Der böse Onkel Sam

von Ulrich Berls12.05.2016Außenpolitik, Europa, Wirtschaft

Von TTIP über das Tohuwabohu in Nahost bis hin zu Donald Trump: Für viele hierzulande werden die USA immer mehr zur Projektionsfläche für alles, was schiefläuft auf diesem Globus. Ist Amerika wirklich nur noch das Reich des Bösen und der Blöden?

Wieder einmal geht eine dieser typisch deutschen Empörungswellen durchs Land: T-T-I-P heißen die vier Erregungs-Chiffren, die immer mehr Bundesbürger offensichtlich um den Schlaf bringen. Kein Waffenexport in Krisengebiete, kein Import von Billigwaren aus Ländern, in denen Umweltschutz und Arbeitnehmerrechte mit Füßen getreten werden, erzürnt derzeit so, wie das geplante europäisch-amerikanische Handelsabkommen. Der Verdacht drängt sich auf, hier geht es um weit mehr als um Handelsrecht, für viele steht ein tief empfundener kulturelle Unterschied zwischen der Alten und der Neue Welt auf dem Spiel.

Nordatlantischer Binnenmarkt

Es mag ja sein, dass die Sache mit den Schiedsgerichten bei uns einem wirtschaftsrechtlichen Systembruch gleichkäme. Auch ist fraglich, ob denn beim Thema Gesundheitsgefährdung ein Kompromiss zwischen dem europäischen Vorsorgeprinzip und dem amerikanischen Nachsorgeprinzip möglich ist. Kurzum, wenn TTIP in der jetzt geplanten Form nicht zustande kommt, ist das vielleicht sogar gut so. Die Verhandlungsführer beider Seiten sollten freilich wegen ihrer Ungeschicklichkeit entlassen werden und ihre Nachfolger unbedingt einen Grundkurs in moderner politischer Kommunikation nehmen. Was so irritiert an der Debatte, ist nicht die sachliche Kontroverse, sondern sind die Emotionen, die da hochkochen: Wenn deutsche Orchestermusiker über Beethoven-Melodien einen Protestsong mit dem Titel „Wir sind keine Handelsware“ intonieren, oder wenn in der Nacht zum 1. Mai zum „Tanz gegen TTIP“ eingeladen wird, kann man beobachten, wie sehr sich mittlerweile Hundertausende an ihrem eifernden „Nein“ berauschen.

Viele bekämpfen ja nicht alleine dieses Handelsabkommen, sondern bestreiten grundsätzlich, dass es nützlich sein könnte, wenn 800 Millionen Europäer und Amerikaner marktwirtschaftlich näher aneinanderrücken. Wie naiv das ist, sieht man spätestens dann, wenn man einmal die deutsch-amerikanische Handelsbilanz zur Hand nimmt, denn es sind vor allem die Deutschen, die ganz gewaltig von der Begeisterung amerikanischer Konsumenten für Produkte Made in Germany profitieren. Vielleicht könnte es ja im Interesse einer Exportnation sein, diesen gigantischen Markt zu pflegen? So, wie Strom bekanntlich nicht einfach aus der Steckdose fließt, kommt Wohlstand auch nicht von selbst aus dem Bankautomat. Und, wer weiß, vielleicht könnten wir Deutschen sogar ein bisschen von den Amis lernen: Der VW-Diesel-Skandal hat jedenfalls gezeigt, nicht alle Standards sind in den USA niedriger als hierzulande.

Krisenherd Orient

Doch was ist schon TTIP, wenn es um Krieg und Frieden geht? Vom Maghreb bis Pakistan erleben wir eine Welt in Auflösung. Auch in der Debatte um die gefährlichste Krisenregion auf Erden ist ein antiamerikanischer Soupcon schwer überhörbar. Ob in den Bestsellerlisten für Sachbücher oder an deutschen Stammtischen, es überwiegen die Stimmen, die meinen, das Chaos in Nahost sei in erster Linie ein Ergebnis amerikanischen Versagens. Dass die Amerikaner vor allem wegen des falschen Irak-Krieges eine erhebliche Mitschuld an der Situation tragen, steht außer Zweifel. Doch Mitschuld heißt nicht Alleinschuld. Wieder irritiert die Eindimensionalität der Debatte.

Das, was wir bis vor kurzem als „Nahen Osten“ kannten, war immer schon ein fragiles britisch-französisches Kunstgebilde, wie die mit dem Lineal gezogenen Grenzen auf der Landkarte anzeigen. Mister Sykes und Monsieur Picot waren jedenfalls keine Amerikaner. Kann man über die Region sprechen ohne über die Verantwortung der Kolonialmächte zu reden? Und was ist mit den Türken? Spielen die historischen Osmanen, die jahrhundertlang Besatzungsmacht in der Region waren, aber auch ihre zeitgenössischen Nachfahren unter der Führung des Neo-Osmanen Erdogan denn gar keine Rolle? Haben die Russen, nicht nur in Afghanistan, sondern am gesamten „weichen Unterbauch der Sowjetunion“ keine Fehler gemacht? Ist der Iran nur ein Nebendarsteller? Ist Saudi-Arabien wirklich unter Kontrolle Washingtons? So populär die Alleinschuld-These auch ist, das Chaos in Nahost geht nicht nur auf das Versagen der USA zurück.

Silvio Trump

Zur Tradition des Antiamerikanismus in Deutschland gehört auch eine Art Glaubensgemeinschaft zwischen der politischen Linken und Rechtsaußen. Der American Way of Life ist beiden Lagern gleichermaßen verhasst. Man darf gespannt sein, wie es sich mit dieser Affinität beim nächsten Aufregerthema verhalten wird: der Kandidatur des „Rechtspopulisten“ Donald Trump für den Posten des amerikanischen Präsidenten. Trump verkörpert alles, was das europäische Überlegenheitsgefühl bestätigt: was für ein ungehobelter Maulheld. Gab es schon einmal einen derart unkultivierten Kandidaten für ein politisches Spitzenamt in einer westlichen Demokratie?

Die traurige Antwort lautet: Ja. Und zwar im vielleicht kultiviertesten Land der Erde. Kein anderes Land hat jedenfalls so viele UNESCO-Weltkulturerbe-Stätten. Wir reden von einem Land, das für seine raffinierte Küche, seine Modemacher, seine Architekten und Designer, von einem Land, das als Inbegriff des guten Geschmacks weltberühmt ist, wir reden von Italien. Der Archetypus all der Donald Trumps unserer Tage heißt zweifellos Silvio Berlusconi!

Die Parallelen zwischen Berlusconi und Trump sind frappierend: beide haben Milliarden in der Immobilienbranche gemacht, beide verfügen über reichlich Erfahrung mit dem immer noch wahlentscheidende Leitmedium Fernsehen. Sogar in ihrer Neigung zu grotesker Haarpracht ähneln sie sich. Berlusconi und Trump sind die düstere Personifizierung für die womöglich größte Krise in der Geschichte der repräsentativen Demokratie. Beide gefallen sich darin, keine Berufspolitiker zu sein – und das kam an in Italien und kommt an in Amerika. Aber nicht nur dort, die Antipolitiker werden vielerorts stärker. Die Deprofessionalisierung des Politischen schreckt etliche Wähler nicht ab, sondern zieht sie geradezu an. Die Amateure, Dilettanten und Terribles Simplificateurs sind auf dem Vormarsch. Trump ist kein rein amerikanisches, sondern ein gemeinsames Problem der westlichen Demokratien. Wenig Grund also für europäische Überlegenheitsgefühle.

Auch wer an eine gemeinsame Wertegemeinschaft zwischen Amerika und Europa nicht glauben mag, sollte sich fragen, ob wir nicht doch in einer Schicksalsgemeinschaft und in einer Interessengemeinschaft verbunden sind. Und in einer ganz, ganz stillen Minute lohnt ja vielleicht auch einmal ein geostrategischer Gedanke: Könnte es womöglich sein, dass wir die Amerikaner mehr brauchen als umgekehrt?

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