Vier Gründe, warum in meiner Generation kaum einer mehr links ist

Valentin Weimer13.05.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

Für zwei, drei Generationen hatte Winston Churchill Recht: „Wer mit zwanzig kein Sozialist ist, hat kein Herz – wer es mit vierzig immer noch ist, hat kein Verstand“. In meiner Generation dagegen ist Linkssein irgendwie aus der Mode gekommen wie Schwarzweiß-Fernseher, Häkeldecken oder Einmachgläser. Gefühlt gestrig, gammelig, unsexy. Vier Gründe gibt es dafür:

1. Der Opa-Effekt!

Früher erzählten Großeltern vom Krieg, heute von den 68er Jahren. Beides klingt nach Veteranenvergangenheit. Doch keine neue Generation will in alte Schützengräben zurück. So wenig wie die 68er wieder Nazis werden wollten, so wenig wollen wir den 68ern nacheifern. Unsere Lehrer (vor allem die älteren) waren noch links, unsere Medien (vor allem die Öffentlich-rechtlichen) sind es noch immer. Also ist das für uns uncool. Auf Jugendpartys sieht man darum heute den Yeti wohl häufiger als einen jungen „echten“ Linken. Die Altersstrukturen der Parteien bestätigen den Befund. Mitglieder der Partei „Die Linke“ sind mit einem Durchschnittsalter (!) von mehr als 60 Jahren die ältesten aller relevanten Parteien. Ost-Opas mit weißen Schuhen sind noch Sozialisten, West-Öko-Omas mit Zeigefingern und Verboten sind noch links, Gewerkschaftsrentner vielleicht auch noch. Aber Jüngere mit Internet-Anschluss eher nicht.

2. ANTIANTIFA

Unsere „Generation Y“ verweigert sich schon der linken Weltsicht als ewigem Klassenkampf. Wir mögen Smoothies statt Sozis, Lounges statt Linksattacken, Bars statt Barrikaden, Geschmeidigkeit statt Gewalttäigkeit. Die Besserwisser-Dünnlippigkeit einer Ideologie ist unserer Generation fremd, vor allem wenn sie einem eingeprügelt werden soll. Unsere breite Masse verbindet nicht nur mit Rechts, sondern auch mit Linkssein Aggressivität und ein gewisses Gewaltpotential, der schwarze Block, Occupy und die Mairandale lassen grüßen. Das ANTIFA- Gruppen “genauso gewalttätig”:http://www.theeuropean.de/vera-lengsfeld/10908-linke-gewalt-wann-sterben-menschen und dumpf sinnig wie ihre Kollegen auf der anderen Seite des Poltischen Spektrums sind, macht ihre Weltsicht unattraktiv für die allermeisten von uns.

3. Wir sind „lechts” und „rinks”

Sich überhaupt Schubladen einzusortieren, ist uns fremd und unsympathisch. Wir wissen, dass die Welt nicht aus Schubladen besteht, die geistige schon gar nicht. Wir sind Kinder der Globalisierung und schätzen Vielfalt und Varianten. Darum sind wir politisch nicht eindimensional: Linkssein käme uns vor wie Doofsein oder nur einen E-Mail-Account haben. Das gilt aber auch fürs Rechts-Sein. Der Vorwurf, Europas Jugend sei nun halt „rechts“ stimmt eben auch nicht. Der Mythos, dass junge Menschen extremere Parteien wählen, bestätigt sich in meiner Generation nicht wirklich. Zwar wähle in der vergangenen Landtagswahl in Sachsen Anhalt jeder vierte unter 25 Jahren die AfD, aber das taten alle anderen Altersgruppen auch. Trotz eines dramatischen Rechtsrucks in ganz Europa bleibt die westdeutsche Jugend vergleichsweise zurückhaltend. So holte die AfD bei Erstwählern in Baden Württemberg und Rheinland Pfalz dreizehn bzw. zwölf Prozent. Klingt viel, ist es aber vergleichsweise nicht, denn die AfD holte in diesen Bundesländern 15, bzw. 13 Prozent. Da kann die vorangegangene Generation nur neidisch staunen, denn bei den 30-40 Jährigen hat die AfD die stärksten Zustimmungswerte. Kurzum: Wir treiben Deutschland gerade nicht in die Extreme.

4. „Mama ich will Gewerkschaftsführer werden“

Die altlinke Ideologie verheißt uns einfach zu wenig. Wären wir arme Kohlekinder mit Keuchhusten im Stollen, wären wir rechtlose Proletarierjugend ohne Wahlrecht aber mit Tbc – dann würde es Sinn machen für unsere Lage linksherum zu kämpfen. Aber heute dürften selbst bei Mandy aus Jena heroischen Robin-Hood-Geschichten kaum noch ziehen. Denn eine gebildete, freie, weit gereiste, vollvernetzte Wohlstandsgeneration, die in ständigen globalen Wettbewerb und Austausch steht, mit so vielen (zukünftige) Akademiker wie noch keine zuvor, kann sich schwer mit dem Bild des unterdrückten Arbeiters identifizieren, für den sich Linke vorschreiben, kämpfen zu wollen. Auch den Kindertraum : „Mama ich will Gewerkschaftsführer werden“ hört man in den Kinderzimmern des Landes eher selten. Wir brauchen andere Visionen als Gendergesetze, andere Träume als als Tarifverträge. Wir wollen mehr Freiheit anstatt mehr Staat, mehr offenes W-Lan als geschlossene Rentenpläne, mehr gute Laune als schlechtes Gewissen. Eine selbstbestimmte Karriere mit viel Freizeit, Gestaltungsraum und auch Geld scheint da verlockender als irgendein Klassenkampf für Klassen, die es längst nicht mehr gibt. Und, sind wir ehrlich, eine Gesellschaft der „Bessermacher“ ist eine der „Besserwisser“ doch vorzuziehen. Kurzum: Wer heute mit zwanzig Herz hat, ist weder links noch rechts. Und wer mit 40 noch offen ist, hat wahrscheinlich Verstand.

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