Die AfD und die Medien

Ulrich Berls29.05.2016Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien

Die alte bundesrepublikanische Konkordanz-Demokratie ist zu Ende, es gibt wieder Links- und Rechtsaußen in Deutschland. In beiden Parteien der Ränder sind wahrlich nicht nur lupenreine Demokraten zuhause.

In den Fernsehsendern der Republik wird intern um den richtigen Umgang mit der AfD gerungen. Da man die Partei spätestens nach ihren jüngsten Wahlerfolgen nicht mehr ignorieren kann, stellt sich die Frage: Soll man sie einfach wie jede andere Partei behandeln oder stattdessen „stellen“, „vorführen“ womöglich gar „bekämpfen“? Als sich vor einem viertel Jahrhundert nach der Wiedervereinigung eine neue Partei mit ebenfalls fragwürdigem demokratischem Leumund formierte, gab es weniger Skrupel. Selbstgewiss wussten die Sender damals, was zu tun war.

In den 90er Jahren fanden die Medien relativ rasch zu einem unverkrampften Umgang mit der SED-Nachfolgepartei PDS. Natürlich wurde die neu-alte Partei anfangs besonders kritisch angepackt. Die demokratische Gesinnung vieler ihrer Mitglieder war schließlich höchst zweifelhaft. Auch die Frage nach dem Verbleib der verschwundenen SED-Milliarden führte zu besonders kritischen Recherchen. Dieser investigative Ehrgeiz erlahmte freilich mit den Jahren, bis heute gibt es ungeklärte Fragen zum alten SED-Vermögen. Die PDS, später Die Linke, wurde in der medialen Wahrnehmung rasch eine Partei wie jede andere. Es gibt nach wie vor Journalisten, die der Partei grundsätzlich misstrauen, aber das ist im Tonfall der allgemeinen Berichterstattung heute wenig spürbar.

Confrontainment

Spätestens 1998 mit der Gründung der Sendung „Sabine Christiansen“ wurden die TV-Talkshows in Deutschland zu einer Art Nebenparlament. Kaum ein deutscher Politiker brachte es seither auf so viel Talkshow-Auftritte wie Gregor Gysi. Seine dubiose Vergangenheit, ob im Kollegium der Rechtsanwälte der DDR oder im Dunstkreis der Stasi hinderte niemanden daran, dass der PDS-Spitzenpolitiker zum Talkshow-Helden avancierte. Selbst als seine Partei nach der Wahl 2002 als Fraktion aus dem Bundestag flog, blieb Gysi omnipräsent. Der brillante Rhetoriker und Polemiker bringt nun mal mit, was für gute Marktanteile bei Talkshows sorgt, er provoziert und hält sich von Natur aus an das ehernste aller Fernsehgebote: Du sollst nicht langweilen!

Aus ähnlichem Holz geschnitzt wie Gregor Gysi ist Oskar Lafontaine, auch er ist ein begnadeter Redner und exzellenter Streithansel. Als sich WASG und PDS zur Partei Die Linke vereinigten, müssten in den Talkshow-Redaktionen eigentlich die Sektkorken geknallt haben, denn jetzt gab es gleich zwei quotentaugliche Polarisierer, die den Regeln des Confrontainments perfekt entsprachen. Und in der Tat gehörten Gysi und Lafontaine, wie einschlägige Listen beweisen, zu den am häufigsten eingeladenen Talkshow-Gästen der vergangenen zehn Jahre. Dass sich in ihrer Partei etliche Antidemokraten tummeln, dass via WASG auch altkommunistische Kader aus Westdeutschland in den Bundestag geschwemmt wurden, kümmerte niemanden. Die Wutbüger-Ost, die sich als Wiedervereinigungsverlierer sahen, hatten mit Gysi ein Sprachrohr, die Wutbürger-West, die sich als Opfer der Schröder’schen Agenda-Politik empfanden, sahen in Lafontaine ihren Anwalt: Zwei Linkspopulisten, nie um eine Pointe verlegen, immer Applaus heischend und gerne vereinfachend argumentierend. Niemand kam auf den Gedanken, dass die überproportional häufigen Auftritte von Gysi und Lafontaine die Linkspartei vielleicht stärker gemacht haben, als sie sich ohne diese mediale Dauer-Anwesenheit entwickelt hätte.

Neue Normalität

Die AfD hat keine Gallionsfiguren mit der rhetorischen Begabung von Gysi und Lafontaine (auch Sahra Wagenknecht weiß übrigens mittlerweile, wie’s geht). Dennoch werden AfD-Repräsentanten inzwischen bei Will, Illner, Plasberg und Co. eingeladen. Meist drehen diese Sendungen sich dann nur noch um diesen einen Gast: Die restlichen Teilnehmer mögen sich im Alltag noch so uneins sein, wenn es gegen die Rattenfänger und Demagogen von der AfD geht, bilden sich schnell ganz, ganz große Koalitionen. Die argumentativ meist wenig trittsicheren AfD-Repräsentanten sehen dabei selten gut aus. Dennoch mögen viele Zuschauer diese „Alle-Gegen-Einen“-Haltung nicht, wie etliche Sendungskommentare zeigen.

Medien und Gesellschaft haben akzeptiert, dass sich das deutsche Parteienspektrum im vergangenen viertel Jahrhundert um eine sozialistische Partei erweitert hat. Angesichts des Mitte-Links-Kurses, auf den Angela Merkel die CDU nicht nur in der Flüchtlingspolitik geführt hat, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich eine Partei rechts von der CDU herausbilden musste. Das mag man bedauerlich und gefährlich finden – verwundern darf es gleichwohl nicht: Wo sollen sich denn die ehemaligen konservativen CDU-Stammwähler noch wiederfinden? Welche Heimat haben beispielsweise Bürger, die nicht an das Aufgehen des Nationalstaates in den Vereinigten Staaten von Europa glauben können? Und was ist mit den Wutwählern, die sich einfach nur noch ärgern, dass Deutschland seine Grenzen aufmacht, während ringsum fast alle anderen dichtmachen?

Die alte bundesrepublikanische Konkordanz-Demokratie ist zu Ende, es gibt wieder Links- und Rechtsaußen in Deutschland. In beiden Parteien der Ränder sind wahrlich nicht nur lupenreine Demokraten zuhause. Beim Umgang mit der ersten Partei, die das alte Spektrum aufbrach, reagierten die Fernsehsender selbstsicher. Bei der Reaktion auf die neue Partei des parlamentarischen Randes müssen die Medienhäuser noch Gelassenheit üben. Was spricht eigentlich dagegen, mit der Rechtspartei genauso umzugehen wie mit der Linkspartei? Man muss ihre Repräsentanten ja nicht gleich zu Dauergästen in den Talkshows machen.

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