Städte übernehmen von Staaten die Rolle als Problemlöser. Benjamin Barber

Drei Gründe für das historische WM-Aus

Historisch. Zum allerersten Mal in der Geschichte der Nationalmannschaft ist Deutschland in der Gruppenphase ausgeschieden. Dabei lag es nicht an der starken Gruppe und schon gar nicht am Spielglück. Drei große Gründe sind schuld am Turnieraus.

1. Motivation schlägt Fähigkeit

Jogi Löw gab sich in den letzten Wochen betont lässig: Dunkles Schlabber T-Shirt, entspannte Joggingrunden und immer wieder mantraartige Parolen: „Wir werden weiterkommen“, „Wir werden wieder Weltmeister werden“ Dabei fiel auf: Das Wort „wollen“ fehlte in den Interviews komplett. An der Vokabel „wollen“ ist aber letztlich das Turnier verloren gegangen. Denn selbst als Weltmeister, selbst als Topfavorit muss man eben 100% geben, 95% reichen nicht einmal gegen Südkorea.
Es wäre an der Stelle unfair, nur alles am Trainer festzumachen. Alle Verantwortlichen haben diese (Nach-)Lässigkeit mitgelebt.

Manager Oliver Bierhoff gab vor dem entscheidenden ein bemerkenswertes Interview: Er redete viel über den Weg in ein mögliches Finale, aber kaum ein Wort über das bevorstehende Endspiel gegen Südkorea.
Genau diese „Laissez-faire“ Haltung der Verantwortlichen zeigte sich spiegelbildartig auf dem Platz. Es fehlte der Biss, es fehlte die Leidenschaft. Es fehlte der Wille unbedingt gewinnen zu WOLLEN. Und das fing schon mit dem Schlabber T-Shirt an…

2. Gündogan und Özil

Leider kommt man bei der Analyse nicht um ein wundes Thema rum. Fakt ist: Özil und Gündogan nicht aus dem WM-Kader zu streichen, war ein Fehler. Ein Fehler, der weitgehende Folgen hatte. Zum einen einfach sportlicher Natur: Özil und Gündogan sind begnadete Fußballer, die beide nicht mal annähernd an ihr Leistungsmaximum gekommen sind. Man konnte in jeder Aktion, bei jedem Pass den beiden beim Denken zusehen. Viel schlimmer als der Ausfall von zwei Leistungsträgern wiegt aber die ganze Stimmung, die dadurch verloren gegangen ist. Etliche Public Viewings wurden geschlossen und in den sozialen Medien wurden die Niederlage in großen Teilen eher hämisch, denn traurig begleitet um nur zwei Beispiele zu nennen. WM-Stimmung kam bei diesem Turnier nie so wirklich auf, das lag jetzt natürlich nicht nur an Gündogan und Özil, aber eben auch. Pfiffe gegen die eigene Mannschaft, die nicht weiß, ob sie sich zu den Kollegen oder gegen den Despoten positionieren soll. Die WM-Stimmung, also die Verbindung zwischen den Fans und der Mannschaft war bei dieser WM nicht vorhanden. Die Affäre Erdogan hat einen Anteil daran.

3. Am Ende zählt es auf dem Platz

Der dritte Grund ist ein rein sportlicher Grund, der aber auch aus den ersten beiden Argumenten resultiert. Die Nationalmannschaft ist nicht ausgeschieden, weil das Spielglück fehlte oder weil die Gegner zu stark waren, sondern weil die Spieler nicht ans Leistungsmaximum gehen konnten. Grund dafür sind natürlich auch die vorgelebte Lässigkeit und die schlechte Stimmung in Mannschaft und Land. Aber eben nicht nur. Deutschland hat im Vergleich zur siegreichen letzten WM viele Schlüsselspieler verloren, die nicht zu ersetzen waren. Allen voran einen echten Stürmer mit Miro Klose, Anführer wie Bastian Schweinsteiger und Phillip Lahm und Lukas Podolski, der die Mannschaft über Jahre menschlich zusammengehalten hat. Auch hat man bei einigen Spielern das Gefühl, sie seien schon über den Zenit. Allen voran der Bayernblock (ausgenommen sind dabei ausdrücklich Kimmich, Süle und Rudy), der seit dem Championsleague Aus gegen Real Madrid keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen hat. Gepaart mit einigen taktischen Fehlern vom Trainerstab führt das eben zur größten Blamage des deutschen Fußballs.

Naja, nun haben wir es Frankreich 2002, Italien 2010 und Spanien 2014 nachgemacht und sind als amtierender Weltmeister ausgeschieden: Weltmeister bleiben wir trotzdem. Historisch eben.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Valentin Weimer: Attacken auf christliche Symbole

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