Schwellenländer in Schwierigkeiten

von Ulrich Stephan4.10.2018Wirtschaft

Argentinien und die Türkei kämpfen mit einem starken Wertverfall ihrer Währungen und einer ausufernden Inflation, Südafrika ist im 2. Quartal dieses Jahres in die Rezession gerutscht: Die Schlagzeilen über die wirtschaftliche Entwicklung der Schwellenländer klangen schon einmal verheißungsvoller. Zumal auch deren Aktienmärkte seit Monaten unter Druck stehen.

Der MSCI Emerging Markets (MSCI EM), der mehr als 800 Unternehmen aus 24 Schwellenländern weltweit listet, hat aus Sicht eines Euroanlegers seit Jahresbeginn 2018 bis zum 19. September 2018 rund sieben Prozent an Wert verloren. Die aktuelle Situation in den Schwellenländern lässt Erinnerungen an das „Taper Tantrum“ aus dem Jahr 2013 wach werden: Nachdem US-Notenbankchef Ben Bernanke damals den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik andeutete, schichteten zahlreiche Anleger in Erwartung höherer US-Zinsen ihr Kapital aus den vergleichsweise risikobehafteten Schwellenländern in die USA um. Das führte zu erheblichen Verwerfungen an den Kapitalmärkten der aufstrebenden Volkswirtschaften.

Bei näherer Betrachtung zeigen sich heute jedoch deutliche Unterschiede zur Situation von 2013. Vor allen Dingen haben sich die wirtschaftlichen Daten vieler Schwellenländer seither verbessert: Das Wachstum präsentiert sich robuster und ihre externe Verschuldung sowie ihre Leistungsbilanzdefizite sind insgesamt betrachtet ebenso gesunken wie die zeitweise sehr hohe Inflation. Dennoch hat sich die Konjunktur in vielen Schwellenländern zuletzt abgekühlt. Nachdem das Konjunkturplus für Schwellenländer insgesamt im ersten Quartal 2018 5,5 Prozent betrug, ging es im zweiten Quartal etwas zurück. Laut Deutsche Bank Prognose sollte das Segment der Schwellenländer 2018 um 4,9 Prozent wachsen, lediglich einzelne Länder gerieten verstärkt unter Druck. Für 2019 prognostiziert die Deutsche Bank ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 4,8 Prozent.

Herausforderungen einzelner Länder verunsichern Investoren

Das aktuelle Tempo der Fed bei ihren Leitzinserhöhungen sowie steigende US-Zinsen führen dazu, dass Investitionen in US-Anleihen im Vergleich zu Anleihen der Schwellenländer für entsprechend risikobereite Anleger an Attraktivität gewinnen – zumal Schwellenländeranleihen mit einem höheren Risiko behaftet sind. Durch reduzierte Kapitalflüsse aus beispielsweise den USA in die Schwellenländer werden zunehmend Schwächen einzelner Schwellenländer offengelegt. Vor allem die Türkei, Argentinien, Südafrika und Brasilien gerieten unter Druck, da sie aufgrund ihres Leistungsbilanzdefizits auf ausländisches Kapital zur Finanzierung von Investitionen angewiesen sind. Zudem leiden die Türkei und Argentinien unter dem Wertverfall ihrer Währungen und der ausufernden Inflation.

Darüberhinaus verstärkten einzelne länderspezifische Herausforderungen die negative Anlegerstimmung gegenüber den Schwellenländern – etwa der ungewisse Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Brasilien und die Bedrohung der ansonsten stabilen wirtschaftlichen Situation in Russland durch weitere US-Sanktionen. Die erwähnten Nationen machen zusammen jedoch lediglich knapp 16 Prozent im MSCI EM aus. Die Türkei ist sogar nur mit 0,5 Prozent im MSCI EM gewichtet und Argentinien bis zur voraussichtlichen Aufnahme Mitte 2019 gar nicht.

Das Reich der Mitte im Fokus

Ein besonderes Augenmerk gilt mit Blick auf die Schwellenländer der Entwicklung Chinas. Denn aufgrund der schieren Größe des Landes spielt die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt insbesondere für ihre asiatischen Nachbarländer eine wichtige Rolle: Ist die chinesische Konjunktur intakt, profitieren aufgrund enger wirtschaftlicher Beziehungen auch diese. Um die zuletzt etwas abgekühlte Wirtschaft zu stützen, hat das Reich der Mitte ein Konjunkturprogramm aufgelegt, das neben fiskalpolitischen Maßnahmen auch eine Lockerung der Geldpolitik beinhaltet. Diese umfasst unter anderem die Senkung des Mindestreservesatzes, um die Kreditvergabe der Banken anzukurbeln. Statt des ursprünglichen Ziels, Schulden abzubauen, soll die Verschuldung nun lediglich stabilisiert werden.

Aufgrund des Konjunkturprogramms nahm der Deutsche Bank-Frühindikator für China, der neben der Zinspolitik, den Marktzinsen und Wechselkursen auch die Geld- und Kreditmenge sowie die Schwankungsintensität der Aktienmärkte berücksichtigt, wieder eine positive Entwicklung. In der Realwirtschaft dürfte sich das Programm dann im ersten Halbjahr 2019 bemerkbar machen. Sobald die ergriffenen Maßnahmen Wirkung zeigen, sollte davon nicht nur die chinesische Wirtschaft profitieren, sondern auch die Konjunktur in den benachbarten Staaten, insbesondere in Südkorea und Taiwan – und damit die dortigen Aktienmärkte. Das ist ein positives Signal für die Aktienmärkte der Schwellenländer insgesamt: Im MSCI EM machen China, Südkorea und Taiwan mehr als 57 Prozent der Marktkapitalisierung aus. Im asiatischen Schwellenländerindex MSCI EM Asia sind es sogar drei Viertel.

Schwellenländer weiterhin interessante Anlagemöglichkeit

Am insgesamt positiven Ausblick für Chinas Wirtschaft ändert auch die jüngste Verschärfung der globalen Handelsstreitigkeiten nichts. Die US-Regierung kündigte Mitte September die Verhängung von Strafzöllen auf chinesische Exporte im Wert von rund 180 Milliarden US-Dollar an. Gleichzeitig drohte US-Präsident Donald Trump mit weiteren Handelsbarrieren, sollte China Gegenmaßnahmen ergreifen. Peking zögerte jedoch nicht und kündigte seinerseits zusätzliche Zölle auf US-Exporte im Wert von 60 Milliarden US-Dollar an. Trotz der Eskalation geht die Deutsche Bank, insbesondere aufgrund der expansiven Fiskal- und Geldpolitik, von einem weiterhin hohen Wirtschaftswachstum in China aus: Für 2018 wird ein Plus von 6,6 Prozent, für 2019 von 6,3 Prozent erwartet.

Insgesamt dürften Schwellenländer im Allgemeinen und asiatische Schwellenländer im Besonderen weiterhin eine interessante Anlagemöglichkeit für entsprechend risikobereite Anleger darstellen. Zwar gilt es, mögliche Belastungsfaktoren wie eine Ausweitung des globalen Handelsstreits weiter zu beobachten. Der grundsätzliche Wachstumstrend scheint jedoch nach wie vor intakt. Aufgrund länderspezifischer Risiken ist dabei ein regional breit gestreutes Investment ratsam.

Zu weiteren texten aus der Welt der Börse kommen Sie “hier”:https://www.boerse-am-sonntag.de/

KOMMENTARE

MEIST KOMMENTIERT

Ursula von der Leyen ist eine überzeugte Europäerin

„Der Prozess war schwierig, hat Wunden geschlagen und bedeutet einen Rückschritt gegenüber dem 2014 Erreichten. Das Geschehene muss aufgearbeitet werden, damit die Bürgerinnen und Bürger 2024 unter deutlich besseren Voraussetzungen zur Europawahl gehen können. Heute gilt aber: Die überpartei

Wie ein Präsident Selensky relativ erfolgreich sein könnte

Ein Großteil der intellektuellen Elite, politischen Chatcommunity, weltweiten Diaspora und ausländischen Freunde der Ukraine ist entsetzt über den Ausgang der ukrainischen Präsidentschaftswahlen. Der Schauspieler, Komiker und Geschäftsmann Wolodymyr Selensky wird, nachdem er im ersten Wahlgang

August von Hayek: „Der Weg zur Knechtschaft“

Von 1940 – 1943, als der Kampf gegen das Deutschland der Nationalsozialisten noch nicht entschieden war, schrieb August von Hayek im englischen Exil, in das er vor den Nationalsozialisten geflüchtet war, „Der Weg zur Knechtschaft“. Es erschien 1944 in England, dem Land, das Europa innerhalb v

Die Migrations-Politik der EU ist gescheitert

Vortrag von Herr Köppel bei der EKR (Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformer) im Europaparlament in Brüssel am 17.06.2019, als Beitrag zur Diskussionsrunde „Die EU nach den Wahlen - weniger Europa“. Herr Köppel erläutert, warum die Schweiz mit der EU bestens zusammenarbeiten wi

Teilen und Herrschen: Frankreich will immer im EU-Poker mitsspielen

Um die Schwierigkeiten zu verstehen, die die Besetzung der sogenannten Topjobs (Kommissions-, EZB- und Parlamentspräsident, sowie den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik) in der EU mit sich bringen, lohnt es sich die Mitglieder der EU einzeln nach Gewichtung, Interessen und m

Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt

Die Bibliothek des Konservatismus Berlin ist eines der kleinen gallischen Dörfer in der rot-dunkelrot-grünen Hauptstadt des besten Deutschlands, das wir je hatten, von denen Widerstand gegen den Zerfall unseres Landes ausgeht. Am 3. Juli war in der Bibliothek jeder der über dreihundert unbequeme

Mobile Sliding Menu