Ein Job für Herkules

von Torsten Albig5.08.2014Wirtschaft, Wissenschaft

Noch ist Deutschland Vorreiter, doch die Energiewende ist eine riesige Herausforderung. Immerhin: Die Weichen wurden richtig gestellt.

Weg vom Atomstrom: Die Energiewende bleibt die ganz große Herausforderung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland. Ohne einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien ist diese Herausforderung nicht zu meistern. Nach langer öffentlicher Debatte haben sich Bund und Länder über wesentliche Punkte der Reform des EEG geeinigt.

Ich denke, dass wir mit der Reform unserem Wunsch näherkommen, die drei zentralen Ziele der Energiewende verwirklichen zu können. Nach der Katastrophe von Fukushima haben wir uns als Gesellschaft entschieden, mittelfristig aus der Atomenergie auszusteigen. Zudem muss der Klimawandel auf ein erträgliches Ausmaß zurückgeschnitten werden: Das heißt, dass auch fossile Brennstoffe wie Öl und Gas im deutschen Energiemix eine immer geringere Rolle spielen sollten. Bleiben die Erneuerbaren – die aber zugleich zuverlässig und möglichst günstig sein sollten, damit wir die Bürgerinnen und Bürger weiter davon überzeugen können, dass die Energiewende nötig und machbar ist.

Es gibt Klärungsbedarf

Wir müssen den Menschen die Dimension der Energiewende verdeutlichen: 2012 haben wir rund 100 Terrawattstunden Atomstrom produziert. Bis 2022 wollen wir das letzte Atomkraftwerk vom Netz nehmen. Wenn wir zugleich auch die Treibhausgase reduzieren wollen, um den Klimawandel zu bremsen, dann kommt auf die Erneuerbaren-Branche eine riesige Aufgabe zu.

Das hat Auswirkungen auf unsere Landschaft: Hektargroße Fotovoltaik-Anlagen, große Windparks und die notwendigen Stromtrassen sind Eingriffe, die unsere Landschaft verändern werden. Vielen gefällt das nicht – was ich gut verstehen kann. Aber eine Energiewende ohne diese leider wahrnehmbaren Veränderungen ist nicht möglich.

Schleswig-Holstein spielt bei der Energiewende eine gewichtige Rolle. Aus Überzeugung – weil wir an die Ziele der Energiewende glauben. Und aus wirtschaftlichen Gründen – weil wir die Ressourcen haben. Wind und auch Biogas aus der Landwirtschaft sind bei uns reichlich vorhanden. Und sie machen uns unabhängiger von den großen konventionellen Energielieferanten.

Der Kompromiss bei der EEG-Reform wird den maximalen Zubau bei der Windenergie auf 2,5 Gigawatt (GW) im Jahr beschränken. Das sogenannte „Repowering“ wird dabei allerdings nicht einberechnet – ein Erfolg für die Windenergie-Branche. Sie kann also weiterhin altersschwache Windräder mit moderneren und leistungsstärkeren Anlagen ersetzen, ohne dass das auf die 2,5 GW angerechnet wird.

Auch die Einigung beim Referenzertragsmodell für die Windenergie ist gut für die Branche und damit gut für die Energiewende: Windreiche Standorte werden in Zukunft bei der Förderung besser behandelt als ursprünglich geplant. Auch das wird die alternative Stromgewinnung effizienter und damit langfristig günstiger machen. Positive Signale aus der Bund-Länder-Einigung gibt es zudem für die Windkraft auf See und für Biogasanlagen.

Smog hält nicht an Landesgrenzen

In einer Frage gibt es für mich immer noch Klärungsbedarf: Ab wann soll das neue EEG-Förderregime denn nun angewendet werden? Hier wird sich Schleswig-Holstein dafür einsetzen, Vertrauensschutz für diejenigen zu gewährleisten, die schon seit Jahren neue Windkraftanlagen planen und noch in diesem Jahr ans Netz gehen wollen. Sie sollten nicht unter schlechteren Bedingungen ins Rennen gehen, als in der Planungsphase eingerechnet wurde. Mit einem Antrag im Bundesrat werden wir noch einmal für diese Position werben.

Doch insgesamt macht uns der Reformentwurf fit für die Herkules-Aufgabe Energiewende. Die wirklichen Aufgaben liegen noch vor uns. Das Reformprojekt muss deutschlandweit im Zusammenhang gedacht werden. Bis 2022 brauchen wir überzeugende Antworten auf die Fragen nach Speichermöglichkeiten und Stromtransport.

Die Sonne scheint nur tagsüber, und auch dann nicht immer mit gleicher Intensität. Beim Wind gibt es auch mal Flaute. Dennoch muss immer ausreichend Energie zur Verfügung stehen. Zudem müssen wir die Energie transportieren – etwa aus den windreichen Landstrichen Schleswig-Holsteins in die industriellen Ballungszentren im Westen und Süden unseres Lands. Da sind Forschung und Industrie gefordert, die technischen Voraussetzungen für die Energiewende zu verfeinern.

Wir müssen die Menschen mitnehmen auf dem Weg zu klimafreundlicher und atomstromfreier Energiegewinnung. Und zugleich müssen wir unsere europäischen Partner davon überzeugen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Atomare Strahlen und Treibhausgase machen nicht an Grenzen halt. Eine nachhaltige Energiewende muss nicht nur deutschlandweit gedacht werden, sondern auch über unsere Staatsgrenzen hinweg.

Deutschland hat sich in eine Vorreiterrolle gebracht. Deshalb ist es so wichtig, dass uns eine bezahlbare, konsequente Energiewende gelingt.

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