Mit dem Schwert geteilt

von Uta Schwarz13.11.2009Gesellschaft & Kultur

Wie sich die Delegierten von 14 Großmächten den afrikanischen Kontinent aufteilten.

Sankt Martin hat – so will es die Legende – mit einem Schwert seinen Mantel geteilt und eine Hälfte einem Bettler gegeben. Am 11. November ist sein Namenstag und in vielen Gebieten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz wird ihm mit einem Martinsumzug mit Laternen gedacht. Gerne werden dazu Martinshörnchen gereicht, die man im Andenken zerbricht und gemeinsam verzehrt. Um Zerbrechen und Teilen und, um das Bild etwas zu strapazieren, irgendwie auch um das gemeinsame Verzehren ging es auch den Männern, die sich vor genau 125 Jahren, am 15. November 1884, in Berlin zur Kongokonferenz zusammenfanden.

Der afrikanische Kuchen

Die Delegierten von 14 Großmächten, von den USA, dem Osmanischen Reich, Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Portugal, Russland, Spanien und Schweden-Norwegen, waren auf Einladung des Reichskanzlers Otto von Bismarck in die Wilhelmstraße 77 gekommen, um ein großes Stück Kuchen gerecht unter sich aufzuteilen. Auch sie gingen dabei eher mit dem Schwert vor, allerdings nicht im martinschen Sinne. Ein halbes Jahr zankten sich die Männer darum, wer wie viel vom afrikanischen Kontinent bekäme. Am 26. Februar 1885 unterzeichneten sie schließlich gemeinsam die sogenannte “Kongoakte”, die in 38 Punkten festlegte, unter welchen generellen Prinzipien Afrika “wirtschaftlich genutzt” und “zivilisiert” werden sollte. Afrikaner waren bei der Konferenz nicht anwesend. Die Kongoakte besiegelte jedoch unter dem Deckmantel eines völkerrechtlichen Dokuments das Schicksal ihres Kontinents, der, bis auf Äthiopien und Liberia, in den darauf folgenden Jahren vollständig von den Europäern kolonisiert werden sollte.

Ein moralisches Verbrechen

Nun ist dies hier eine Crime-Kolumne und man darf fragen, ob denn die Kongokonferenz überhaupt ein Verbrechen darstellt. Nun, vielleicht nicht im juristischen Sinne, im moralischen aber auf jeden Fall. In Abwesenheit derjenigen, um die es eigentlich ging, wurde von den Delegierten nach Gesichtspunkten, die nur ihnen geläufig waren, ein Kontinent am Reißbrett zerstückelt, Grenzen wurden willkürlich mit dem Lineal gezogen, ungeachtet natürlich gewachsener Gebiete. Die Auswirkungen dieser Konferenz sind bis heute spürbar. Zählte man die Opfer dieser Politik, man käme – konservativ geschätzt – auf eine Zahl in Milliardenhöhe. Darin enthalten wären nicht nur die Toten, die die “wirtschaftliche Nutzung” und die “Zivilisierung” der Afrikaner schon während der Kolonisierung forderte, sondern auch diejenigen, die sich in blutigen Kämpfen vom Joch der Europäer befreien wollten. Die Bürgerkriege, die sich an die Dekolonisierung anschließen, auch diese könnte man als Folge der Kongokonferenz betrachten. Und auch dann hätte man noch nicht die Zahl derjenigen erfasst, die bis heute unter den Auswirkungen der Kolonisierung leiden. Eine kleine Gedenktafel erinnert heute in der Wilhelmstraße 77 in Berlin daran, was damals beschlossen wurde. Auf der Tafel sieht man die Landkarte Afrikas, bunt sind die Kolonien eingezeichnet. Nicht farbige Flecken sucht man vergebens. Es wird noch lange dauern, bis sich Afrika von den Folgen der Konferenz vor 125 Jahren erholt hat.

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