Berlusconi benutzt Statistiken wie ein Betrunkener den Laternenpfahl: als Stütze, nicht zur Erleuchtung. Romano Prodi

Die virtuelle Wirtschaft

Wer wissen will, wie wir Geld verdienen werden, dem sei Tolkiens „Der Herr der Ringe“ ans Herz gelegt. Gehandelt wird nicht mehr mit Gegenständen, sondern mit Gefühlen.

Wenn wir in eine so ferne Zukunft von 100 Jahren blicken wollen, besteht die größte Herausforderung zunächst darin, zu begreifen, dass die meisten globalen Probleme von heute dann vollkommen unbedeutend sein werden – wie so oft in der Geschichte. Spätestens seit dem Neuen Testament wähnt sich unsere westliche Zivilisation ständig vor dem Ende aller Zeiten. Wenn es uns gelingt, die aktuellen Probleme auszublenden, weil wir davon ausgehen, dass wir sie bis dahin gelöst haben werden, ist dies meine Vorstellung von der Welt in 100 Jahren.

In der Wirtschaft der Zukunft wird das meiste 
Geld verdient werden, indem man Bedürfnisse erzeugt, nicht Angebote. Die erfolgreichsten Akteure werden nicht mehr mit Gegenständen handeln, sondern mit reinen Abstraktionen. So abstrakt, dass es aus heutiger Sicht absurd erscheint. Doch die Wirtschaft und weite Teile unseres Lebens werden sich von einer materiellen in eine virtuelle Welt verlagern. Unsere Grundbedürfnisse werden keine Rolle mehr spielen. Und was wir heute „Unterhaltungsindustrie“ nennen, wird als eine Art Urgroßvater dieser neuen Wirtschaft gelten.

Geist überwindet Gegenstand

Aus heutiger Sicht mag das klingen, als würden sich unsere Körper auflösen und unsere Seelen in eine immaterielle Welt wandern. Aber es klingt viel weniger absurd, wenn man sich vorstellt, wie die Beschreibung unserer heutige Welt auf jemanden gewirkt hätte, der vor 100 Jahren gelebt hat. Man hätte ihm erzählt, dass unser treuester Begleiter, derjenige, den wir immer an unserer Seite haben, mit dem wir einschlafen, essen, arbeiten und an dessen Anweisungen wir uns halten, ein Gerät werden würde, mit dem wir uns mit der abstrakten Welt des World Wide Web verbinden – unser Handy.

Schon Platon sagte: Der Geist überwindet den Gegenstand. Seit der Steinzeit ist die Geschichte der Menschheit bestimmt von solchen Verschiebungen. Am Anfang ging es darum, die Kontrolle zu haben über den Ursprung von Gegenständen. Der Mensch jagte, sammelte, betrieb Ackerbau und baute Rohstoffe ab. Dann rückte die Kontrolle über strategisch wichtige Handelsknotenpunkte in den Vordergrund. Mit dem industriellen Fortschritt bestimmte zunehmend die Massenproduktion über den Wohlstand der Nationen. Es ging 
darum, mit möglichst massenkompatiblen Produkten den Geschmack einer möglichst großen Zielgruppe zu treffen. Heute leben wir in der Zeit der Gedanken, in der schlaue Juristen, Ökonomen, Berater und Programmierer eine Menge Geld verdienen. Im kommenden Zeitalter werden wir sowohl die Gegenstände als auch die Gedanken hinter uns gelassen haben. Es wird die Zeit der Gefühle sein – ich nenne sie die Ära des Kindes.

Ein Kind ist verspielt. Es liebt Abenteuer und ist ständig auf der Suche nach Neuem. Es ist kreativ und lernfähig. Ein Kind tanzt und führt keine Kriege, es beschäftigt sich höchstens mit belanglosen Streitereien. Ein Kind muss keine Verantwortung übernehmen und lebt in einer Fantasiewelt. Es ist die Welt, in die auch wir eintreten.

Schon heute wirft diese künftige Ära ihre Schatten voraus. Für den wirtschaftlichen Erfolg ist es entscheidend, den Zugang zu einem abstrakten, unwirklichen Ding namens World Wide Web zu kontrollieren. Und über diesen Zugang werden Handelskriege geführt werden. Doch diese Kriege werden artifiziell und auf individuelle Kunden zugeschnitten sein und um Produkte geführt werden, die nichts kosten. Nehmen Sie nur die Suchmaschine Google. Weder fußt das Geschäftsmodell des Unternehmens auf der Produktion von Gegenständen noch darauf, diese an seine Kunden zu verkaufen. Im Gegenteil: Es verkauft seine Kunden, deren Aufmerksamkeit und deren Bedürfnisse. Das World Wide Web selbst ist nicht echt. Es wiegt nichts.

Industrialisierung der Fantasie

In materieller Hinsicht wird die Wirtschaft nicht mehr wachsen. Die gegenständliche Wirtschaft wird alles erreicht haben, was zu erreichen gewesen sein wird. Sie ist statisch, stabil und gerecht. So wie es unserer menschlichen Natur entspricht, werden wir damit aber nicht zufrieden sein. Neue Sehnsüchte werden geweckt. Das System aus Angebot und Nachfrage wird sich drehen: In einer Zeit mit zur Neige gehenden Rohstoffen und befriedigten Grundbedürfnissen gibt es kein Bedürf­nis mehr nach Angeboten, sondern nach Bedürfnissen. Die Folge wird eine massive „Industrialisierung“ von Fantasie sein – schon beinahe eine Art höhere 
Religion. Wer es schafft, neue Sehnsüchte zu 
wecken, wird hohes Ansehen genießen.

Zahlungsmittel werden noch gegenstandsloser als heute sein. Sie werden in gewisser Weise mit Gefühlen verbunden sein – und die werden zu den wenigen Dingen gehören, die uns noch an die alte materielle Welt erinnern. Besitz wird es kaum noch geben. Was bleibt, wird vermietet. Zahlungen werden in einem stetigen Strom abgewickelt. Wenn sich jemand auf Kosten anderer vergnügt, fließt Geld ab. Wer anderen Vergnügen bereitet, dem fließt Geld zu. Das Versicherungswesen wird Formen annehmen, die man schon beinahe als kommunistisch bezeichnen kann. Private Verantwortung ist nur noch symbolisch zu verstehen, die Risiken trägt allein das Kollektiv. Das einzige relevante Unterscheidungskriterium für Menschen wird ihre Abstraktionsfähigkeit sein. Nationalitäten, Neigungen oder die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe spielen keine Rolle mehr. Die einzige Linie, die Menschen voneinander trennt, läuft entlang der Fähigkeit, unterschiedliche Abstraktionsgrade zu entwickeln. Wirtschaft als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand wird keine Rolle mehr spielen, und wenn, dann nur, so sie sich mit dem verbindet, was wir als Psychologie kennen.

Stellen Sie sich diese Zukunft einfach vor wie die Elben in Tolkiens „Herr der Ringe“. Diese leben in einer Hochzivilisation. Ihre Wirtschaft ist statisch. Alles, was sie an wertvollen Dingen besitzen, stammt aus vergangenen Zeiten. Dennoch geht es ihnen viel besser als den Orks in Mordor – und das, obwohl diese wie verrückt daran arbeiten, ihr Bruttoinlandsprodukt zu steigern. Die Elben aber leben in ihren Träumen, Geschichten und Mythen. Ihre Wirtschaft lebt vom Immateriellen. Und sie kommen komplett ohne Hightech aus – ganz im Gegensatz zu uns. Aber wir sind schließlich auch keine Elben.

Übersetzung aus dem Englischen

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Jakob von Uexküll, Ben Scott, George Friedman.

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Dieser Beitrag ist in der ersten Printausgabe des The European enthalten.

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