Euer Hass ist unser Ansporn. Joachim Gauck

Es ist Krieg und jeder geht hin

Im Sudan spenden Abgeordnete ihr Gehalt für die Armee. Die Region ist ausgelaugt und versehrt. Dennoch droht erneut ein offener Krieg zwischen Nord und Süd auszubrechen.

Die Welt steht vor einem Scherbenhaufen. Der Friedensprozess zwischen dem Sudan und Südsudan hat sich verflüchtigt, was bleibt ist Kriegsrhetorik und unverantwortliches Handeln der beiden Konfliktparteien. Die Welt muss handeln, soll ein Gemetzel verhindert werden.

„Stell Dir vor, es gibt Krieg und jeder geht hin!“ Unter diesem verstörenden Motto kann man die dramatische Lage im Sudan und Südsudan zusammenfassen. Fast täglich bewegt sich der Konflikt zwischen beiden verfeindeten Regierungen auf einer Eskalationsspirale hin zu einem offenen Krieg. Doch nicht nur die Regierungen provozieren mit Äußerungen wie Taten – auch unter Politikern und in der Bevölkerung nimmt das Kriegsgebrüll stetig zu.

2,7 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen

Parlamentsabgeordnete im Südsudan spenden demonstrativ einen Teil ihres Gehalts für die Armee und rufen zur offensiven Landesverteidigung auf. Und im Sudan gibt es viele Stimmen, die die Abspaltung des Südsudan niemals wollten und nun dazu aufrufen, dem Süden eine militärische Lektion zu erteilen. Sie verkennen dabei allerdings fatal ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen. Vor allem begreifen diese Falken auf beiden Seiten nicht, dass eine Lösung der Streitfragen zwischen beiden Staaten nur am Verhandlungstisch gefunden werden kann.

Sollten sich die Hardliner durchsetzen, stehen beiden Ländern schwere Zeiten bevor. Ein offener Krieg hätte katastrophale Folgen für die Zivilbevölkerung. Es ist unverantwortlich, zwei Staaten, die noch immer von Jahrzehnten des Krieges und Völkermordes schwer gezeichnet sind, nun erneut in einen Krieg zu führen. So sind im Südsudan schon heute aufgrund dürftiger Ernten 2,7 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ein Krieg in der bevorstehenden Regenzeit würde die Zahl der Hilfsbedürftigen nicht nur in die Höhe schnellen lassen, sondern auch eine Versorgung der Notleidenden enorm erschweren. Schon in wenigen Monaten werden die Regierungskassen im Südsudan leer sein, da der Ölexport, von dem das Land vor allem lebt, im Februar 2012 gestoppt wurde.

Nicht nur Betroffenheit äußern

Auch im Sudan ist die Situation dramatisch. Das Land steht vor dem Staatsbankrott, die Macht von Staatspräsident Omar Hassan al Bashir bröckelt und kritische Stimmen in Armee und Bevölkerung werden immer lauter. Was liegt näher, als einen Krieg zu führen, um die Kritiker zu beruhigen und hinter sich zu scharen. Nur so ist verständlich, warum der Sudan auf den Rückzug der südsudanesischen Truppen aus der im Sudan gelegenen Öl-Region Heglig nicht versöhnlich reagiert, sondern Luftangriffe auf den Südsudan anordnet. Offensichtlich besteht kein Interesse an einer De-Eskalation, um die sich die internationale Staatengemeinschaft kümmert. Nur mit massivem Druck auf den Südsudan hatte das Ausland erreicht, dass die umstrittene Besetzung der Ölfelder rückgängig gemacht wurde.

Nur internationale Vermittlung und massiver Druck aus dem Ausland können jetzt noch helfen, um ein neues Gemetzel zu verhindern. Ganz chancenlos ist dies nicht, denn anders als in den Vorjahren hat nun auch China ein großes Interesse daran, dass seine Investitionen in die Ölindustrie im Sudan und Südsudan nicht umsonst waren. Aber wer erfolgreich eine weitere Eskalation der Gewalt verhindern will, muss nun endlich aktiv werden. Es reicht nicht aus, wie die Europäische Union nur einige Erklärungen abzugeben, in denen man seine tiefe Betroffenheit äußert. Mehr diplomatisches Engagement der Europäer ist von Nöten. Und es muss ein neuer Vermittler gefunden werden, denn Südafrikas ehemaliger Staatspräsident Mbeki wird von den Südsudanesen nicht als neutral angesehen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Gunnar Heinsohn, Jonathan Hutson, Philipp Legrand.

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