Von guten und bösen Ängsten

Ulrich Berls9.04.2019Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Früher hieß es immer, Angst sei kein guter Ratgeber. Das hat sich gedreht. Der Satz der Schwedin Greta Thunberg: „Ich will, dass ihr in Panik geratet und die Angst verspürt, die ich jeden Tag habe“, gerät zur klimabewegten Richtschnur unserer Tage. Angst zu zeigen, ist en vogue – vorausgesetzt, es ist die richtige.

Der Besuch der halbwüchsigen „Klimaaktivistin“ kürzlich in Deutschland trug Züge eines Staatsbesuchs. Auf die Verleihung der Goldenen Kamera folgte ein, in der Sprache des Protokolls würde man wohl sagen, „Gedankenaustausch“ zwischen der 16-jährigen und den Wissenschaftlern des Potsdamer Instituts für Klimafolgensforschung, bevor ihr schließlich ein Privileg zuteil wurde, das meist nur Angela Merkel genießen darf: ein Solo-Interview bei Anne Will.

Mit der schwedischen Umwelt-Ikone bekommt die gute, alte, die geradezu sprichwörtliche „German Angst“ endlich einen internationalen Anstrich: „Make the world GRETA again“! Furcht hat Hochkonjunktur in Deutschland – aber nur sofern es eine gute und keine böse Angst ist.

Lebensgefährlich

Die rapide steigende Lebenserwartung allüberall täuscht darüber hinweg, dass das Leben noch nie so lebensgefährlich war wie heute. Kernenergie, Dioxin, Gentechnik, Glyphosat, Feinstaub, Mikroplastikmüll – jeder kennt die Bedrohungen, denen der moderne Mensch rund um die Uhr ausgesetzt ist. Aber nicht nur diesen Mainstream-Gefahren sollten wir unsere Aufmerksamkeit schenken: Auch die Kritiker der Impflicht darf man so wenig verunglimpfen wie die Menschen, die nunmal ernsthaft unter der Umstellung von Winter- auf Sommerzeit leiden. Etliche Experten verwiesen dieser Tage wieder eindringlich auf die chronobiologischen Risiken der Zeitumstellung. Wäre es eigentlich nicht längst angebracht, eine Reisewarnung beispielsweise für Griechenland oder Portugal auszusprechen, wo die Uhr eine Stunde vor- bzw. zurückgestellt werden muss?

Während die Angst der Generation-Greta beim Jahrhundertthema Klimawandel als produktiv gilt, scheinen andere Ängste nur destruktiv. Die Angst vor illegaler Migration beispielsweise, das andere Megathema unserer Zeit, gilt vielen schlichtweg als Panikmache. Die Assoziation „Völkerwanderung“ oder die Wortwahl „Masseneinwanderung“ werden selbst bei der Ankunft von zwei Millionen in vier Jahren geächtet. Wer auf die Friktionen verweist, die es zwischen vormodernen Kulturkreisen im Orient und Afrika und unserer postmodernen Lebensweise geben könnte, wird schnell mit dem Rassismus-Verdacht belegt. Wer seine Angst über Illusionen zum Ausdruck bringt, ob man Menschen, die in ihrer Muttersprache nicht einmal lesen und schreiben können, in unseren hochdifferenzierten Arbeitsmarkt integrieren kann, gilt als paranoider Menschenfeind. „German Angst“ hin oder her: Deutschland ist kein einig Angstland.

Dumpf

Bedenken, beispielsweise beim Migrationsthema, werden nicht neutral als „Ängste“, sondern meist im sprachlichen Huckepack als „dumpfe Ängste“ tituliert, denn die Schreckensverbreitung, das Bedienen von Vorurteilen und das Schüren von falschen Sorgen sind ja das Markenzeichen aller Rechtspopulisten. Vom großen Trump bis zum kleinen Orban, von den Brexeteers im verwirrten England bis zu den Montagsdemonstranten im dunklen Sachsen seien nur Furchteinflößer unterwegs, wissen die Platzanweiser in Sachen richtige und falsche Ängste.

Früher gehörte zur politischen Linken die Kraft der Utopie: totale Gleichheit, ewiger Friede. Die klassische Linke war sich einst ihrer Heilsgewissheiten sicher. Doch seitdem sich der Mythos von der klassenlosen Gesellschaft selbst entzaubert hat und das Hauptthema zumindest unter westlichen Linken von der Politischen Ökonomie zur Ökologie gewandert ist, triumphieren die Unheilsgewissheiten. Wie hieß es neulich in einer Diskussion irgendwo in deutschen Landen: Was ist schlimmer, der Holocaust-Leugner oder der Klimawandel-Leugner? Der Klima-Leugner natürlich, beim Holocaust ging’s nur um sechs Millionen, beim Klimawandel aber um die gesamten Menschheit… Es gibt keine edlere Angst als die Umwelt-Angst.

Alte, weiße Männer

Für die Häretiker in Sachen Weltuntergang, für Menschen, denen, wie der Kabarettist Bruno Jonas sagt, einfach das Panik-Gen fehlt, macht sich derzeit ein neuer Modebegriff breit: „Alte, weiße Männer“. Trotz des seniorenfeindlichen, wenn nicht sogar rassistischen und latent sexistischen Untertons hört man die Formulierung allenthalben. Man stelle sich vor, irgendwer würde seine Furcht über „junge, schwarze Männer“ zum Ausdruck bringen. Soviel Hass und Hetze müsste unweigerlich Polizei und Staatsanwaltschaft auf den Plan rufen. Ganz anders ist das beim „alten, weißen Mann“, der regiert die Welt und darf, ja muss als Leibhaftiger gebrandmarkt werden.

Freuen wir uns: In der Ära der Unheilsgewissheiten ist die Trennung von guter und böser Angst moralisch endlich unzweideutig.

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