Übung schafft den Meister

von Uffe Schjodt22.04.2012Gesellschaft & Kultur, Wissenschaft

Was passiert im Gehirn, wenn Gläubige versuchen, mit ihrem Gott zu kommunizieren? Glaube zeigt sich, ist eine Frage der Übung.

Beten ist eine faszinierende Sache. Für den Gläubigen ist es eine Möglichkeit, direkt mit Gott zu kommunizieren. Beten gibt Halt in Schule und Arbeit und bietet einen Rückzugsort beim Spazierengehen, Laufen oder Fahren. Für manche ist Beten eine Verbindung zur ultimativen moralischen Instanz, etwas, das uns Ehrfurcht einflößt, bedingungslose Liebe hervorruft und die Gegenwart Gottes fühlen lässt. Für Wissenschaftler ist Beten allerdings aus anderen Gründen interessant. Vor allem aus der Perspektive der Gehirnforschung ist es ein rätselhaftes menschliches Phänomen. Unser Gehirn ist nicht darauf ausgerichtet, mit überirdischen Wesen kommunizieren zu können. Stattdessen ist es im Laufe der Evolution herangereift, damit wir mit den konkreten Herausforderungen unserer Umwelt umgehen können, Gefahren abwehren, Werkzeuge entwickeln, soziale Beziehungen verstehen und mit anderen Menschen interagieren können. Die Bandbreite unserer Fähigkeiten ist enorm und sehr vielfältig, aber sie fußen alle auf bestimmten kognitiven Prozessen im Gehirn, durch die wir in der Lage sind, das zu tun, was wir im Alltag brauchen.

Kaum abstraktes Denken während dem Beten

Was aber passiert, wenn Gläubige versuchen, mit ihrem Gott zu kommunizieren? Da das Gehirn kein spezielles System für die Kommunikation mit abstrakten und unsichtbaren Autoritäten hat, stellt sich die Frage: Was passiert eigentlich, wenn wir beten? Welche Hirnareale werden aktiviert? Mithilfe der Funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) haben wir kürzlich eine Studie durchgeführt, um genau diese Frage zu untersuchen. Dabei hat uns vor allem ein Ergebnis überrascht: Obwohl wir eigentlich voraussetzen, dass Gott unsichtbar, allgegenwärtig, allmächtig und allwissend ist, sind während des Betens kaum Hirnareale angeregt worden, die sonst für abstraktes Denken zuständig sind. Stattdessen haben wir bei gläubigen Menschen verstärkte Aktivitäten in vier Hirnarealen gemessen, die sonst für soziale Interaktion mit anderen Menschen wichtig sind. Aus neurologischer Sicht deutet das darauf hin, dass Gläubige Gott als konkrete Person verarbeiten – obwohl zumindest im Christentum die theologische Sichtweise eigentlich sehr komplex und abstrakt ist. Als wir Menschen untersucht haben, die nicht regelmäßig beten, haben wir festgestellt, dass sich bei ihnen keine vergleichbaren Aktivitätsmuster messen lassen, auch wenn sie beten. Vielleicht lernt unser Gehirn also erst durch regelmäßiges Beten und einen starken Glauben, Gott als reale Person wahrzunehmen.

Jenseits wissenschaftlicher Messbarkeit

Diese Ergebnisse widerlegen zumindest teilweise die vorherrschende Meinung, dass Beten für den Gläubigen eine besondere, einzigartige Erfahrung ist. Zumindest im Hinblick auf die Hirnfunktionen ist Beten nämlich durchaus vergleichbar mit ganz normalen sozialen Interaktionen. Es scheint, als ob es auf unseren biologisch entwickelten Fähigkeiten fußt, komplexe kulturelle Phänomene zu verstehen – in diesem Fall also unsere kognitive Fähigkeit, Kontakt mit anderen Menschen aufzubauen. Sind diese Ergebnisse also ein Hinweis darauf, dass Gott nur eine Einbildung ist? Ein unsichtbarer Freund, der immer dann zuhört, wenn es mir schlecht geht? Oder trifft das Gegenteil zu: Hat Gott wirklich einen Einfluss auf uns Menschen, sogar auf ganz elementaren kognitiven Ebenen? Atheisten und Gläubige sind gleichermaßen an unserer Forschung interessiert. Zum Glück kann ich mich dabei auf die Ebene der Wissenschaft zurückziehen. Mein Interesse gilt der empirisch begreifbaren Welt. Spekulationen über die spirituelle Dimension des Betens liegen jenseits dessen, was sich wissenschaftlich untersuchen lässt.

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