarken gar nicht mehr herausgefordert werden, ihr Bildungspotential voll zu entfalten.“

Das Abitur wird immer mehr zum allgemeinen Schulabschluss, wie in Amerika, der nur beschränkt zum Studium befähigt.

„In den Natur-und Ingenieurwissenschaften scheitert ein großer Teil der Studenten, soweit er nicht überhaupt diese Fächer scheut, an mathematischen Propädeutika. Wegen dieser Klippe wechseln viele nach kurzer Zeit vom Bauingenieur- zum Architekturstudium.“

Weil immer mehr Schüler zum Abitur zugelassen werden, suchen die Betriebe „händeringend Lehrlinge, aber die Kandidaten hocken alle in den Gymnasien und Fachhochschulen rum…
Die sogenannte Studienanfängerquote …stieg von 27,2 Prozent im Jahr 1995 auf 57,5 Prozent im Jahr 2013. Dagegen sank die Zahl der Neuzugänge im dualen System (Lehrverträge)von 569 000 im Jahr 2007 auf 497 000 im Jahr 2013“.

Mit der gestiegenen Quantität von Studenten ist eine Absenkung der Qualität verbunden. Nicht mehr das akademische Niveau bestimmt die Höhe der staatlichen Geldzuwendungen an Universitäten und Hochschulen, sondern die Anzahl der Studienabschlüsse. In NRW hat die Politik bereits über Höchstquoten für Studienabbrecher nachgedacht. Das trägt zur weiteren Absenkung des Niveaus bei, um solche Abbrüche zu verhindern.

Diese verfehlte Politik zur Herstellung größtmöglicher Gleichheit ist eine schwere Bürde für unser Land. Die Produktivität eines Landes ist direkt oder indirekt das Resultat von Intelligenz, Bildung und Wissen. Also sind Intelligenz, Bildung und Wissen, die zentralen Faktoren für den Wohlstand von Individuen und Gesellschaften. Eine Absenkung des Bildungsniveaus nach unten, um einer Gleichheitsideologie willen, wird eher früher als später gravierende Auswirkungen auf unser Lebensniveau haben.
Eine politische Klasse, die immer ungebildeter wird, scheint unfähig zu sein, das zu erkennen.

Der Text erschien zuerst bei “Vera Lengsfeld.de”:http://vera-lengsfeld.de/

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