Die LINKE wird zu einer Kleinpartei schrumpfen

Ulrich Berls2.09.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Politik

Die Wahlen in Brandenburg und Sachsen waren ein Fiasko für die Linkspartei. Sie wurde beinahe halbiert und hat es in beiden Ländern nur noch hauchdünn geschafft, wenigstens über 10 Prozent der Stimmen zu holen.

Sachsen und Brandenburg sind für die Linkspartei keine Länder wie andere, das sind ihre Herzkammern, dort wohnt die Hälfte der ostdeutschen Bevölkerung. Wer im Osten heute Denkzettel verteilen und den Wessis eins auswischen will, wählt offensichtlich nicht mehr links: In Sachsen ist die AfD jetzt knapp dreimal so stark wie die – man muss es seit diesem Wahlsonntag wohl sagen – ehemalige Stimme der Ostdeutschen.

 Stammwähler

Dies ist ein Wahldebakel mit Ansage. Sahra Wagenknecht hat jahrelang versucht, ihren Genossen klar zu machen, wie die Interessenlage der eigenen Klientel wirklich ausschaut: „Leider verbinden heute viele mit ‚links’ etwa die Befürwortung von möglichst viel Zuwanderung oder abgehobene Gender-Diskurse, die mit dem Kampf um echte Gleichstellung wenig zu tun haben“, formulierte Wagenknecht bereits im Jahr 2016. Die ehemalige Vorzeigefrau der Linken hatte ein genaues Gespür dafür, dass „grüne“ Themen bei der eigenen Klientel nicht verfangen.

Warum die Führung der Linkspartei immer noch für einen „sofortigen Abschiebestopp“ auch bei kriminellen Zuwanderern und für ein „Bleiberecht für alle“ ist,  finden viele ihrer Stammwähler einfach weltfremd. Und wer gezwungen ist, mit seinem nicht mehr ganz neuen Diesel zur Arbeit zu fahren, hat wenig Verständnis für eifernde Diskussionen über Fahrverbote. Warum dann auch noch Männer und Frauen auf die gleiche Toilette gehen sollen und die Kinder nicht mehr Cowboy und Indianer spielen dürfen, verstehen im Milieu der Linken-Wähler sowieso nur wenige.

 Rückenwind und Gegenwind

Der Absturz der Linkspartei bei gleichzeitigem Aufstieg der AfD ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Linken vom überwiegenden Teil der Medien fair und neutral behandelt werden, die Rechten jedoch einem Trommelfeuer der Kritik und Ablehnung ausgesetzt sind. Während sich kein Nachrichtensprecher trauen würde, einen Bericht über die SED-Nachfolgepartei mit dem Attribut „linkspopulistisch“, „altstalinistisch“ oder dergleichen anzukündigen, vergeht kaum eine Moderation in Sachen AfD ohne das Epitheton „rechtspopulistisch“.  Als Nebeneffekt der Wahlen von Sachsen und Brandenburg zeigt sich einmal mehr, wie sehr der Einfluss der etablierten Medien sinkt. Ein Viertel der Wähler hat dort AfD gewählt – ein Triumph, der trotz des medialen Gegenwinds erzielt wurde, und damit noch bemerkenswerter ist, als es die schieren Prozentpunkte bereits ausdrücken.

Schicksalswahl

Ohne ihre Bastionen im Osten Deutschlands wird Die Linke zu einer Kleinpartei schrumpfen, die mittelfristig in der Bedeutungslosigkeit verschwinden könnte. Ganz gleichgültig,  wie die Wahl um den SPD-Vorsitz ausgehen wird, die Tage der Großen Koalition sind gezählt. Vielleicht schon in diesem Herbst, spätestens aber in zwei Jahren, wird die SPD sich wieder klarer links profilieren. Dann droht Die Linke zerrieben zu werden: Wer sozialdemokratisch fühlt, kann dann wieder leichter SPD wählen, wer ökologisch-alternativ orientiert ist, wählt das grüne Original, und wer Protest ausdrücken will, wem das ganze Establishment nicht passt, wählt AfD.

Vor diesem Hintergrund wird die Wahl Ende Oktober in Thüringen zur Schicksalswahl für die Linkspartei. Günstiger könnten die Vorzeichen für die Linke dort eigentlich nicht stehen: Mit Bodo Ramelow stellt sie ihren einzigen Ministerpräsidenten, und der Titelverteidiger ist beliebt in der Bevölkerung. Doch die derzeitigen Koalitionspartner schwächeln, sowohl für die SPD als auch für die Grünen wäre jedes Ergebnis über 10 Prozent bereits ein Sieg. Bei der AfD tritt mit Björn Höcke ihr prominentester Rechtsaußen als Spitzenkandidat an, was freilich gar nichts daran ändert, dass alle Institute die AfD auch in Thüringen über 20 Prozent sehen. Sollte Die Linke am 27. Oktober Thüringen verlieren, wird ihre Parteikrise endgültig existenziell.

Spätestens dann wird der Ruf in der Partei nach eine Rückkehr von Sahra Wagenknecht unüberhörbar werden.

 

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