Wenn man sich nicht gegen die Überschuldung stemmt, wird man langfristig mehr Kosten haben. Jürgen Ligi

Auftrag Politische Bildung

Junge Menschen und Interesse an Politik? Das ist heutzutage alles andere als selbstverständlich, sagt die Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung, Prof. Ursula Männle. Wie schafft es die Hanns-Seidel-Stiftung, junge Menschen für Politik und gesellschaftliches Engagement zu begeistern?

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Wozu braucht es heutzutage eine politische Stiftung?

Das ergibt sich schon aus unserem Motto „Im Dienst von Demokratie, Frieden und Entwicklung“. Unsere Demokratie ist heute bedrohter denn je. Von der demokratischen Entwicklung einer Gesellschaft hängt ab, ob Frieden und Entwicklung auch künftig verwirklicht werden können. Politische Stiftungen haben im Gegensatz zu anderen Stiftungen einen sehr breiten Aufgabenbereich mit unterschiedlichsten Zielgruppen. Unser klarer Vorteil ist ein direkter Zugang zur Politik. Dadurch können wir einen gewissen Gestaltungsbeitrag leisten. Wir fühlen uns der Politik gegenüber verantwortlich. Dabei sind wir zwar unabhängig, beherzigen aber dennoch die Grundprinzipien der jeweils nahestehenden Partei wie etwa das christliche Menschenbild und die abendländische Kultur.

Wie steht es um die politische Bildung im Jahr 2018?

Die politische Bildung ist so notwendig wie nie. Unsere Umfrage „Parteien und Parteiensystem auf dem Prüfstand“ aus dem letzten Jahr zeigt, dass sich die Menschen zwar politisch mehr interessieren, sie fühlen sich gleichzeitig aber schlechter informiert. Und das, obwohl durch das Internet Informationen immer leichter zugänglich werden. Die Studie unterstreicht die erhebliche Bedeutung der politischen Bildungsarbeit gerade auch in Zeiten nie zuvor dagewesener Informationsmöglichkeiten. Wir müssen den Menschen durch unsere Bildungsarbeit Orientierung bieten, Zusammenhänge verdeutlichen, Politik erklären – und immer wieder für unsere Demokratie werben. In einer immer komplexeren Welt gibt es keine einfachen Erklärungen mehr – wenn populistische Parteien das vorgaukeln, führen sie die Menschen in die Irre. Das muss man enttarnen und den Menschen vermitteln.

Mit der Akademie für Politik und Zeitgeschehen und mit dem Institut für Politische Bildung legt die Hanns-Seidel-Stiftung einen großen Schwerpunkt auf politische Bildung. Worauf legen Sie als Vorsitzende besonders viel Wert?

Die Akademie für Politik und Zeitgeschehen ist eine Denkfabrik, die politische und gesellschaftliche Themen wie Digitalisierung, Außen- und Sicherheitspolitik, Energie und Klima „vorausdenkt“. Das Institut für Politische Bildung (IPB) kümmert sich hingegen um die Bildung der Menschen in der Fläche. Es unterstützt das schulische Bildungsangebot und ergänzt andere Bildungsinstitutionen. Sozialkunde wurde im neuen Lehrplan zwar gestärkt, dennoch müssen wir die politische Bildung noch ausbauen. Wir betreiben Grundlagenvermittlung unserer demokratischen Ordnung, verbunden mit einer Wertediskussion und der Frage, wie wir unsere Gesellschaft gestalten können. Menschen sollen zum politischen und gesellschaftlichen Engagement motiviert werden. Unser Angebot richtet sich an alle Gruppen unserer Gesellschaft.

Letztes Jahr hat die Hanns-Seidel-Stiftung ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert. Was hat sich seit dem Bestehen der Hanns-Seidel-Stiftung verändert? Welche Schwerpunkte wurden neu gewählt und warum?

Seit dem Bestehen der HSS haben sich ihre Aufgaben beständig erweitert. Mit rund 100 Projekten in 65 Ländern sind wir jetzt auch international breit aufgestellt. Die Herausforderungen heute sind andere: Wir müssen Westeuropa mehr in den Mittelpunkt unserer Arbeit rücken und in Zeiten eines zunehmenden Nationalismus die großartige europäische Idee insgesamt. Unserem Kontinent hat das europäische Projekt die längste Friedensphase überhaupt beschert. Es lohnt sich also, für Europa einzutreten. In Deutschland müssen wir die „Demokratiemüden“ wieder aufwecken. Auch das ist neu. Die Integration von geflohenen Menschen wird uns ebenfalls weiterhin stark beschäftigen. Und dann müssen wir wieder in die Diskussion eintreten, was politische Begriffe, wie zum Beispiel „konservativ“, heute eigentlich bedeuten und sie wieder mit Leben füllen.

Spielt politische Bildung in der Gesellschaft überhaupt eine wichtige Rolle?

Leider steht die politische Bildung bei den meisten Menschen nicht an erster Stelle. Heute wird zuerst die Frage gestellt: Was nützt mir persönlich? Und nicht die grundsätzliche Frage, was unsere Demokratie ausmacht und wie ich hier mitgestalten kann. Das müsste in der Tat eine größere Rolle spielen, denn erst wenn ich unser demokratisches System begreife, kann ich verstehen, wie ich mich selbst daran beteiligen und es dauerhaft schützen kann. Unsere Demokratie ist kein Selbstläufer, sie muss immer wieder erlernt und gelebt werden, damit sie weiterhin bestehen kann.

Die Nachwuchsförderung ist eine weitere Säule der Hanns-Seidel-Stiftung. Welche Schwerpunkte setzen Sie bei der Förderung Ihrer Stipendiaten?

Wir wollen Engagement für die demokratische Gesellschaft erreichen. Den Stipendiaten vermitteln wir, dass es wichtig ist, über den Tellerrand des eigenen Studiums hinauszublicken. Sie sollen aktive Mitglieder einer Bürgergesellschaft werden, mit Werteorientierung und fundiertem Basiswissen. Zusammengefasst könnte man sagen: Wir wollen Bildung im besten Sinne des Bildungsreformers Wilhelm von Humboldt vermitteln.

Was macht ein Stipendium der Hanns-Seidel-Stiftung aus?

Wir vermitteln unseren Stipendiaten ein Grundverständnis über Deutschland und seine Demokratie. Unsere erst kürzlich durchgeführte Verbleibstudie unserer Stipendiaten zeigt, dass diese regelmäßig ihr Studium mit großem Erfolg beenden, gesellschaftlich und beruflich sehr gut verankert sind und oft führende Positionen erreichen. Unsere Auslandsstipendiaten bilden starke Netzwerke. Erst kürzlich habe ich mich mit zahlreichen koreanischen Altstipendiaten in Seoul getroffen. Dort spürte man den völkerverbindenden „Geist“ der HSS.

Beim Thema Begabtenförderung schwingt manchmal der Begriff „Elite“ mit. Ist das begründet?

Wir haben nichts gegen den Begriff Elite. Eliten gibt es in allen Bevölkerungsgruppen. Das sind Verantwortungs- und Leistungsträger, die zur Entwicklung der Gesellschaft erheblich beitragen. Ich sehe keinen Grund, weshalb man diese Gruppe nicht gezielt fördern sollte.

Wie reagieren Sie auf aktuelle Themen wie Digitalisierung und Internationalisierung, insbesondere was die Nachwuchsförderung angeht?

Wir haben in der Akademie ein eigenes Referat für Digitalisierung geschaffen, das zusammen mit anderen Abteilungen die digitalen Auswirkungen für den Einzelnen, für die Gesellschaft und für den politischen Diskurs untersucht. Gerade haben wir mit dem American Institute for Contemporary German Studies (AICGS) der Johns Hopkins Universität eine transatlantische Partnerschaft für Internet-Sicherheit gegründet. Außerdem ermutigen wir unsere Stipendiaten zu einem Studienabschnitt im Ausland oder bieten in Seminarprogrammen Auslandsaufenthalte, insbesondere in unseren Projektländern, an. Auch gemeinsame Programme inländischer und ausländischer Stipendiaten unterstützen das gegenseitige Verständnis. Viele Studierende nutzen auch unsere Auslandsbüros zu einem mehrmonatigen Praktikumsaufenthalt. Wir reden nicht nur von Internationalisierung, sondern praktizieren sie auch.

PROF. URSULA MÄNNLE

Prof. Ursula Männle ist seit 2014 Vorsitzende der Hanns-Seidel-Stiftung. 1979/80 und von 1983 bis 1994 war Männle Mitglied des Deutschen Bundestags, von 1994 bis 1998 Bayerische Staatsministerin für Bundesangelegenheiten, von 2000 bis 2013 Abgeordnete der CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag. Sie war dort Mitglied im Fraktionsvorstand, Sprecherin der Fraktion für Bundes- und Europaangelegenheiten, Vorsitzende des Ausschusses für Bundes- und Europaangelegenheiten und Vorsitzende der Arbeitsgruppe Frauen im Bayerischen Landtag.

HANNS-SEIDEL-STIFTUNG

„Im Dienst von Demokratie, Frieden und Entwicklung“ – unter diesem Motto leistet die Hanns-Seidel-Stiftung seit ihrer Gründung im Jahr 1967 mit ihrem Institut für Politische Bildung einen Beitrag zur Politischen Bildung der Bevölkerung im Inland. Die Akademie für Politik und Zeitgeschehen beschäftigt sich als Denkfabrik mit politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen der Zeit. Mit dem Institut für Internationale Zusammenarbeit leistet die HSS internationale und entwicklungspolitische Zusammenarbeit in mittlerweile rund 69 Ländern. Über ihr Institut für Begabtenförderung unterstützt die Stiftung jährlich rund 1.300 inländische und ausländische Studenten sowie Promovierende mit einem Stipendium.

STIPENDIEN IN DEUTSCHLAND

In Deutschland gibt es 13 Begabtenförderungswerke, die staatlich finanziert werden. Der Förderbetrag richtet sich nach dem BAföG-Anspruch eines Stipendiaten und ist abhängig vom Einkommen der Eltern. Daneben gibt es das Deutschlandstipendium und über 2.000 weitere Stipendien. Für den Durchblick beim Thema Stipendium gibt es Suchmaschinen wie die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung:

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