Gegen einen Shutdown der Argumente! | The European

Der Corona-Skeptiker - neue Schreckensfigur am Horizont?

Ulrich Berls28.04.2020Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Im Zeichen der Pandemie taucht eine neue Schreckensfigur am Horizont auf: der Corona-Skeptiker. So schlimm die Seuche auch immer noch werden mag, hüten wir uns davor, kritisches Bewusstsein zu verunglimpfen.

Shutdown Symbol, Shutterstock

Warum nur wird das Dumme und das Böse so gerne mit dem Ehrentitel Skeptiker gleichgesetzt? Wer glaubt, von Covid-19 gehe keine Gefahr aus, also Staatenlenker vom Schlage eines Jair Bolsonaro oder etwa der Chef des russischen Corona-Zentrums Alexander Miasnikow und selbstverständlich die Führung in Nordkorea, gehört zu den Corona-Leugnern. Die Rednecks im Süden der USA und die Wutbürger hierzulande, die gegen Seuchenschutzmaßnahmen demonstrieren, sind schlichtweg Dumpfbacken. Wer glaubt, hinter der Epidemie stünden Machenschaften, wie die des vermeintlichen Impfstoff-Monopolisten Bill Gates, oder aber die Strahlung des 5G-Mobilfunks, die das Virus heimtückisch transportiere, ist ein Verschwörungstheoretiker.  Und wer meint, der israelische Mossad, George Soros, die Rothschilds oder halt sowieso alle Juden seien verantwortlich, ist ein Antisemit.  Aber Skeptiker? Skeptiker sind das bitteschön nicht!

Formiertes Denken

Die Diskreditierung des Begriffs beginnt ja schon beim sprachlich absurd falschen Gebrauch. Das Wort „Klima-Skeptiker“ beispielsweise ist Dummdeutsch. Sollte es tatsächlich möglich sein, skeptisch gegenüber etwas zu sein, was naturgegeben ist, dann outet sich der Autor dieser Zeilen von Stund an als Skeptiker z.B. in Sachen Altwerden. Und als Prenzlauer-Berg-und Borussia-Dortmund-Skeptiker sowieso. Der Corona-Skeptiker steht sprachlich und logisch auf einer Stufe mit dem Karies-Skeptiker.

Doch hinter dem Ganzen steckt mehr als sprachliche Schluderei. Immer dann, wenn’s nicht um Tagesallerlei, sondern um die ganz, ganz großen Dinge geht,  werden hierzulande kritische Fragen und skeptische Einwände gerne ausgeblendet und es wird auf formiertes Denken umgeschaltet:

Als es um die Einführung des Euro und die Abschaffung der D-Mark ging, erklärte Helmut Kohl das Projekt zu einer Frage über Krieg und Frieden in Europa. Kleiner hatte er es nicht. Jeder skeptische Gedanke war damit abgewürgt. Kommt das Projekt nicht zu früh? Soll man mit so vielen Staaten beginnen? Passen klassische Hartwährungsländer und traditionelle Weichwährungsnationen zusammen? Muss man das Ganze nicht durch eine Volksabstimmung legitimieren? Sollte nicht vorher geklärt werden, ob die EU ein Staatenbund oder ein Bundesstaat sein will?

Auch in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015/16 hatten die Skeptiker wenig Chancen. Angela Merkel erweckte den Eindruck, einzig ihre Politik werde der Universalität der Menschenrechte gerecht. Dass eine Vielzahl deutscher Staatsrechtler, aber auch Historiker und Philosophen widersprachen, ging unter. Und auch für triviale Fragen, ob z.B. Menschen, die in ihrer Muttersprache nicht schreiben und lesen können, in den hochdifferenzierten deutschen Arbeitsmarkt integriert werden können, war kein Platz. Angeheizt von der Mehrheit der Medien, die eine Willkommenskultur herbeischrieben oder -sendeten, bildete sich monatelang ein formiertes Denken, wie es in der Geschichte der Bundesrepublik wohl einmalig war. Wenn skeptische Stimmen überhaupt durchdrangen, wurden sie leichterhand als rechtsaußen stigmatisiert. Schon die Frage nach eventuellem Asylmissbrauch bekam einen faschistoiden Unterton.

Auch bei der Sorge um den Klimawandel galt (und gilt) das Motto „Zwischentöne sind nur Krampf im Klimakampf“.  Wie sieht’s mit der hanebüchenen Umweltbelastung bei der Herstellung von Batterie-Autos aus? Was ist mit dem Natur- und Landschaftsschutz, wenn gigantische Windräder errichtet werden? Welchen Zusammenhang von Artensterben und der Produktion von „Bio“-Sprit gibt es? Wie klug war der schnelle Ausstieg aus der nahezu CO2-freien Atomenergie? Ist der Kern der ökologischen Probleme in Wahrheit ein demographischer? Wenn die Wendung von den „unbequemen Fragen“ jemals Gültigkeit hatte, dann beim Megathema in der Vor-Corona-Zeit.

Überlebensgroß

Immer dann, wenn die Herausforderungen übermenschlich groß scheinen, wenn es um nicht weniger als Krieg und Frieden, die Menschenrechte, die Zukunft des Blauen Planeten und jetzt, im Zeichen der Pandemie, um das Überleben unserer Spezies geht, neigen wir zu Sprechverboten und formiertem Denken. Wie geschlossen die offene Gesellschaft sein kann, wie intolerant die Lordsigel-Bewahrer der Toleranz sich mitunter gerieren, haben wir erlebt. Das darf sich beim Megathema der kommenden Monate (wahrscheinlich Jahre) nicht wiederholen:

Es gibt keinen virologischen Imperativ! Wir haben nicht nur medizinische, sondern auch soziale, politische und ökonomische Katastrophen zu fürchten. Wenn Wirtschaftswissenschaftler jetzt Vergleiche zur Krise von 1929 ziehen, sollten wir – erst recht in Deutschland – hinhören. Denn wir haben es auch mit einem Insolvenz-Virus zu tun. Hat jemand eine Vorstellung davon, wie unsere Innenstädte aussehen werden, wenn ein Großteil der Gaststätten schließen muss und der Endsieg von Amazon & Co. den Einzelhandel vernichtet hat? Wie kann es sein, dass diejenigen, die noch vor kurzem beim Thema Betreuungsgeld (vulgo: Herdprämie) familiäre Katastrophen an die Wand malten, jetzt die Schließung von KiTas, Kindergärten und Schulen klaglos hinnehmen? Warum haben wir vorgestern noch das Auslesen der Handydaten von Asylbewerbern, bei denen Verdacht auf Falschaussage bestand, als tiefgreifende Verletzung der Menschenwürde betrachtet, hätten heute jedoch gerne, dass die Einrichtung von Tracing-Apps viel schneller geht?

Die Politiker, nicht die Ökonomen, nicht die Juristen und auch nicht die Epidemologen müssen entscheiden und können selbstverständlich nicht endlos debattieren. Dennoch darf es in einer diskursiven Demokratie keinen Shutdown der Debatte, kein Lockdown der Argumente geben. Wir brauchen die sokratischen Nein-Sager! Ein Hoch auf den Skeptizismus!

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