Leute haben zu meiner Meinung eine Meinung. Matthias Matussek

„Seniorengerecht ist menschengerecht“

Ursula Lehr ist Deutschlands bekannteste Altersforscherin. Im Gespräch mit Alexandra Schade und Thore Barfuss spricht die ehemalige Bundesfamilienministerin (CDU) über das Familien- und Frauenbild in der alternden Gesellschaft, Widerstände gegen moderne Familienpolitik in der deutschen Konservativen und erklärt, wo Seniorenpolitik ganz praktisch ansetzen muss.

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The European: Das klassische Familienmodell – Vater, Mutter, zwei Kinder – wird immer noch viel in den Medien idealisiert. Wir realistisch ist es noch?
Lehr: Es ist gar nicht mehr realistisch. Wir dürfen Familie nicht als statisches Modell begreifen. Sie ist vielmehr ein dynamischer Prozess, der ein Leben lang geht. Wenn ein Kind zum Schulkind wird oder aus dem Elternhaus auszieht, bedeutet das eine Umstrukturierung der ganzen Familie. Zudem müssen wir in der jungen Mutter von heute bereits die mittelalte oder ältere Frau von morgen sehen. Es steht eindeutig fest, dass diejenigen Frauen, die berufstätig waren, ein besseres Alter haben, und zwar nicht nur unter finanziellen Aspekten. Unsere Untersuchungen zeigen, dass diese Frauen im Alter viel selbstständiger sind. Allein schon aus diesem psychologischen Grund ist für mich eine Berufstätigkeit der Frau geradezu Pflicht.

„Altern ist ein lebenslanger Prozess“

The European: Aber gerade bei den Konservativen in Deutschland bekommt man manchmal den Eindruck, dass das nicht gewünscht ist.
Lehr: Studien haben gezeigt, dass die Zufriedenheit der Mutter ganz entscheidend für die Entwicklung des Kindes ist. Sie haben außerdem gezeigt, dass sich eine Mutter, die sich nur ein paar Stunden, dafür aber sehr intensiv mit dem Kind beschäftigt, diesem viel mehr hilft, als eine Mutter, die zwar die ganze Zeit da, aber dem Kind nicht zugewandt ist. Es geht also nicht um die Quantität der Zuwendung, sondern um die Qualität. Wenn die Umgebung stimmt, kann und soll das Kind das erste Jahr durchaus zu Hause bleiben. Fakt ist aber auch, dass bei Schulanfang diejenigen, die im Kindergarten waren, weit besser mitkommen als diejenigen, die voll zu Hause betreut worden sind. Soziale Kompetenz lernen kleine Kinder im Sandkasten, zusammen mit anderen Kindern. Das kann eine noch so pädagogisch ausgebildete Mutter nicht.

The European: Im internationalen Vergleich ist Deutschland ein Sonderfall, was den Umgang mit Kindererziehung und die Frage, wie lange das Kind zu Hause bleibt, angeht.
Lehr: Ich hatte eigentlich gehofft, es sei eine Besserung eingetreten. Zu Beginn meiner Zeit als Ministerin vor 22 Jahren habe ich einmal eine Kindergartenausstellung eröffnet und angeregt, die Kindergärten bereits für Zweijährige zu öffnen, auch angesichts der vielen Alleinerziehenden, der vielen Abtreibungen und auch angesichts der Tatsache, dass Kinder Kinder brauchen. Darauf bekam ich aus der gesamten Bundesrepublik einen Schwall von Briefen mit den bösesten persönlichen Beschimpfungen. Es gab auch Briefe von den angesehenen Pädiatern Professor Hellbrügge aus München und Professor Pechstein aus Mainz an Bundeskanzler Helmut Kohl: „Wie können Sie nur so jemanden als Familienministerin haben?“ Daraufhin bekam ich vom Bundeskanzler einen persönlichen, netten Brief mit der Aufforderung, mich mit solchen Äußerungen zurückzuhalten. Ich habe nie das Gegenteil behauptet, aber da ich Seiteneinsteigerin und in der Politik unerfahren war, blieb ich dann still. Ich habe mich später im Rahmen der Datennovellierung des Jugendhilferechts für das Recht auf einen Kindergartenplatz ab drei Jahren eingesetzt. Der Bundestag hat zugestimmt, der Bundesrat musste es noch. Ich habe die Türen der Ministerpräsidenten abgeklappert – einige waren dafür, Herr Albrecht nicht. Mit einem Kindergartenplatz für Dreijährige würde ich die Familie kaputtmachen, er würde das Vorhaben zu Fall bringen. Ich bin froh, dass seine Tochter jetzt ganz anderer Meinung ist, und habe sie auch sehr unterstützt.

The European: Demografie wird ja immer so negativ verstanden. Kann die Politik hier noch mehr einwirken und dazu beitragen, dass Demografie als Chance begriffen wird?
Lehr: Demografie ist Herausforderung, keine Frage. Sie wird dann als ein Problem gesehen, wenn wir ein negatives Altersbild haben. Alter muss nicht Pflegebedürftigkeit bedeuten. Natürlich gibt es den 70-Jährigen, der schwer pflegebedürftig ist. Der gehört genauso zu unserer Gesellschaft und dem können, dürfen und wollen wir natürlich auch keinen Vorwurf machen. Altern ist ein lebenslanger Prozess. Wir müssen unseren jungen Leuten sagen, wie man gesund älter werden kann. Einer, der Zeit seines Lebens keinen Sport getrieben hat, wird als 70-Jähriger nur sehr schwer damit anfangen. Im Alter kommt natürlich noch die ein oder andere Krankheit hinzu, aber die meisten Alterskrankheiten sind alternde Krankheiten, die man sich bereits als 30- oder 40-Jähriger geholt hat.

„Unsere Städte sind nicht seniorengerecht“

The European: Alle wissen, dass wir immer älter werden und es immer mehr ältere Menschen gibt, aber von Seiten der Politik wird kaum darauf eingegangen. Brauchen wir, um es salopp zu formulieren, eine „Alten-Lobby“, damit sich etwas ändert?
Lehr: Ich finde, dass eine Seniorenpolitik in erster Linie in der Kommune notwendig ist, vor Ort. Unsere Städte sind vielfach nicht seniorengerecht und seniorengerecht ist menschengerecht. In einer Befragung in Süddeutschland wollten wir wissen: „Was wünschen Sie sich, was direkt in Ihrem Wohnviertel anders wird?“ An erster Stelle kam das Kopfsteinpflaster. Gehen Sie mal mit einem Rollator über Kopfsteinpflaster. Ich denke dabei noch gar nicht an Rollstuhlfahrer, Kinderwagen oder Roller fahrende Kinder. Der zweite Punkt betrifft die Straßenschilder. Warum müssen diese so klein sein? Warum findet sich vor Museen und Sehenswürdigkeiten schwarze Schrift auf braunem Grund? Das ältere Auge braucht Kontraste, um etwas erkennen zu können. Der dritte Wunsch waren große, klare und deutliche Hausnummern. Sehstörungen sind im Alter häufig. Manch einer sieht wie ein „Mosaik“. Da fallen nach und nach bestimmte Punkte heraus. Wenn Sie also eine verschnörkelte Fünf und eine verschnörkelte Sechs haben und das Auge nur mehr bestimmte Teile wahrnimmt, dann lesen Sie vielleicht zwei Sechsen. Deshalb brauchen wir klare Schriften.

The European: In Deutschland gibt es immer sofort ein „Aber“, sobald etwas Praktisches gefordert wird. Dann wird eine Kommission gebildet, die einen Bericht verfasst etc. Geht man in Deutschland zu verkopft an die Politik heran und verpasst dadurch viele Chancen?
Lehr: Wir wissen, dass sowohl körperliche als auch geistige Aktivität notwendig ist, um möglichst gesund alt zu werden. Also muss man auch Möglichkeiten geistiger Aktivität schaffen. Bei der Umsetzung von Seniorenpolitik sind zuerst die Kommunen gefragt. Bei jedem öffentlichen Neubau müssen Seniorenvertreter mitreden. Dazu gehört zum Beispiel eine ganz bestimmte Konstruktion von Stufen. Treppen, die nur aus Trittstufen bestehen, d.h. wo man zwischen den Stufen durchsehen kann, sind zwar schön und modern, verunsichern aber. 30 Prozent unserer Pflegefälle sind Folge von Stürzen. Stürze ereignen sich häufig, wenn z.B. die unterste Stufe nicht markiert ist oder ein Treppengeländer fehlt. Ein anderes Beispiel: Gehen Sie ins Museum, da finden Sie wunderbare große Exponate und wollen nun wissen, wer das gemalt hat, wann der Künstler gelebt hat und vielleicht, welchen Titel er dem Bild gegeben hat. Diese drei Informationen finden sich oft ganz unten, 20 cm über dem Fußboden, in Visitenkartengröße, mit grauer Schrift auf dreckigweißem Grund. Viele ältere, aber auch jüngere Menschen können das nicht erkennen, können sich nicht bücken und die Chance, etwas zu lernen, bleibt ungenutzt.

The European: Vielleicht liegt das daran, dass das Ideal der Jugend in unserer Gesellschaft weiterhin dominiert. Schließlich möchte niemand älter werden.
Lehr: Da haben Sie völlig recht. Aber alle genannten Beispiele stören die jungen Leute ja auch nicht. Warum setzt man sie also dann nicht um?

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