Der Captain Future der CSU?

Ulrich Berls20.11.2018Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Die CSU setzt alles auf eine Karte und wird wohl Markus Söder zu ihrem Vorsitzenden wählen. Man reibt sich die Augen: Der Verlierer der Landtagswahl soll also die Zukunft der Partei organisieren.

Als Markus Söder Ende der 1990er Jahre Vorsitzender der Jungen Union in Bayern war, huldigte er dem damaligen Parteichef mit den Worten, er sei der „oberste Stoiberianer“ überhaupt. Edmund Stoiber, so der junge Söder in Anspielung auf einen Comic-Helden, sei schlichtweg sein „Captain Future“. Das stimmte insofern, als Stoiber bis zum heutigen Tag viel für Söders Aufstieg getan hat. Ob Markus Söder jetzt freilich der „Captain Future“ der CSU ist, scheint doch überaus zweifelhaft.

Blondes Fallbeil

Die politischen Laufbahnen von Edmund Stoiber und Markus Söder ähneln sich in einem Punkt: Beide waren CSU-Generalsekretäre und beide erwarben sich in dieser Zeit über Bayern hinaus einen Ruf wie Donnerhall. Ob Stoiber einst Sozialisten und Nazis in eins setzte oder Söder in der Griechenland-Krise ans Bergsteigen erinnerte, wo man mitunter halt das Seil durchschneiden müsse, wenn einer hilflos in der Wand hänge – beide waren Scharfmacher der Extraklasse. Doch Stoiber, den damals der Spitzname „Blondes Fallbeil“ zierte, schaffte es im Laufe seiner Karriere, die Aura des Polarisierers abzustreifen. Markus Söder will das bisher einfach nicht gelingen.

Söder ist fachlich sicherlich ein großes Polit-Talent. Aber Politiker brauchen darüber hinaus die Gabe, Menschen für sich zu gewinnen. Das gilt in einer Demokratie vor allem für die Wähler, in der täglichen Arbeit aber auch für Kollegen und Mitarbeiter.

Respektiert

Als Edmund Stoiber Ministerpräsident war, gab es in seinem Stab das geflügelte Wort, man müsse arbeiten bis zum Schlafentzug. Sie haben es gerne getan für ihren Chef. Und dem spröden Stoiber gelang es, dass ihn nicht nur die persönlichen Mitarbeiter, sondern auch die Wähler in Bayern Jahr für Jahr stärker respektierten: Ja, da zerreißt sich einer für den Freistaat.

So gerne sich die CSU die Spitzenstellung des Landes nur auf die eigenen Fahnen schreibt, jeder weiß, dass es die in ganz Deutschland über alle Parteigrenzen hinweg hoch geachteten bayerischen Spitzenbeamten sind, die das Rückgrat des weißblauen Erfolges bilden. Das galt natürlich auch für die Ära Seehofer – was wäre er in seiner Zeit als Ministerpräsident ohne die Fachleute in der Staatskanzlei gewesen, souverän geführt von Amtschefin Karolina Gernbauer?

Markus Söder hat es bis heute nicht geschafft, seine Leute „mitzunehmen“. Seine Unfähigkeit, andere Meinungen ernst zu nehmen, einmal zuzuhören und sein Gegenüber wenigstens ausreden zu lassen, steht ihm im Weg. Als 2011 bekannt wurde, dass er als Minister vom Umwelt- ins Finanzressort wechseln würde, fanden auf den Fluren des Umweltministeriums Spontan-Parties statt, so erleichtert waren die Mitarbeiter, als der unwirsche Chef ging.

Analoge Begegnung

Der intelligente Söder kennt sein Defizit. Noch als Fachminister, bevor er zum Ministerpräsidenten aufgestiegen war, startete er eine Charmeoffensive nach der anderen, ob mediengewandt in Talkshows oder mit Förderungsbescheiden in der Tasche als Finanz- und Heimatminister quer übers flache Land. Doch die Menschen spüren einfach, wenn sich Söder inszeniert, wenn er an seinem Image feilt, wenn er in einen anderen Charakter zu schlüpfen versucht und einfach nicht bei sich selber ist. Der Mann ist brillant wenn’s um Attacke und Krawall geht. Aber die Rolle des Kümmerers und Landesvaters steht ihm einfach nicht so recht.

Auf der Pressekonferenz, bei der er jetzt sein Kandidatur für den Parteivorsitz begründete, umriss er eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben der CSU: „Wir brauchen digitale Kommunikation, aber analoge Begegnung“. Das ist zwar pfiffig formuliert, entspricht aber einfach nicht dem Bild, das er bisher als Ministerpräsident abgab.

Natürlich steht es einer christlich-konservativen Partei an, eine Kreuzpflicht für Amtsstuben vorzuschlagen. Aber was für ein Kommunikationsdebakel ist es denn, so etwas lauthals zu verkünden, ohne vorher wenigstens einmal mit den Kirchen gesprochen zu haben?

Oder Söders erster Auftritt in der Ministerpräsidentenkonferenz im vergangenen Juni: Als bajuwarische Dampfwalze habe er sich in der illustren Runde präsentiert, war die einhellige Meinung. Söders Vorgänger haben dort Allianzen geschmiedet, der neue Ministerpräsident hat erst einmal alle 15 anderen Länderchefs gegen sich aufgebracht. Meint er das womöglich mit „analoger Begegnung“?

Überlebensgroß

Keine Frage: den Instinktpolitiker Horst Seehofer hat im Spätherbst seiner Laufbahn der Instinkt verlassen, er hat Fehler gemacht und es ist Zeit, dass er nun Platz macht. Aber alle Schuld am Debakel bei der Landtagswahl (ein Minus von mehr als 10 Prozent) nur beim Noch-Parteichef und so gar keine beim zumindest mit-lädierten Spitzenkandidaten abzuladen, ist eine schreiende Ungerechtigkeit.

Weder Franz Josef Strauß, noch Edmund Stoiber, noch Horst Seehofer standen vor solch einer Mammutaufgabe: Zuhause in München muss Söder nun eine Koalition mit den Freien Wählern moderieren, einem äußerst selbstbewussten Partner, der keinerlei bundespolitische Rücksichtsnahmen kennt. In der Bundeshauptstadt ist der Berlin-unerfahrene Söder zukünftig der Chef der kleinsten Partei in einer Dreierkoalition, deren Fliehkräfte längst schon an die Grenzen der politischen Physik reichen.

Versprochen hat Söder zudem noch, den vielen Zugezogenen das weißblaue Lebensgefühl zu vermitteln, mehr Frauen und Junge an die Partei zu binden, die Umweltthemen ernster zu nehmen, die AfD zu bekämpfen und so weiter und so fort. Diplomatischer, empathischer, freundlicher, optimistischer will er auch noch sein. Schlicht überlebensgroß wirkt das Ganze.

Söders Durchmarsch ist mangels Gegenkandidatur nicht zu stoppen. Manfred Weber ist Europa wichtiger. Den anderen fehlt’s an Ehrgeiz oder Substanz oder Mut. Und in der Tat, an Mut hat es Markus Söder noch nie gemangelt.

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