Wo soll der ganze Strom denn herkommen?

von Uwe Zimmermann12.08.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft

Die Elektromobilität ist zur Zeit Gegenstand vieler Diskussionen, die in der Regel ideologisch geprägt sind. Alleine die Tatsache, dass weder über die Herkunft des Stromes der zukünftigen mit Strom angetriebenen Fahrzeuge noch über die Kosten ausreichend diskutiert wird, zeigt, dass auch hier wieder die gleichen Fehler gemacht werden, wie in so manchen Politikfeldern der jüngeren Vergangenheit.

Einige Aspekte der Elektromobilität kommen bisher in der öffentlichen Diskussion viel zu kurz oder werden völlig ausgeklammert. Um dies zu verdeutlichen, sei in folgendem Gedankenspiel davon ausgegangen, dass alle mit Benzin und Diesel angetriebenen Fahrzeuge durch Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb ersetzt worden sind. Die ehemalige Mineralölsteuer auf Benzin und Diesel, heute die Energiesteuer, muss dann durch eine entsprechende Steuer auf Strom für Elektrofahrzeuge gedeckt werden, wenn der Bund nicht auf das sehr hohe Steueraufkommen verzichten will.

Der Jahresverbrauch von Diesel in Höhe von 36,4 Millionen Tonnen und Benzin in Höhe von 19,1 Millionen Tonnen entspricht einer Energie von 2,47 ExaJoule. Ausgehend von einem Wirkungsgrad von 30 Prozent für Diesel- und Benzin-Fahrzeuge müssten bei gleicher Fahrleistung für Elektrofahrzeuge 205,7 GWh an elektrischer Energie jährlich zur Verfügung gestellt werden. Die Energiesteuer auf Benzin und Diesel in Höhe von 36,4 Milliarden Euro jährlich müssten dann bei einer aufkommensneutralen Umrechnung auf den Stromverbrauch von Elektrofahrzeugen zu einer zusätzlichen Energiesteuer auf Strom führen. Die Stromkosten für Elektrofahrzeuge muss dann um 17,7 Ct/kWh steigen. Bei einem Strompreis für einen Haushalt in Höhe von 24Ct/kWh müsste der Fahrzeugbesitzer für die Stromladung 41,7Ct/kWh zahlen, wenn nur er belastet würde und nicht der allgemeine Stromkunde. Allerdings müssten dann die Stromladestationen und die Fahrzeuge technisch so ausgerüstet sein, dass der Ladevorgang steuerlich richtig abgerechnet werden kann. Wenn das politisch nicht gewollt ist, müssten die zusätzlichen Steuern auf alle Stromverbraucher umgelegt werden.

Konflikt zwischen Autostromern und allen anderen

An dieser Stelle gibt es schon den ersten Konflikt zwischen dem allgemeinen Stromverbraucher und dem Fahrzeugnutzer. Es muss grundsätzlich geklärt werden, auf welche Art und Weise die Stromnutzung von Fahrzeugen besteuert wird und wie die Kosten aufzuteilen sind. Die Bürger einfach in eine Richtung zu schicken und erst, wenn Fakten geschaffen sind, den Bürgern eine Rechnung zu präsentieren haben wir nicht nur bei der Energiewende leidvoll erfahren müssen. Mit dieser unseriösen Vorgehensweise der Altparteien muss jetzt Schluss sein. Die steuerlichen Aspekte der Umstellung auf Elektromobilität müssen jetzt angesprochen, diskutiert und entschieden werden.

Ein weiteres großes Feld stellt die Infrastruktur des Stromnetzes und der Stromerzeugung dar. Es ist doch klar, dass für den Ausbau des Stromnetzes für Schnellladestationen erhebliche Kosten zu decken sind. Auch hier ist eine Bedarfsanalyse erforderlich. Uns allen schwebt ein Bild von Tankstellen an Autobahnen in der Urlaubszeit vor, vor denen sich sehr lange Schlangen zum Tanken bilden. Und das bei Fahrzeugen, die sich innerhalb von zwei Minuten auftanken lassen. Die Probleme des Netzausbaus, die durch die Energiewende jetzt schon bestehen, werden durch die Umstellung auf Elektromobilität vervielfacht werden.

Woher soll die Energie kommen?

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Stromerzeugung. Der oben angegebene Energiebedarf von 205,7 GWh erfordert einen erheblichen Ausbau an Kraftwerkskapazitäten. Da sich ein Fahrzeughalter sicherlich nicht von einer zentralen Planungsbehörde vorschreiben lassen möchte, wann er sein Fahrzeug laden darf und wann nicht, werden die Lastspitzen gegenüber dem heutigen Stand weiter zunehmen. Es wird daher einen erheblichen zusätzlichen Bedarf an Spitzenlastkraftwerken geben. Es ist eine Binsenweisheit, dass Windkraftanlagen nur dann Strom liefern, wenn Wind vorhanden ist.

Die durchschnittliche Verfügbarkeit von Windkraftanlagen bei Nennleistung beträgt 15 Prozent. Es wird daher recht schwierig werden, einen Fahrzeughalter zum Laden des Fahrzeug auf das nächste Windaufkommen zu vertrösten. Entsprechendes gilt für Photovoltaikanlagen, die systembedingt vom Sonnenschein abhängen. Grundlastkraftwerke wie Kernkraftwerke oder Kohlekraftwerke sind zur Abdeckung von Spitzenlast ebenfalls nicht geeignet. Als Spitzenlastkraftwerke eignen sich Gasturbinenkraftwerke, die allerdings im Betrieb sehr teuer sind. Damit sind weitere Strompreiserhöhungen sichergestellt.

39.100 Windräder zusätzlich

Um die Größenordnung für den zusätzlichen Strombedarf zu veranschaulichen, wird von folgendem Szenario ausgegangen: Die Probleme von Grundlast und Spitzenlast werden nicht berücksichtigt und es stehen Stromspeicher in ausreichendem Maßstab zur Verfügung, obwohl es sie heute noch nicht gibt. Ein Kernkraftwerk mit einem Block hat eine Leistung von 1.300 MW, ein Kohlekraftwerk hat 650 MW und eine Windkraftanlage hat vier MW und eine Verfügbarkeit von 15 Prozent der Nennleistung. Zur Deckung des zusätzlichen Strombedarf müssten dann entweder 18 Kernkraftwerke oder 36 Kohlekraftwerke oder 39.100 Windkraftanlagen gebaut werden.

Unabhängig von der Frage, ob solche Kraftwerke erwünscht sind oder ob man die Landschaft mit weiteren zigtausenden Windkraftanlagen zubauen möchte, steht die Frage im Raum, wie der zusätzliche Strombedarf gedeckt werden soll. Die bisherige dilettantisch ausgeführte sogenannte Energiewende zeigt, dass sie schon ungeheure Probleme und Verzögerungen im Netzausbau und dramatischen Strompreissteigerung zur Folge hat. Bevor die Politik blind, ohne vorausschauende Planung unsere Energiewirtschaft vollends ruiniert, sind die oben aufgeworfenen Fragestellungen zu klären und zu lösen.

_Professor Uwe Zimmermann, der ein Maschinenbaustudium an der RWTH Aachen und Dartmouth College, N.H., USA, absolvierte, lehrt im Fachbereich Technik an der Hochschule Trier Mess- und Regelungstechnik._

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