Opfer in der Warteschlange

von Uta Schwarz8.11.2009Gesellschaft & Kultur

Es war eine lange Jagd, bis Radovan Karadzic endlich gefunden wurde. Jetzt sitzt er vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag – und versucht alles, um den Urteilsspruch hinauszuzögern. Mit Erfolg.

Nun hat er also erreicht, was er wollte: Radovan Karadzic, wegen Kriegsverbrechen in Den Haag angeklagt, hat seinen Willen dem Gerichtshof aufgezwungen und den Prozess quasi zum Erliegen gebracht. Erst am 1. März des nächsten Jahres soll der größte Prozess vor dem Jugoslawien-Tribunal seit dem gegen den ehemaligen Präsidenten Jugoslawiens, Slobodan Milosevic, fortgesetzt werden. Karadzic war einer der meistgesuchten Männer der Welt, bis er vergangenen Sommer nach zehn Jahren der erfolglosen Jagd auf ihn gefangen genommen wurde. Seitdem sitzt der Mann, der den ultranationalen Serben angehörte und vielen als Wegbereiter und Vordenker der ethnischen Säuberungen gilt, die während des Bosnienkrieges stattfanden, in Haft und boykottiert seinen Prozess. Am 27. Oktober 2008 eröffnete der vorsitzende Richter O-gon Kwon das Gerichtsverfahren, obwohl der Sitz des Angeklagten leer blieb. Und bis zum 3. November dieses Jahres leer geblieben ist. Wenn der Angeklagte nicht erscheine, so müsse er mit den Konsequenzen leben, sagte der Richter einmal. Am vergangenen Dienstag, den 3. November, erschien Karadzic dann das erste Mal vor Gericht. Mehr Zeit für seine Verteidigung brauche er, ließ Karadzic das Gericht wissen. Die Ankläger hätten ihn mit Berichten und Beweisaussagen förmlich zugeschüttet. Um eine effektive Verteidigung aufzubauen, benötige er einfach mehr Zeit.

Kalkül zulasten der Opfer

Karadzic ist mit seinem Boykott vor Gericht nicht allein. Milosevic erklärte das Jugoslawien-Tribunal schlicht für nicht zuständig und erschien zum Prozess je nach Wohlbefinden, Saddam Hussein wandte eine ähnliche Taktik an und Charles Taylor, ebenfalls wegen Kriegsverbrechen in Den Haag, allerdings vor einem anderen Gericht, nämlich dem Sierra-Leone-Tribunal, verzögert den Prozess ebenfalls, wo er nur kann. Das ist nicht nur enervierend für die zuständigen Richter, Beisitzer und Chefankläger, es ist auch nicht im Sinne der Opfer, die oftmals Jahre warten mussten, bis der Täter überhaupt gefasst wird und dann Zeuge eines quälend langen Prozesses werden. Auf diese Weise können sie nur schwer mit den Verbrechen abschließen. Und nicht zuletzt ist es auch extrem teuer. Die Ad-hoc-Tribunale, wie das Jugoslawien- oder das Sierra-Leone-Tribunal, sind nur aufgrund einer UN-Resolution nach den jeweiligen Kriegen gegründet worden. Und sollten nach den ursprünglichen Plänen ihre Arbeit längst mehr oder weniger abgeschlossen haben. Das Sierra-Leone-Tribunal beispielsweise kostet die Vereinten Nationen beziehungsweise die jeweiligen Spenderländer jedes Jahr Millionen Dollar.

Ein Körnchen Wahrheit

Allerdings steckt in Karadzics Bitte nach mehr Zeit auch ein Körnchen Wahrheit. Nach den Regeln des Gerichts muss die Anklage ihren Bericht und die Beweise abgeschlossen haben, bevor die Verteidigung beginnen kann. Das führt zwangsläufig dazu, dass bei Männern wie Karadzic die Ankläger schon zehn Jahre Zeit hatten, Beweise zu sammeln und Zeugen anzuhören. Da wird eine Menge zusammengekommen sein, die die Verteidigung, in diesem Fall Karadzic selbst, mit gutem Recht sorgfältig studieren darf. O-gon Kwon, der zuständige Richter, hat diese Woche gesagt, dass er nach dem 1. März 2010 keine weiteren Verzögerungen dulden wird. Sollte Karadzic nicht erscheinen, so wird ihm gegen seinen Willen vom Gericht ein Rechtsbeistand gestellt, der ihn dann vertreten darf. Auf diese Weise könnte der Prozess endlich fortgeführt werden. Das ist gut für die Opfer, die, obschon Karadzic nie da war, an den bisherigen Prozesstagen zahlreich in den Zuschauerräumen saßen und auf Gerechtigkeit hofften.

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