Von Buletten, Maultaschen, Damenbinden und pikanten Brotaufstrichen

von Uta Schwarz17.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Wirtschaft

Wie deutsche Chefs das Vertrauen in ihre Mitarbeiter verlieren.

Man konnte diese Woche den Eindruck bekommen, dass es in Deutschland nur so wimmelt vor lauter hungrigen Angestellten, die ihren Chefs die Bulette oder Maultasche quasi aus dem Mund heraus klauben, um sie selber zu essen. Das fördert natürlich nicht das Vertrauen des Vorgesetzten in seine Arbeitnehmer. Jeder arglos abgestellte Teller mit geschmierten Stullen, jeder Joghurtbecher, gedankenlos neben dem Kaffeeautomaten vergessen, müsste womöglich in Zukunft bewacht werden. Dazu haben Chefs aber gar keine Zeit, sie müssen sich um andere Dinge kümmern, müssen delegieren, organisieren, Chefsein eben. Deshalb bleibt ihnen gar keine andere Wahl, als nach einem solchen Diebstahl von herzhaften Imbissen die fristlose Kündigung auszusprechen. Denn eine Bulette, so die Argumentation, ist doch oftmals nur der Anfang einer langen, nicht abzusehenden Kette von Mundraub durch die Angestellten. Und das kann- auch im Hinblick auf die Aussenwirkung auf andere Angestellte – nicht geduldet werden. So ähnlich argumentiert auch das Arbeitsgericht Radolfzell am Bodensee, das die Kündigung einer 58-jährigen Altenpflegerin, die sechs Maultaschen im Wert von vier bis sechs Euro mit nach Hause nahm, für rechtens befand. Nicht der Wert der entwendeten Sachen sei ausschlaggebend, sondern die Unehrlichkeit dem Arbeitgeber gegenüber. Illoyal, so wurde das Verhalten der Altenpflegerin zusammengefasst. Man muss vielleicht anfügen, dass die sechs Maultaschen übrig geblieben waren und sonst im Müll gelandet wären und, dass der Chef, nachdem er die Kündigung ausgesprochen hatte, der Frau, die 17 Jahre für das Spital tätig war, eine Abfindung in Höhe von 18 000 Euro angeboten hatte. Das könnte fast den Eindruck erwecken, dass der Chef die Frau einfach nur los werden wollte.

Unliebsame Mitarbeiter

Überhaupt spielt bei fast allen Kündigungen, die wegen solcher Bagatelldelikte ausgesprochen wurden, ganz oft hinein, dass die Chefs womöglich nur nach Gründen für eine Entlassung gesucht haben. Es wird ihnen ja auch wirklich nicht leicht gemacht, sich von unliebsamen Mitarbeitern zu trennen. Wie soll man denn einer Vorzimmersekretärin kündigen, die schon seit Jahrzehnten im Betrieb ist? Betriebsbedingt fällt weg. Eine Sekretärin kann man nicht wegrationalisieren. Aber eine verhaltensbedingte Kündigung wegen Vertrauensverlust? Ja, das könnte gehen. Der Hauptgeschäftsführer des Baugewerbeverbandes Westfalen, der seiner Sekretärin nach 34 Dienstjahren kündigte, weil sie eine Bulette von seinem Teller gegessen hatte, spricht angesichts dieses Vergehens gar von irreparablem Vertrauensbruch. Einem Bäcker aus Dortmund wurde im März dieses Jahres Recht gegeben, als er gegen seine Kündigung wegen der “Entwendung” eines pikanten Brotaufstrichs (der Mann hatte sich in seiner Mittagspause eben jenen Belag auf sein mitgemachtes Brötchen geschmiert) klagte. Der Bäcker war im Betriebsrat und galt als unbequemer Mitarbeiter. Einer Aldi-Verkäuferin aus Wuppertal wurde gekündigt, weil sie eine Packung Damenbinden mit nach Hause nahm, die sie nicht an der Kasse abgerechnet hatte. Die Frau hatte das Geld für den Hygieneartikel auf den Tisch im Aufenthaltsraum gelegt. “Eine Handlungsanleitung zum Nachmachen” habe die Frau damit geschnitzt, so die Arbeitgeberseite. Ja eben! Da könnte ja jeder kommen und einfach Dinge aus dem Regal nehmen. Aldi musste die Kündigung übrigens zurücknehmen Es ist schon komisch, inwiefern die Arbeitsgerichte zwischen den Worten Vertrauen und Wertschätzung unterscheiden. Das Vertrauen zwischen Chef und Angestelltem kann offenbar schon durch Centbeträge zerstört sein. Wertschätzung aber drückt sich in Millionenbeträgen aus: Einem Investmentbanker der Dresdner Bank muss nämlich trotz Kündigung wegen der Millionenverluste, die er in seiner Abteilung eingefahren hatte, eine Abfindung in Höhe von anderthalb Millionen Euro bezahlt werden. Die Begründung des Gerichts in diesem Fall: Die garantierte variable Vergütung sollte als “besondere Wertschätzung der Bank” erfolgen.

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