Nichts als die Wahrheit

Uta Schwarz13.12.2009Gesellschaft & Kultur

Der Fall hatte alles, was einen Kriminalfall spannend macht: ein junges, gut aussehendes Opfer, komplizierte, sexuelle Verwicklungen und vor allem eine stets unschuldig lächelnde Angeklagte, der man die zur Last gelegte Tat kaum zutrauen konnte.

Als am 6. November 2007 im italienischen Städtchen Perugia die Amerikanerin Amanda Knox wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin Meredith Kercher verhaftet wurde, war schnell klar, dass der anstehende Prozess ein wahr gewordener Gerichtsreporter-Traum werden würde. Der Fall hatte alles, was einen Kriminalfall spannend macht: ein junges, gut aussehendes Opfer, komplizierte, sexuelle Verwicklungen und vor allem eine stets unschuldig lächelnde Angeklagte, der man die zur Last gelegte Tat kaum zutrauen konnte. Als in der vergangenen Woche das Urteil gegen Amanda Knox und ihren ehemaligen Freund Raffaele Sollecito gesprochen wurde, 26 Jahre für Knox und 25 Jahre für Sollecito, war aus dem Gerichtsreporter-Traum allerdings ein Albtraum geworden.

Offene Fragen

An den Ingredienzen eines spannenden Kriminalfalles hatte sich in den vergangenen zwei Jahren nichts geändert, im Gegenteil, auf der Suche nach einem Motiv brachten Staatsanwalt und Verteidiger immer mehr pikante Details aus dem Leben der Angeklagten an die Öffentlichkeit. Was diesen Fall zum Albtraum macht, ist, dass man auch heute, nach der Urteilsverkündung, einfach nicht wissen kann, was genau damals in der Halloween-Nacht 2007 zwischen Knox, Sollecito und Kercher vorgefallen ist. Und das ist unbefriedigend. Ein Kriminalfall ist nur dann spannend, wenn man ihn am Ende lösen kann. Ein Prozess soll der Wahrheitsfindung dienen, soll den oder die Schuldige zweifelsfrei ermitteln. Doch der Prozess gegen Knox und Sollecito hat weit mehr Fragen aufgeworfen als welche beantwortet.

Schiefgelaufene Sex-Orgie?

Da ist zum einen die Frage nach Amanda Knox’ Motiv. Die Staatsanwaltschaft zeichnete das Bild einer schiefgelaufenen Sex-Party. Die 20-jährige Knox war mit ihrer britischen Mitbewohnerin Kercher oftmals aneinandergeraten, da Kercher der Lebenswandel von Knox missfiel. Diese hatte ihr Auslandstudienjahr in Italien offenbar vor allem dazu genutzt, um zahlreiche sexuelle Erfahrungen zu machen. In der Nacht zu Halloween soll Knox beschlossen haben, es ihrer spießigen Mitbewohnerin heimzuzahlen. Sie bringt ihren Freund Sollecito und Rudy Guede, einen jungen Mann von der Elfenbeinküste, der gelegentlich mit Drogen handelt, dazu, Kercher zu vergewaltigen. Kercher kniete auf allen vieren, an Händen und Füßen gefesselt, während sie von Guede und Sollecito missbraucht wurde, dabei soll Knox Kercher gewürgt und anschließend dreimal mit einem Messer in den Nacken gestochen haben. Doch wie wahrscheinlich ist dieser Tathergang? Sollecito ist ein brav aussehender Arztsohn, den Amanda Knox erst sechs Tage zuvor kennengelernt hatte. Rudi Guede kannte sie ebenfalls kaum, Sollecito und Guede hatten sich überhaupt noch nie vorher gesehen. Natürlich kommt es vor, dass Unbekannte miteinander Sex haben, aber lassen sie sich auch zu einer kriminellen Handlung zwingen? Von einer Frau, die sie kaum kennen? Und ist es wirklich vorstellbar, dass ein Streit zwischen zwei jungen Austauschstudentinnen über den jeweiligen Lebenswandel in derartigen Hass umschlagen kann, dass die eine die andere deswegen tötet? Die Richter sagen Ja.

Wo ist die Tatwaffe?

Aber es gibt noch weitere Fragen: Es konnte nicht zweifelsfrei bewiesen werden, dass Knox überhaupt am Tatort war. Ihre DNS befand sich auf einem Küchenmesser, das die Tatwaffe sein soll. Doch das Messer passt nur zu einer der drei Stichwunden. Und dass Knox DNS an einem Alltagsgegenstand aus ihrem Haushalt war, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Ein Messer, das zu den anderen beiden Wunden in Kerchers Körper passte, wurde nie gefunden. Andererseits hatte Knox sich in Widersprüche verwickelt. Erst wollte sie in der Nacht gar nicht am Tatort gewesen sein, später sagte sie, sie wäre zwar zu Hause gewesen, doch zur Tatzeit im Badezimmer. Verdächtig machte sie auch, dass sie eine Kurzgeschichte über die Vergewaltigung einer jungen Frau geschrieben hatte. Alle drei, Guede, Knox und Sollecito, bleiben bei ihren Behauptungen, sie seien nicht schuldig. Guede, der schon im vergangenen Jahr zu 30 Jahren Haft verurteilt wurde, ist in Revision gegangen. Er gibt zu, mit Kercher geschlafen zu haben, allerdings einvernehmlich, den Mord bestreitet er vehement. Knox und Sollecito haben ebenfalls angekündigt, gegen das Urteil Revision einzulegen. Vielleicht kommt bei einem weiteren Prozess ja dann die ganze Wahrheit ans Licht. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Der Fall Perugia wird wohl ungelöst bleiben.

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