Von der Eiskönigin zur Kanzlerin der Herzen

Ulrich Berls1.07.2016Außenpolitik, Europa, Medien

Vor einem Jahr um diese Zeit befand sich das Ansehen von Angela Merkel im Sinkflug. Außenpolitisch galt ihre Haltung in der Griechenlandkrise als schlichtweg brutal. Aber auch zuhause verstärkte sich der Eindruck von einer Regierungschefin, die zu Empathie unfähig ist. Doch Merkel befreite sich innerhalb von nur wenigen Wochen auf spektakuläre Weise aus ihrer persönlichen Julikrise.

Vom „Rätsel Merkel“ ist in den vergangenen Monaten oft die Rede gewesen. Für viele ist nach wie vor unklar, was die Bundeskanzlerin Anfang September 2015 angetrieben hat, über Nacht Deutschlands Grenzen zu öffnen. Schließlich hatte die Weltmeisterin des Pragmatismus bis dahin in der Flüchtlingskrise abwartend, ja sogar indolent reagiert. Von einem Rätsel kann freilich keine Spur sein, hinter Merkels radikalem Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik steckte ein ganz klares Drehbuch. Es ist ein Meisterstück in Sachen politischer Imagepolitur.

Mutti eiskalt

Mitte Juli 2015 erschien der STERN mit einem Merkel-Titelbild. Die Nahaufnahme zeigte eine Kanzlerin mit kaltem Blick und gänzlich ungerührtem Gesichtszügen. „Die Eiskönigin“ hieß der Titel, der beschrieb, wie Merkel zur „meistgehassten“ Politikerin Europas wurde. In der Tat hatte die vorläufige Griechenland-Rettung Merkel international wenig Lob gebracht. Zu hart hätten die Deutschen agiert, hieß es, von einem neuen Wilhelminismus war die Rede, das böse Wort von deutscher „Vergeltungspolitik“, ja sogar vom „Vierten Reich“ machte die Runde. Da war er also wieder – der hässliche Deutsche, personifiziert in einer gefühllosen Regierungschefin.

Zwar freuten sich manche Europäer aus Ländern, die etwas auf seriöse Haushaltspolitik geben, über die deutsche Hartnäckigkeit, aber sympathisch machte das die Siegerin im Griechenland-Poker noch lange nicht. Viele schüttelten eher den Kopf über Merkels Sturheit, der Eindruck, dass der Kanzlerin die Konsequenzen ihrer Austeritätspolitik nicht nur für Griechenland, sondern für alle Weichwährungs-Länder Südeuropas gleichgültig sind, verfestigte sich.

Merkel streichelt

So internationalistisch die Deutschen sich auch gerne geben, in Sachen Griechenland, hegten sie dann doch eher Sympathie für den Kurs ihrer Regierungschefin. Gleichwohl machte sich in diesen Juli-Tagen aber auch daheim das Image von einer frostigen Kanzlerin breit. Schuld daran war vor allem das missglückte Zusammentreffen von Angela Merkel mit dem 14-jährigen Flüchtlingsmädchen Reem Sahwil im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gut leben in Deutschland“. Das Mädchen schildert in perfektem Deutsch, dass es sich fürchte abgeschoben zu werden. Darauf antwortet die Kanzlerin wörtlich: „Wenn wir jetzt sagen, ihr könnt alle kommen, ihr könnt alle auch aus Afrika kommen, das können wir auch nicht schaffen“. Daraufhin bricht das Mädchen in Tränen aus. Merkel ist irritiert, sie geht zu dem Mädchen, streichelt es ungelenk an der Schulter und sagt: „Das hast du doch prima gemacht“. Sie meint, das Mädchen weine, wegen der Aufregung um den großen Auftritt mit der Bundeskanzlerin und den Fernsehkameras ringsum. Dass das Mädchen weint, weil es sich vor der Abschiebung fürchtet, scheint Merkel nicht zu spüren.

Was für ein PR-GAU! Unter den Hashtags #merkelstreichelt und #realitättrifftmerkel bricht ein Shitstorm gegen die Kanzlerin los, pars pro toto sei Jan Böhmermanns Twitter-Eintrag zitiert: „Merkel streichelt die Wirklichkeit tot“. Die diversen Videos der Szene erreichen auf Youtube Millionen von Klickzahlen. Merkels Presseleute sind so aufgescheucht, dass sie an der Website der Bundesregierung, in der von der Begegnung berichtet wird, herumkorrigieren.

Rolle rückwärts

Den August nutzte Angela Merkel nicht nur um Urlaub zu machen. Eine großangelegte PR-Aktion musste jetzt her, das Image der kaltschnäuzigen Regierungschefin dringend korrigiert werden. Zumal im kommenden November auch noch das zehnjährige Regierungsjubiläum der Kanzlerin anstand. Alle Medien des Inlands, aber auch die wichtigen des Auslands bereiteten Merkel-Portraits vor. Zehn Jahre Amtszeit sind selten in parlamentarischen Demokratien. Was würde bilanziert werden: Die Machterhaltungsmaschine? Die Aussitzerin? Kanzlerin ohne großes Thema? Mit einer Charakterisierung war auf jeden Fall zu rechnen: Emotionslosigkeit ist ihr Markenzeichen. Merkel und ihre PR-Berater wussten, für einen Imagewandel in monatelanger Kleinarbeit war jetzt keine Zeit mehr, ein Paukenschlag musste her – rasch.

Gefühle zählen viel in der Fernsehdemokratie, der Zoom der Kamera auf die traurigen Augen eines Flüchtlingskinds wirkt nun mal stärker als jedes nüchterne Für und Wider. Selbst die öffentlich-rechtlichen Sender geben seit Jahren die alten Nachrichten-Tugenden „Sachlichkeit und Distanz“ immer häufiger zugunsten von „Emotionalität und Nähe“ preis. Am 31. August wurde die große Geste vorbereitet. Auf Ihrer ersten Pressekonferenz nach dem Urlaub fiel der berühmte Satz: „Wir schaffen das.“ Das war nicht spontan dahingesagt, sondern aufgeschrieben und abgelesen, wie die Bilder von der Pressekonferenz beweisen. Es war expressis verbis die Umdrehung ihrer Aussage sechs Wochen zuvor, als sie zu dem Flüchtlingsmädchen Reem noch gesagt hatte: „Das können wir nicht schaffen“. Jetzt mussten den Worten nur noch Taten folgen: Dazu boten sich die täglich dramatischer werdenden Fernsehbilder aus Ungarn geradezu an. Vier Tage nach ihrer Pressekonferenz öffnete die Bundeskanzlerin im Alleingang die Grenzen.

Historisch

Was folgte, ist bekannt. Sogar viele eingefleischte Merkel-Gegner zollten ihr Respekt. Eine Gefühlswelle durchschwappte das Land, an den Bahnhöfen übten sich etliche Deutsche in einer neuen Disziplin: Teddybären-Werfen. Während auch Grüne und Die Linke applaudierten, kam Kritik innerhalb des parlamentarischen Spektrums einzig und allein von der Schwesterpartei CSU aus Bayern. Ganz ungelegen war selbst das nicht, der Seehofer-Fanclub außerhalb des Freistaates ist nicht allzu groß, folglich nützte der Konflikt unter der Überschrift „Die Gute und das Biest“ der neuen Angela Merkel womöglich mehr, als er ihr schadete. Auch international ging die Rechnung auf, Barack Obama und der Papst spendeten ihren Segen und TIME wählte sie zur Person Of The Year. Die Geste der Mitmenschlichkeit und Weichherzigkeit war ein PR-Volltreffer. Sie musste nicht einmal wiederholt werden, als ein paar Monate später aus Idomeni Fernsehbilder in die Wohnzimmer kamen, die wesentlich schlimmer und trauriger waren als die vom Budapester Bahnhof.

Ihren Kritikern hielt und hält Merkel entgegen, wir stünden vor einer historischen Herausforderung und die Geschichte werde ihr am Ende recht geben. Mit anderen Worten: Es geht ihr darum, wie sie eines Tages in den Geschichtsbüchern stehen wird. Vielleicht wird sie ja als die Regierungschefin in die Historie eingehen, die eine radikalere Kehrtwende vollzogen hat als alle Bundeskanzler zuvor. Als „Eiskönigin“, soviel scheint klar, wird sie dort nicht erscheinen.

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