Die Leute benennen ihre Bälger immer noch, als wären sie ein Schosshündchen von Fräulein Hilton. David Baum

Die Anti-Rechts-Manie bewirkt das Gegenteil

Soviel Empörungs-Stolz gab’s selten in Deutschland: Die Chiffre „Chemnitz“ vereint alle Anständigen auf der richtigen Seite. Ist das wirklich so? Oder zeigt sich in diesem Furor „gegen Rechts“ nicht auch, wie sehr unser Koordinatensystem verrutscht ist?

Wer ein Faible für’s Absurde Theater hat, konnte 400 km südlich von Chemnitz am vergangenen Sonntag auf dem Münchner Marienplatz ein bizarres Stück erleben. Nach Polizeibericht neun (!) NPD-Mitglieder hatten sich versammelt, um gegen den Mord von Chemnitz zu demonstrieren, 100 Polizisten und rund 500 Gegendemonstranten standen ihnen gegenüber. Mittendrin die Spitzenkandidatin der Grünen für die kommende Landtagswahl, Katharina Schulze, die mit vor Wut zitternder Unterlippe den Rechten den Stinkefinger zeigte. Das örtliche Boulevardblatt „tz“ triumphierte: „München ist das Anti-Chemnitz“. Haben wir eigentlich noch alle Tassen im Schrank?

Selbstgerecht

Über die Ausgangstat von Chemnitz wird nicht mehr viel geredet, was ist eigentlich aus den beiden anderen Opfer der Messerattacke geworden? Mit Berichten und Kommentaren über das hässliche Dunkel-Sachsen und den braunen Sumpf werden wir hingegen bombardiert. Es soll zu Jagdszenen auf Ausländer in den Straßen von Chemnitz gekommen sein. Das ist widerwärtig, erst recht, wenn sich anwesende Funktionäre von AfD und Pegida davon nicht ausreichend distanzieren! Dennoch steht die Größe der Entrüstung in keinem Verhältnis zu den veritablen Beweisen, dass tatsächlich Gravierendes passiert ist und allen Ernstes eine, wie insinuiert wurde, Progrom-Stimmung über der ganzen Stadt lag. Der Tumult hat natürlich auch Polit-Gesindel angelockt, Hohlköpfe, die mit dem achten Bier des Tages in der einen Hand, die andere zum Hitlergruß erheben. Auch wenn solche Springerstiefel-Dumpfbacken nicht viel wissen, eines haben sie begriffen: Mit dieser deutschesten aller Tabuverletzungen schafft man es immer in die Abendnachrichten. Dass die Medien eine Stimmung anheizen, die sie gleichzeitig verteufeln, kommt ihnen kaum in den Sinn.

Im ARD-Hörfunk gab es immerhin den O-Ton einer Passantin: Nein, vor den Rechtsradikalen habe sie wenig Angst, die würden ja bald wieder verschwinden. Dass sie sich seit einigen Jahren nachts auf den Straßen und erst recht in den Parks ihrer Stadt wegen der vielen Zuwanderer nicht mehr sicher fühle, das mache ihr mehr Angst, sagte sie. Solch unbequeme Stimmen aus Chemnitz werden medial zu wenig ernst genommen. Ob das Gefühl der Passantin berechtigt ist oder nicht, es ist nun mal da – und darf, nur weil sich ein selbstgerechter Großteil der Journalisten seiner eigenen Xenophilie so sicher ist, nicht einfach beiseite geschoben werden. Man ist noch lange nicht „rechts“, wenn man sich dem Glauben verweigert, alles „Bunte“ bereichere die Gesellschaft ganz prinzipiell.

Erste Stimmen des Großreinemachens werden laut. Es gehe längst nicht nur um die Polit-Hooligans auf sächsischen Straßen, die AfD gehöre endlich vom Verfassungsschutz observiert, heißt es. Selbstverständlich hat die AfD ein Demokratieproblem, ihr rechter Rand ist unverantwortlich porös. Leute wie Jörg Meuthen sind veritable Konservative, aber Typen à la Björn Höcke zündelnde Reaktionäre.

Äquidistanz

Die Entrüstung über diese Partei, die, nicht nur in Sachsen, auf dem besten Weg dazu ist, die zweitstärkste politische Kraft zu werden, wäre dennoch glaubwürdiger, wenn in vielen Medien und erheblichen Teilen der Gesellschaft nicht seit Jahrzehnten die Mitte verloren gegangen wäre und immer ein glaubwürdiger Abstand zu allen antidemokratischen Tendenzen praktiziert würde.

Man vergleiche doch nur einmal die Reaktionen auf das Hamburger G-20-Debakel mit denen auf die Chemnitzer Ereignisse. Als der rote Mob vor einem Jahr durch die Hansestadt zog, ließen sich die Medien das Spektakel natürlich nicht entgehen, aber war irgendwo gleich vom gesamtgesellschaftlichen Problem eines linken Sumpfs die Rede? War es nicht vielmehr so, dass Aktivisten aus der einschlägigen Szene bereits vor den Krawallen entspannte Statements zur besten Sendezeit abgeben durften? Und überhaupt – trug nicht die aggressive Polizei eine erhebliche Mitschuld? Und unser Image im Ausland – naja, Proteste gegen den globalen Turbokapitalismus haben ja immer auch irgendwie etwas Ehrenhaftes…

Der Konsens, beide Ränder des politischen Spektrums gleichermaßen zu bekämpfen, ist schon seit Jahrzehnten verloren gegangen. Geht es um die neue deutsche Rechtspartei, dann ist es in fast allen Fernsehsendern Usus, sie permanent mit „die rechtspopulistische AfD“ anzumoderieren. Man stelle sich vor, ein Nachrichtensprecher käme auf die Idee, jeden Bericht über die Linke mit die „SED-Nachfolgepartei“ oder die „Altkommunisten“ anzukündigen! Dass in der Linkspartei ein Haufen Stalinisten, Stasi-Mitarbeiter und Linkspopulisten hocken, die einen Dreck auf das Grundgesetz geben, wird einfach hingenommen. Und wo war eigentlich der „Aufstand der Anständigen“, als der lustige Talkshow-Dauergast Gregor Gysi von den 90er Jahren an die pausenlose Gelegenheit erhielt, für seinen harmlosen Verein zu werben?

Weil der Kampf gegen die politischen Extreme so einseitig ist, weil die Äquidistanz zu Rechts- und Linksaußen verlorenen gegangen ist, wirken die sogenannten Mainstream-Medien auf viele Bürger mittlerweile unglaubwürdig. Sie haben den Eindruck, es wird nicht berichtet, sondern gerichtet.

Die Anti-Rechts-Manie bewirkt das Gegenteil von dem, was sie will. Wann begreifen diejenigen, die unsere Probleme mit der Masseneinwanderung immer noch klein- oder schönreden, dass sie das Geschäft derer betreiben, die sie doch so glühend zu bekämpfen vorgeben?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ulrich Berls: Der Captain Future der CSU?

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