Wer sich nicht verbiegt, muss auch mit Kritik leben. Björn Böhning

Verbietet Lolita!

Dank der Me-Too-Bewegung hat auch hierzulande die zuletzt etwas vernachlässigte Debatte um den tagtäglichen Sexismus wieder Fahrt aufgenommen. Doch wollen wir immer nur reden? Müssten wir nicht längst handeln?

Harvey Weinstein oder Dieter Wedel haben sich kriminell verhalten. Aber lassen wir uns nur nicht einreden, dies seien krasse Einzelfälle. Man darf, nein, man muss diese Vorkommnisse verallgemeinern. Es ist an der Zeit, sich mit dem strukturellen Sexismus allüberall zu beschäftigen. Von einer falsch verstandenen Kunstfreiheit geschützt, strotzt beispielsweise unser Kultur-Kanon geradezu vor phallokratischen Machwerken. Ein kursorischer Blick auf einige x-beliebige Beispiele:

Literatur

Beginnen wir mit einer legendären Szene der deutschen Nachkriegsliteratur, der Zeugung von Oskar Matzeraths Mutter in „Die Blechtrommel“ von Günter Grass. Jeder kennt die Szene, Oskars Großmutter versteckt unter ihren weiten Röcken einen Flüchtenden. Und während die Polizei ringsum nach ihm sucht, vergeht er sich an der hilfsbereiten Frau. Sieht so einvernehmlicher Sex aus? Grass war ein pornographischer Chauvi, nicht nur in dieser Szene. Wer’s nicht glauben mag, blättere einmal in „Katz und Maus“. Das Komitee für den Literatur-Nobelpreis muss blind gewesen sein.

Als ganz besonders hanebüchen muss „Lolita“ von Vladimir Nabokov markiert werden. Nabokov wird seltsamerweise in Literatenkreisen gerne verehrt, man hat den Eindruck, sein Schicksal, als einer, der erst vor Stalin und dann vor Hitler emigrieren musste, wurde ihm immer als Bonus auf sein literarisches Schaffen angerechnet. „Lolita“ die Geschichte der Liebe eines 37-jährigen Mannes zu einem 12-jährigen Mädchen ist jedenfalls ein parthenophiles Machwerk, das eigentlich den Staatsanwalt auf den Plan rufen müsste. Weg damit!

Malerei

Aus ähnlichem Holz wie Nabokov ist Edgard Degas geschnitzt. Die Museen dieser Welt sind stolz, wenn sie eines seiner berühmten Ballett-Mädchen-Werke ihr eigen nennen können. Stolz? Schämen sollten sie sich angesichts der voyeuristischen Bilder dieses kranken Männerhirns.

Und Peter Paul Rubens? Nur weil das Barock-Zeitalter so weit zurückliegt, dürfen wir ihm nicht alles durchgehen lassen. „Prächtiges Rubensweib“ ist ein leider positiv besetzter Ausdruck bis heute. Wie sehr Rubens seine übergewichtigen Modelle in diskriminierender Absicht malte, erkennt man schon daran, dass seine männlichen Figuren so gut wie immer normalgewichtig daherkommen.

Als ein Höhepunkt sexistischer Malerei muss unzweifelhaft Goyas „Die nackte Maja“ gewertet werden. Die Arme hinterm Kopf verschränkt, damit der Busen zur Geltung kommt, liegt sie auf ihrem Lotterbett, ihr Gesichtsausdruck ist ein einziges „Nimm-Mich“. Manchmal sollten wir uns wirklich fragen, ob andere Kulturkreise, in denen es ein Abbildungsverbot gibt, nicht weiter sind als der arrogante Westen.

Film

Schauen wir uns, pars pro toto, zwei Klassiker an, der erste Streifen wird von vielen Cineasten als beste Komödie, der zweite als bester Thriller aller Zeiten verehrt:

Was Billy Wilder der armen Marylin Monroe in „Manche mögen’s heiß“ antut, ist schlimm genug. Natürlich muss sie wieder einmal das strohblonde, kreuzdumme Busenwunder spielen, eine Frau reduziert auf ihre Kurven. Doch der Film ist auch auf einer zweiten Ebene verunglimpfend. Jack Lemmon und Tony Curtis hampeln während des Großteils der Handlung in Frauenkleidern herum und geben sämtliche Insignien des Weiblichen der Lächerlichkeit preis. Jedwedes Nachdenken über Geschlechterkonstruktionen, was der Plot des Films ja aufgezwungen hätte, wird damit willentlich unterdrückt.

„Psycho“ von Alfred Hitchcock ist angeblich das Meisterwerk des Suspense. In Wahrheit ist es ein Machwerk der Diskriminierung, das kein anderes Ziel hat, als genderqueere Menschen zu dämonisieren und kriminalisieren. Der Frauen-Hasser Alfred Hitchcock zeichnet Anthony Perkins immer dann freundlich und sympathisch, wenn dieser sich als Mann fühlt, aber sobald er sein weibliches Ich zeigt, wird er zur Mörder*in.

Musik

Auch in der Welt der Musik ist Frauenfeindlichkeit allgegenwärtig. Man denke nur an die misogynen Passagen in Mozarts „Zauberflöte“. Doch nirgendwo geht es brutaler zu als in der Rockmusik.

„Whole lotta love“ von Led Zeppelin gilt als eine der besten Rocknummern, die je geschrieben wurden. Der Song hat sogar einen Platz in der GRAMMY Hall Of Fame. Kostprobe gefällig? „Oh honey you need it, I’m gonna give you every inch of my love“. Wie bitte? Ein solcher Song wird auch heute noch von den Radiosendern rund um den Globus gespielt – unfassbar.

Last but not least noch ein Satz zur angeblich größten Rockband aller Zeiten, den Rolling Stones, so etwas wie die sexistische Herzkammer der Populärkultur. Solange ein Mick Jagger, der prahlt 4000 Frauen in seinem Leben „gehabt“ zu haben, noch sein „Let’s spend the night together“ unbehelligt krakeelen kann, wissen wir, der Kampf hat erst begonnen.

(Nächste Woche lesen Sie an dieser Stelle unter dem Titel „Verbietet Othello“ einige Betrachtungen zum Zwillingsbruder des Sexismus – dem Rassismus. Von Shakespeares „Mohr von Venedig“ über Gaugins Südseebilder und Karl Mays „Rothäuten“ bis hin zum wortwörtlichen „Neger“ in Max Frischs „Homo Faber“, wollen wir dann einen weiteren Streifzug unternehmen.)

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Ulrich Berls: Grüß Gott, Herr Söder

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