Paradoxon der Börsenlogik

von Torsten Reidel5.11.2018Außenpolitik, Wirtschaft

Seien wir ehrlich: Amerika, du hast es besser – jedenfalls, wenn man es aus Sicht der Börsianer betrachtet! Während sich die Aktienmärkte in Europa bislang mehr schlecht als recht durch das Jahr gequält haben, erleben die Kurse jenseits des Atlantiks so etwas wie einen zweiten, ach was, im Grunde einen vierten Frühling. Es geht jedenfalls bergauf.

Zugegeben: Dass sich die Konjunktur in den kommenden Monaten deutlich abkühlen könnte, wenn der politische Streit in der EU so weitergeht und US-Präsident Donald Trump nicht das Kriegsbeil im Handelsstreit mit gefühlt der halben Welt, vor allem aber China begräbt, hat sich mittlerweile auch an der Wall Street herumgesprochen. In den vergangenen Wochen haben jedenfalls auch US-Aktien einen Dämpfer bekommen. Dennoch fällt der Vergleich von der „neuen“ zur „alten“ Börsenwelt immer noch eindeutig aus: Während etwa der Dax seit Jahresanfang rund 15 Prozent verlor, ist der S&P 500 einem vitalen Gamsbock gleich über Monate hinweg von einem historischen Höchststand zum nächsten gesprungen und liegt im Vergleich zum deutschen Pendant sowohl relativ als auch absolut deutlich im Plus.

Es spricht vieles dafür, dass die USA auch in den kommenden Monaten ihre starke Position manifestieren. Vorrangig zwei Gründe: Zum einen wirken die Impulse der Trump’schen Steuerreform in der stark binnenorientierten Konjunktur der USA immer noch nach. Zum zweiten sind es die alle vier Jahre stattfindenden Midterm Elections. Gemessen am S&P-500-Index verlaufen die US-Märkte börsenhistorisch gesehen in den Quartalen rund um die Zwischenwahlen positiv. Fast immer steigen in einem Zwischenwahljahr die Kurse von US-Aktien im vierten Quartal an. Das war seit 1926 in erstaunlichen 87 Prozent der entsprechenden Jahre der Fall. Und mehr noch: Mit derselben Quote steigen die Notierungen auch in den beiden darauffolgenden Quartalen.

Kurzfristig betrachtet mag das stimmen, mögen Skeptiker einwenden. Aber auf lange Sicht sieht das doch ganz anders aus. Ihnen sei zugerufen: Erstaunlich ist nicht nur die hohe Eintrittswahrscheinlichkeit, sondern auch, wie konsistent eine positive Entwicklung in diesen drei Quartalen rund um die Zwischenwahlen auftritt. Selbst in den acht Fällen, in denen mindestens ein Quartal negativ verlaufen ist, war die kumulierte Performance im gesamten Neunmonatszeitraum sechs Mal positiv. Nur zwei Mal traf die Regel nicht zu, aber das waren ausgesprochene Sondersituationen: von 1930 bis 1931 als in den USA die große Depression herrschte, und von 1938 bis 1939, dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Am Gesamtbild ändert das wenig: In 91,3 Prozent der Fälle werden die US-Zwischenwahlen von einer positiven Wertentwicklung umrahmt.

Fragt sich: Was ist der Grund für dieses beeindruckend zuverlässige Muster? Die Antwort klingt banal. Sie manifestiert sich in der alten Weisheit, dass politische Börsen eben doch kurze Börsen sind – nur dass die Kräfte, die dieser Regel zugrunde liegen, im Fall der Zwischenwahlen in anderer Richtung wirken als gedacht. Die Zwischenwahlen tragen vereinfacht gesprochen dazu bei, die politische Pattsituation in den USA tendenziell zu verstärken. Die Partei desjenigen Präsidenten, der in den USA gerade an der Macht ist, geht aus den Wahlen häufig geschwächt hervor. Wenn zuvor schon die Mehrheitsverhältnisse im Senat und im Kongress eher knapp oder sogar hauchdünn waren, heißt das: Es wird fortan zunehmend unwahrscheinlicher, dass die Regierung in den kommenden zwei Jahren, die der Präsident bis zur nächsten Wahl noch im Amt ist, radikale Gesetzesänderungen etablieren kann. Das Kalkül der Investoren dahinter ist: Geringeres politisches Risiko bedeutet auch geringes Risiko von negativen Wirkungen auf die Wirtschaft durch neue Gesetzesinitiativen. Und genau diese Art von Sicherheit führt zu positiven Effekten an den US-Börsen.

Aus Wählersicht mag diese Logik paradox erscheinen. Viele US-Bürger setzen ihr Kreuz aus Protest oder sie sind unzufrieden, weil sie mit ihrer Wählerstimme keine unmittelbaren, politisch von ihnen gewollten Aktivitäten hervorrufen. Für Investoren macht diese Betrachtung aber Sinn, weil politisch gut gemeinte Initiative wirtschaftlich gesehen eben auch Schaden anrichten kann. Selbstverständlich ist bei historischen Betrachtungen von jahreszeitlichen Mustern immer Vorsicht angebracht. Märkte laufen nicht in vorgefertigten Bahnen und jede Korrelation ist auf ihre Kausalität hin zu überprüfen. Aber aus unserer Sicht gibt es für den dargestellten Zusammenhang zwischen den Midterm Elections und der positiven Entwicklung an den US-Börsen einen triftigen Grund: Die Zwischenwahlen reduzieren Unsicherheit. In der aktuellen Gesamtbörsensituation wünschen sich die meisten Investoren eben genau das. Es sind ja nicht unbedingt die harten Fakten, die derzeit den Dax ausbremsen, sondern potenzielle Krisenherde wie der ungelöste Brexit oder die weltweite Einführung von Strafzöllen auf immer mehr Güter und Dienstleistungen.

Und seien wir auch hier ehrlich: Ein klein wenig mehr Sicherheit dadurch, dass Donald Trump in den kommenden Jahren eventuell stärker durch Senat und/oder Kongress kontrolliert wird, fühlt sich nicht nur in der mitunter paradoxen Börsenwelt besser an.

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