Wer nur auf das Elektroauto setzt, sollte sich dessen gesamte Energiebilanz anschauen. Matthias Wissmann

Buddhismus ist auch keine Lösung

Wenn es keinen Fußball gäbe, würden ihn seine Anhänger ganz schnell wieder erfinden. Denn wohin sonst mit unserer Liebe und dem Leiden?

Warum müssen 22 erwachsene Männer zweimal 45 Minuten lang hinter einem Ball herlaufen? Und warum soll ich dabei auch noch zuschauen?“, pflegt mein bester Freund B. zu sagen, den ich seit der Schulzeit kenne. „Warum gibt man nicht jedem von ihnen einen eigenen Ball, und dann ist Ruhe?“ Meinen Einwand, das sei doch ganz spannend, quittiert er mit einem verächtlichen Laut, an dem jeder HNO-Arzt seine Freude hätte.

Also, was wäre, wenn es morgen keinen Fußball mehr gäbe? Ich würde aufwachen, es wäre Sonntag, und Union würde spielen. „Union“ ist der 1. FC Union Berlin, mein Verein. Und wenn es mein berufliches Nomadenleben zulässt, stehe ich beim Heimspiel im Stadion An der Alten Försterei, kriege Gänsehaut, wenn die Mannschaft aufläuft und Nina Hagens Stimme mit der großartigsten aller Fußballhymnen erklingt: „Wo riecht’s nach verbranntem Rasen? Da, wo wir zum Angriff blasen, Eisern Union, Eisern Union“. Dann singe ich inbrünstig „Unsere Liebe, unsere Mannschaft, unser Stolz, unser Verein.“ Ach so – Union gibt’s ja nicht mehr.

Am Drehort – meinem Arbeitsplatz – ist endlich konzentrierte Ruhe. Keine Privatgespräche, keine Diskussionen, weil Union mal wieder „fast“ gewonnen hat, keine Häme des Tonassistenten, eines „Scheiß-Schalkefans“. Aber worüber redet man mit dem Kameramann (geteiltes Leid, auch Unioner) und dem Bühnenmann (noch ein Unioner)? Mit dem Szenenbildner, einem eingefleischten Bayernfan, kann man nicht mehr streiten, und es gibt keine Fußballwetten mehr am Set. Die Jungen besprechen die coolste Musik und die besten Clubs, die Älteren reden über Eigentumswohnungen. Zusammen reden wir über die Arbeit, das einzige Thema, das uns alle verbindet.

Bei der Zeitungsfrau und dem Taxifahrer bleibe ich stumm. Man kann ja nicht immer übers Wetter reden. Wo soll ich jetzt hin mit meinem Stolz, meiner Fanliebe, meiner blinden. Und vor allem: Wo gehöre ich hin? Zu welchem Stamm, welchem Verein, welcher Partei? Es kann doch keiner im Ernst von mir erwarten, dass ich einer SPD, den Piraten, der CDU oder den Linken dieselbe blinde Liebe und Begeisterung entgegenbringe wie meinem Fußballverein? Das gab’s schon mal, die Partei hieß NSDAP, und das Ganze nannte sich Faschismus. Keine gute Idee.

Ist eine Welt ohne Fußball eine bessere Welt – ohne Wettbetrug, ohne verschobene Spiele, ohne besoffene, prügelnde Fußballhorden, die am ­Wochenende in die Städte einfallen?

Aber was dann? So wie ich fragen sich das dann mindestens 265 Millionen Vereinsmitglieder rund um die Welt: „Wohin mit unserer Leidensfähigkeit?“ Insgesamt interessieren sich 76 Prozent der Bundesbürger für Fußball. Das sind fast 50 Millionen. Es würde still an den Stammtischen, wir wüssten nicht, wohin mit unseren geliebten Sprüchen „Der Ball ist rund“, „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ und „Ein Spiel hat neunzig Minuten“. Die passten immer und sind jetzt sinnlos.

Sollen wir uns eine andere Sportart suchen? Wären Golf, Synchronschwimmen, Speerwerfen und 100-Meter-Lauf gut? Könnten die leer stehenden Fußballstadien mit Leichtathletikmeisterschaften gefüllt werden? Veranstaltet man die dann wöchentlich? Monatlich? Muss ich mir eine Religion suchen? Buddhismus wäre eine echte Alternative. Aber gibt’s da auch Sportschau und Bundesliga? Länderspiele?

Bisher war Fußball mein Lehrer fürs Leben und für den Film. Was ich über Dramaturgie, Spannung, psychologische Kriegsführung, Moral, Ethik und menschliche Charakterzüge weiß, finde ich im Fußball wieder. Besser sogar – weil unvorhersehbarer – als in jedem Drehbuch. Also, ein neuer Mannschaftssport muss her.

Was machen alle Straßenkinder, die davon träumten, als Fußballstar reich und berühmt zu werden und somit der Armut zu entkommen? Sie wollen nun Baseballstars werden. Ein Problem ­allerdings ist dabei die Ausrüstung – für Fußball brauchten 22 Spieler nur einen Ball. Außerdem
begreift keiner die Baseball-Regeln.

Ein Stamm jagt den Anderen

Schlagzeilen wie „Achtung! German Blitzkrieg!“, „Macht euch bereit für die deutsche Kriegsmaschine“ und „Fußballbombardement!“, immer gemünzt auf die deutsche Fußballnationalmannschaft, möchte man bei der englischen Boulevardpresse auch in Zukunft nicht missen. Möglicherweise werden wir deshalb mit England wieder Krieg führen – und Holland gegen Deutschland ist ja auch ein Klassiker … Das Bedürfnis nach Kampf und Krieg ist ungebrochen, ein Stamm jagt den anderen – Gründe gibt es immer.

Immer noch ist da die Erinnerung an den Sommer 2006: Deutschland-einig-Vaterland unter einer Riesendopewolke, die Love-and-Peace-und-Fußball-Glück verströmt. Ein Fußball-Woodstock, das in der höchsten Einschaltquote der deutschen Fernsehgeschichte gipfelte. Am 4. Juli 2006 lief das WM-Halbfinale Deutschland gegen Italien. Ich hab natürlich geguckt, mit Freunden. Und mit weiteren 31,1 Millionen Zuschauern in Deutschland. Durchschnittlicher Marktanteil: 91,2 Prozent.

Mein Freund B. ist übrigens während dieses Spiels zum verkehrsreichsten Platz seiner Stadt gefahren, der wie leer gefegt war, und hat fotografiert. Ein Glückserlebnis, er ganz allein mit diesem Platz, ganz ohne Menschen. Aber wir anderen wollen etwas zusammen erleben.

Können wir solch ein gigantisches Gemeinschaftserlebnis mit Buddhismus oder Volleyball auch hinkriegen? In einer Welt ohne Fußball müssten wir etwas erfinden, was uns stolz macht und glücklich oder uns kollektiv zerstört und zusammenschweißt. Fußball zum Beispiel.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: The European Redaktion, Thomas Lipke, Jost Kaiser.

Cover3_klein

Dieser Beitrag ist in der Printausgabe 2/2013 des The European enthalten.

Darin finden Sie u.a.: Vollendung, warum uns der Kampf um das Menschenbild alle angeht. Lesen Sie, wie der Mensch von Morgen aussehen könnte und warum es Gründe gibt, sich vor ihm zu fürchten. Außerdem: Wie eine Welt ohne Fußball aussehen könnte, was die Welt über die deutsche Energiewende denkt und ob der Atheismus das Zeug hat, die neue Weltreligion zu werden.

Sie können es hier direkt bestellen.

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Fussball, Fc-schalke-04, Fc-union-berlin

meistgelesen / meistkommentiert