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Die Ukraine in den Augen Deutschlands

Eine neue Studie der GIZ dokumentiert das breite Spektrum deutscher Meinungen und Wahrnehmungen zur heutigen Ukraine. Wie steht es um den Diskurs, fragt Andreas Umland.

Deutschland ist das bevölkerungsreichste und wirtschaftlich stärkste Land Westeuropas, während die Ukraine der größte reineuropäische Flächen- und ein geopolitischer Schlüsselstaat Osteuropas ist. Die Geschichte der Ukrainer und Deutschen ist eng verflochten. So übernahmen etwa etliche ukrainische Städte vom 15. bis 19. Jahrhundert das Magdeburger Stadtrecht. In einer dieser Städte, am Ufer des Flusses Dnipro in Kiew, steht heute ein Denkmal für das Magdeburger Recht.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich ukrainisch-deutsche Kooperation in vielen Bereichen intensiviert, so in der Wirtschaft, Demokratieförderung, Forschung, Bildung, Zivilgesellschaft und Kultur. Vor dem Hintergrund dieser und anderer Entwicklungen überrascht, wie wenig der Verlauf und die Natur der deutsch-ukrainischen Beziehungen bislang erforscht ist. Etliche Aspekte der beidseitigen Kontakte und Perzeptionen der beiden großen europäischen Völker sind bislang weder von den Geistes- noch von den Sozialwissenschaften ausführlich untersucht worden.

Während das Interesse an Deutschland in der Ukraine immer hoch war, wächst das Interesse an der Ukraine und der Kenntnisstand zu ihr in Deutschland erst seit kurzem. Seit 2006 gibt die Forschungsstelle Osteuropa Bremen die „Ukraine-Analysen“ heraus – eine regelmäßig erscheinende elektronische Sammlung mit Kurzuntersuchungen mit bislang 202 Ausgaben. Zwei spezialisierte deutschsprachige Webseiten beleuchten aktuelle ukrainische Debatten publizistisch: die Kiewer „Ukraine-Nachrichten“ des Kiewer dpa-Korrespondenten Andreas Stein seit 2007 und das Portal „Ukraine verstehen“ des Zentrums für Liberale Moderne Berlin seit 2017.

Langsam verbessert sich auch die systematische Aufarbeitung der Geschichte der deutsch-ukrainischen Beziehungen. 2010 etwa veröffentlichte der Hamburger Historiker Frank Golczewski eine einschlägige Studie der deutsch-ukrainischen Kontakte während des Ersten Weltkriegs und in der Zwischenkriegszeit (Deutsche und Ukrainer 1914-1939. Paderborn: Schöningh, 1058 S.). In den letzten Jahren erschienen weitere Untersuchungen zu der Beziehung der beiden Länder, Darstellung der Ukraine in den deutschen Massenmedien und Teilhabe Deutschlands am ukrainischen Transformationsprozess.

In einer aufwändigen über das Jahr 2017 erstellten Studie „Die Ukraine in den Augen Deutschlands: Bilder und Wahrnehmungen eines Landes im Umbruch“ präsentiert das Ukraine-Programm der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH einen informations- und aufschlussreichen Überblick zur Wahrnehmung der heutigen Ukraine in Deutschland. Die Studie folgt der Methodik einer früheren GIZ-Wahrnehmungsstudie „Deutschland in den Augen der Welt“, in welcher internationale Deutschland-Experten Fragen dazu beantworteten, wie Deutschland in ihrer Heimat wahrgenommen wird.

Auch der GIZ-Band zur Ukraine ist keine statistische Untersuchung deutscher Vorstellungen von der Ukraine, sondern eine tiefe, qualitative Studie zu deutschen Eindrücken, Interpretationen, Meinungen, Standpunkten, Einschätzungen, Stereotypen, Kenntnissen und Erwartungen bezüglich der Ukraine. Die Studie beruht auf 1014 Aussagen von 44 deutschen Interviewpartnern, welche mehr oder minder stark mit der Ukraine vertraut sind beziehungsweise sich beruflich für die Ukraine interessieren. Unter den Befragten waren Wissenschaftler, Unternehmer, Vertreter der Zivilgesellschaft, Journalisten, Künstler und Politiker, darunter etwa Rebecca Harms, Abgeordnete von Bündnis 90/Grüne im Europäischen Parlament oder Prof. Dr. Georg Milbradt, ehemals sächsischer Ministerpräsident und seit kurzem G-7-Botschafter in der Ukraine.

In seinem Vorwort legt der Initiator des Vorhabens, Andreas von Schumann, offen: „Wahrheitsfindung [über die Ukraine] war nicht unser Anliegen. Vielmehr wollten wir herausdestillieren, welche Gemeinsamkeiten unterschiedliche Wahrnehmungen [über die Ukraine] von unterschiedlichen Personen [in Deutschland] aufweisen, welche Konturen die Bilder von der Ukraine aufweisen, welches Profil und welche Verzerrungen erkennbar werden“. Von Schumann erkennt zwei Grundlinien in den Aussagen der 44 Befragten. Zum einen empfinden die deutschen Ukraine-Kenner den deutschen „Blick auf die Ukraine als zu eng, das Wissen [über die Ukraine in Deutschland] als zu lückenhaft, die Aufmerksamkeit [der Deutschen für Ereignisse in der Ukraine] als zu flüchtig und die Bewertungen [ukrainischer Themen in Deutschland] als zu wenig fundiert“.

Zum anderen bemerkt von Schumann, wie in den Antworten der befragten deutschen Experten „der tiefe Wunsch [erkennbar wird], dass sich Deutschland und die Deutschen mehr und intensiver mit der Ukraine auseinandersetzen. Begründet wird diese Hoffnung mit mehreren Motiven: mit historischen Verantwortungen der Deutschen, der kulturellen Vielfalt der Ukraine, dem wirtschaftlichen Potenzial des Landes, der Notwendigkeit, Stabilität im Osten Europas zu schaffen, oder mit möglichen Impulsen für die Weiterentwicklung der EU. Doch das auffälligste Motiv war die Begeisterung über die Entdeckungen unserer Gesprächspartner in ihrer eigenen Annäherung an die Ukraine. Unabhängig vom konkreten Anlass, die Ukraine in den Mittelpunkt ihres Interesses zu stellen, hoben die meisten das ‚weiße Blatt‘ zu Beginn hervor, das sich schnell zu einer ‚bunten Leinwand‘ wandeln sollte“. (S. 7)

Wie die Studie zeigt, dominieren drei negative „Ks“ in der deutschen Wahrnehmung der Ukraine seit 2014: Krieg, Krise, Krim. Zwei weitere „Ks“ haben positive Konnotationen: der einst berühmte Fußballverein „Dynamo Kiew“ und der Brand „Klitschko“, der Name der Boxweltmeister Wladimir und Witalij, die lange Zeit in Deutschland lebten und bei den Deutschen populär wurden. Doch verbessern die positiven „Ks“ und andere vorteilhafte Assoziationen etwa mit der Orange Revolution und dem Euromaidan das Image der Ukraine in Deutschland bislang nicht wesentlich. In der GIZ-Studie werden nicht nur die verbreiteten deutschen Stereotype über die Ukraine offengelegt, sondern auch viele tiefergehende Einschätzungen verschiedener Wahrnehmungen der Ukraine in Deutschland vorgestellt. Letztes betrifft etwa solche Themen des ukrainischen politischen und gesellschaftlichen Lebens, wie der Machtwechsel 2014, die Reformprozesse seitdem, das Problem der Korruption, das schwierige Thema Nationalismus, die komplizierten Außenbeziehungen der Ukraine, ihre europäische Bestrebungen, die kulturellen Unterschiede zwischen dem Osten und Westen des Landes sowie das Verhältnis der Ukraine zu Russland und dessen Bedeutung für Deutschland.

Der Neuwert der Studie besteht nicht nur darin, dass sie verschiedene deutsche Interpretationen dieser Themen und weitere Themen illustriert. Neben der Darstellung von Standpunkten und Meinungen deutscher Ukraine-Kenner, vermittelt die Studie indirekt auch einen Einblick, wie die deutsche Öffentlichkeit über künftige Ereignisse in der und um die Ukraine herum wahrnehmen wird – und von der Ukraine und ihren Freunden informiert werden sollte. Deutschland hat große Bedeutung für die Außenpolitik der EU insgesamt und für die Beziehungen mit Kiew im Besonderen. Daher ist diese tiefschürfende Studie der deutschen Wahrnehmung ukrainischer Angelegenheiten wichtiger Lesestoff für all diejenigen, die sich für die Gegenwart und Zukunft der internationalen Beziehungen der Ukraine sowie ihre schrittweise europäische Integration interessieren.

Die Ukraine in den Augen Deutschlands: Bilder und Wahrnehmungen eines Landes im Umbruch. Kyiv: Büro für politische Kommunikation, GIZ GmbH, 2018. 111 pp.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Andreas Umland, Andrew Denison, Wladislaw Inosemzew.

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