Vom Unterschied zwischen einem Arschloch und einem Straftäter

Uta Schwarz3.10.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik

“Das war ja gar keine Vergewaltigung-Vergewaltigung“, behauptet Schauspielerin Whoopy Goldberg 32 Jahre später.

Künstler sind oft Arschlöcher. Der Schriftsteller Max Frisch zum Beispiel, muss ein regelrechter Kotzbrocken gewesen sein, der seinen Verleger anschrie und seine Geliebte schlecht behandelte. Der Regisseur Woody Allen heiratete zum Erstaunen seiner langjährigen Partnerin die eigene Pflegetochter und Roman Polanski, das ist seit 32 Jahren bekannt, ist ein Vergewaltiger. Aber, so sagten viele seiner Kollegen diese Woche, Polanski ist eben Künstler, ein grossartiger Regisseur, der lustige Filme schuf, wie „Tanz der Vampire“, verstörende Filme, wie „Rosemaries Baby“ oder preisgekrönte, wie „Der Pianist“. In einer irren Kampagne, die sich „Free Polanski“ nennt, skandieren Hollywood-Grössen, unter anderem Martin Scorsese, David Lynch und Volker Schlöndorff , „Ungerechtigkeit“ und „Willkür“ und fordern Polanskis Freilassung.

Arschloch und Regisseur

Mit einer bemerkenswerten argumentativen Schlaufe, wird einerseits Polanskis Berühmtheit als eigentlicher Grund für seine Verhaftung am vergangenen Wochenende in der Schweiz ausgemacht, andererseits aber sein Werk als Entschuldigung für etwaiges „Fehlverhalten“ angeführt. Dies so genannte Fehlverhalten kann man in der seit 2003 öffentlich gemachten Zeugenaussage von Samantha Gailey (heute Samantha Geimer) nachlesen: 1977 hatte der damals 43-Jährige Polanski die 13-Jährige Samantha zu einem angeblichen Fotoshoot für die französische Vogue gebeten. Er gab ihr Champagner und eine Beruhigungstablette und machte ein paar Fotos von ihr: nackt im Whirlpool. Erst als er zu ihr in den Pool stieg, merkte sie, dass etwas nicht stimmte. Er fing an, sie zu küssen, obwohl sie sagte, er solle das lassen. Polanski zwingt sie dann zu Oral- und Analverkehr, mindestens zweimal vergewaltigt er sie. Warum hat sie sich nicht vehementer gewehrt, wird sie vom Richter damals gefragt. „Weil ich Angst vor ihm hatte“ gibt das Mädchen zur Antwort. Am Abend vor der Urteilsverkündung flieht Polanski aus Amerika, ein Urteil kann nie vollstreckt werden.

Auch für Künstler gelten Gesetze

„Das war ja gar keine Vergewaltigung-Vergewaltigung“ wird die Schauspielerin Whoopy Goldberg 32 Jahre später sagen. Und auch Polanskis Schwägerin gab diese Woche in einem Interview zum Besten, dass der Sex zwischen der 13-Jährigen und dem 30 Jahre älteren Polanski „einvernehmlich“ gewesen sei. Und außerdem habe Samantha ihm ja inzwischen auch verziehen. Das ist wohl wahr. Samantha Geimer hat Größe gezeigt und gesagt, sie wolle die Sache nun endlich auf sich beruhen lassen. Eine solche Aussage des Opfers kann vor Gericht positiv gewertet werden, es entbindet den Täter aber nicht davon, sich einem Gericht zu stellen. Im Gegensatz zu Max Frisch und Woody Allen ist Roman Polanski nämlich nicht einfach nur ein Arschloch. Polanski hat eine Straftat begangen, indem er ein sehr junges Mädchen missbrauchte und für diese Tat muss er sich- Künstler Hin oder Her – auch endlich verantworten.

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