Die Grenzen des Wachstums

von Ulrich Thielemann24.11.2010Wirtschaft

Das Hofieren des Kapitals hätte spätestens nach der Lehman-Pleite aufhören müssen. Doch die Weltfinanzarchitektur ist auch heute weitgehend dieselbe. Die Realwirtschaft ist an den Grenzen des Wachstums, und wir müssen ein Nullsummenspiel zwischen sich wechselseitig Abzockenden ertragen.

Nach der Lehman-Pleite hätte man meinen können, damit sei das Ende der Marktgläubigkeit eingeleitet. Dieser Glaube bestand darin, dass die “Hofierung” (Hans-Werner Sinn) des Kapitals in seinen unstillbaren Renditewünschen dem Wohle aller diene. Nach einem Feuerwerk der Deregulierung der Kapitalmärkte hielt Nicolas Sarkozy nun fest: “Le laissez-faire, c’est fini.” Angela Merkel wollte und will “das Primat der Politik über die Finanzmärkte” restituieren, und zwar auf der Ebene einer globalen Weltwirtschaftsordnung, da nur so eine “menschliche Marktwirtschaft” möglich sei. Recht hat sie. Von einer entsprechenden “neuen Weltfinanzarchitektur” fehlt allerdings bislang fast jede Spur. Dies liegt daran, dass die Krise unverstanden geblieben ist – als hätten sich da nur ein paar Banker im Nirwana ihrer Modelle “verspekuliert”. Die Krise ist kein Problem zu großer “Risiken”, sondern der Kulminationspunkt der Bemächtigung von Realwirtschaft, Gesellschaft und Politik durch die “Macht des Kapitals”.

Die Realwirtschaft ist an den Grenzen des Wachstums

Von 1980 bis 2008 hat sich die globale Wirtschaftsleistung versechsfacht. Das nominale Finanzkapital ist im gleichen Zeitraum um den Faktor 15 gestiegen. Wer, bitte schön, soll die korrespondierenden Renditen erwirtschaften? Trotz aller Peitschenwirkungen, die das Kapital durch das Ausspielen der “Standorte” gegeneinander erzielt hat, ist dazu eine zunehmend erschöpfte und an die ökonomischen Grenzen des Wachstums gestoßene Realwirtschaft nicht in der Lage. Doch statt an die Deflationierung des Kapitals zu gehen, statt die gigantische, jeder Leistungsgerechtigkeit Hohn sprechende Abschöpfung, die dem Kapital und seinen Zudienern gelang, rückgängig zu machen, unterfüttert die Politik die Blase mit Billionen messenden Bürgschaften. Wir alle werden jetzt zu Dienern des Kapitals, allerdings ganz unfreiwillig und ganz ohne Boni. Darum geht die Rechnung der Akteure des Blasenkapitalismus im Grunde erst jetzt auf. “Geiselhaft” lautet das Zauberwort hierfür, oder etwas vornehmer: “Dominoeffekte”. Erinnerungen an 1929 wurden wach und sollten wach werden. Peer Steinbrück ließ uns wissen, in einen “Abgrund” geschaut zu haben. Wie er in seinem jüngsten Buch enthüllt, gab er damit die Meinung der Banker wieder, die er als Experten zurate gezogen hatte. Später meinte Bundeskanzlerin Merkel, “uneigennützige Ratgeber” seien schwer zu finden.

Ein Nullsummenspiel zwischen sich wechselseitig Abzockenden

Deutschland hat den Aktionären und Gläubigern der Hypo Real Estate Bürgschaften in Höhe von € 142 Milliarden bzw. 6 Prozent des BIP bzw. 47 Prozent eines Bundeshaushaltes zugesprochen. Angesichts dieser Größenordnungen muss verwundern, warum niemand fragt, ob nicht vielleicht die Hälfte gereicht hätte. Die Kapitalmarktgläubigkeit besteht hierbei darin zu glauben, die korrespondierenden Renditen seien schmerzfrei zu erwirtschaften. Wie schon zuvor basiert das Blasenspiel – eigentlich ein Nullsummenspiel zwischen sich wechselseitig Abzockenden – auf der systematischen Erzeugung von Intransparenz. Ohne die schonungslose Klärung der Rolle, die das Kapital faktisch spielt und welche es um des Wohls aller willen spielen sollte, wird die letztlich nur vorgespielte Geiselhaft des Kapitals kein Ende nehmen. Dann könnte eine Zeit anbrechen, in der Sätze wie der von Josef Ackermann, “jede Regulierung (der Banken) erschwert Investitionen, kostet damit Geld und gefährdet Jobs”, als volkswirtschaftliche Laienantworten erkennbar werden, deren Sinn darin besteht, eigene Partikularinteressen zu kaschieren, um diese für das Gemeinwohl auszugeben.

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