Asiens Schwellenländer boomen weiter

Ulrich Stephan26.11.2017Wirtschaft

Die Weltwirtschaft läuft gut und der Welthandel zieht mit: Um rund vier Prozent könnte der globale Warenaustausch 2017 zulegen – so stark wie seit sechs Jahren nicht mehr. Davon profitieren Exportnationen wie Deutschland oder Japan, aber auch die asiatischen Schwellenländer, deren Wirtschaft ebenfalls stark am Außenhandel hängt. Das gilt vor allem für China, Taiwan und Südkorea.

Blickt man auf die Aktienmärkte der asiatischen Schwellenländer, verwundert es daher kaum, dass die Börsen dieser Exportnationen positiv zur guten Wertentwicklung der vergangenen Monate beigetragen haben. Insgesamt legte der asiatische Schwellenländer-Leitindex MSCI Emerging Markets seit Anfang des Jahres bis zum 15. November aus Sicht eines Euroanlegers um mehr als 25 Prozent zu – und damit zum Teil deutlich mehr als andere bedeutende Indizes weltweit.

Ausschlaggebend für die starken Kursbewegungen dürften in erster Linie die deutlich gestiegenen Gewinnerwartungen für viele Unternehmen der Region gewesen sein. Aktuell gehen die Marktteilnehmer für 2017 von einem durchschnittlichen Ertragsplus von 24,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr aus. Dabei ist es nicht allein die reine Höhe der Erwartungen, sondern auch deren Entwicklung, die die Kurse getrieben hat: In den letzten sechs Monaten wurden die bereits hohen Gewinnerwartungen für das Gesamtjahr 2017 nochmals um 3,3 Prozent angehoben. Mit diesen positiven Gewinnrevisionen der Analysten wurden die Aktien für Anleger im Jahresverlauf interessanter, was sich in einer erhöhten Nachfrage und letztlich anziehenden Kursen widerspiegelte.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank könnte sich der positive Trend an den Aktienmärkten der asiatischen Schwellenländer auf absehbare Zeit fortsetzen. Für das Jahr 2018 liegen die Gewinnerwartungen derzeit bei rund 13 Prozent. Doch auch abseits der Gewinnseite sind Argumente für weiter steigende Kurse zu finden – insbesondere mit Blick auf China, die mit Abstand größte Volkswirtschaft der Region.

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Chinesische Kapitalmacht

Ein interessanter Punkt für Anleger ist beispielsweise die private Sparquote im Reich der Mitte, die zu den weltweit höchsten überhaupt zählt. Auch in Anbetracht vergleichsweise geringer staatlicher Hilfen in Bezug auf Krankheitskosten, Altersvorsorge oder Arbeitslosigkeit haben die chinesischen Bürger mittlerweile umgerechnet rund zehn Billionen US-Dollar auf die hohe Kante gelegt. Sollte die Liberalisierung der chinesischen Kapitalmärkte wie erwartet weiter voranschreiten, könnte zumindest ein Teil dieser enormen Summe zum Kauf von Wertpapieren genutzt werden – über eine Lockerung der nach wie vor strengen Kapitalverkehrskontrollen auch in anderen asiatischen Staaten.

Im eigenen Land haben „Festland-Chinesen“ bereits seit Ende 2014 größere Möglichkeiten, Aktien zu erwerben. Denn über eine Kooperation zwischen den Börsen in Shanghai und Hongkong, den sogenannten Shanghai-Hongkong Stock Connect, können sie die vormals exklusiv in Hongkong gehandelten H-Aktien chinesischer Unternehmen ebenfalls kaufen – was sie seither in außerordentlichem Umfang tun. Ende 2016 kam dann der Shenzhen-Hongkong Stock Connect hinzu. Durch diese Kooperation flossen bereits umgerechnet über 110 Milliarden US-Dollar südwärts Richtung Hongkong.

Kapitalmarktöffnung bringt neue Chancen

Im Zuge einer fortschreitenden Liberalisierung der chinesischen Kapitalmärkte und einer Erweiterung des Stock Connect könnte langfristig noch ein weiterer Aspekt die Aktienmarktentwicklung in den asiatischen Schwellenländern und insbesondere in China stimulieren: die Ausweitung der Gewichtung chinesischer Aktien im MSCI Emerging Markets (MSCI EM), dem globalen Leitindex für Schwellenländer. Denn aktuell sind Festland-Aktien – sogenannte A-Aktien – des wirtschaftlichen Schwergewichts China noch nicht im Index vertreten. Das ändert sich nun: Im Laufe des Jahres 2018 werden rund fünf Prozent der sich im Umlauf befindenden A-Aktien aufgenommen. Damit werden diese voraussichtlich mit 0,73 Prozent im MSCI EM vertreten sein. Bei voller Aufnahme der Aktien in den Index würde der Anteil rund 13 Prozent betragen. Zusammen mit den in Hongkong gelisteten H-Aktien läge der Anteil Chinas im Schwellenländer-Index dann bei rund 38 Prozent. Bei einer weiteren Marktöffnung könnte das Gewicht von A-Aktien also weiter erhöht werden – mit entsprechenden Kapitalzuflüssen als möglicher Folge, da chinesische Aktien in Index-Investments stärker berücksichtigt werden müssten.

Bei allen Unsicherheiten bezüglich einer weiteren Liberalisierung der chinesischen Kapitalmärkte und hinsichtlich der strukturellen Herausforderungen, denen sich die asiatischen Schwellenländer gegenübersehen, könnte die Region aus Sicht der Deutschen Bank für entsprechend risikobereite Anleger auf absehbare Zeit eine der interessantesten Anlageregionen weltweit bleiben. Aufgrund der teilweisen Intransparenz der Märkte scheint es ratsam, ein mögliches Investment breit über verschiedene Länder und Branchen zu streuen und unter Umständen ein aktives Fondsmanagement ins Auge zu fassen.

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