Das neue Opium des Volkes

Tom Inglis20.04.2014Gesellschaft & Kultur

Früher glaubten wir an Gott, heute an die Liebe. Der Partner wird so zum Erlöser.

Liebe regiert die Welt. Sie ist das Fundament, auf dem wir unsere Existenz aufbauen. Ohne Liebe ist unser Leben bedeutungslos. Wir mögen arbeiten gehen und auch so unseren Spaß haben, aber ohne zu lieben und geliebt zu werden, können wir als Individuen nicht existieren.

Liebe wird heutzutage als sexuell, als leidenschaftlich, als romantisch angesehen. Als etwas, das automatisch passiert. Aber der platonische Teil der Liebe ist harte Arbeit, jeden Tag müssen wir uns an den vielen Hindernissen des Alltags vorbeischlängeln. Besonders stark zeigt sich die Liebe dann in unserem Leben, wenn wir uns in Krisen befinden. In solchen Zeiten wenden wir uns automatisch jenen zu, die wir lieben. Jenen, die uns lieben.

Liebe bietet Geborgenheit und Trost. Sie ermöglicht, uns miteinander zu verbinden und uns zugehörig zu fühlen. Sie ist die Quelle des Wohlergehens und der Glückseligkeit. Sie ist der König der Emotionen und zugleich die Königin der Freuden. Sie ist der Spiegel, durch den wir uns selbst erkennen. Liebe ist die neue Erlösung.

Emotionales Spiel mit hohem Einsatz

Liebe verbindet die Menschen in den heutigen Zeiten, wo Gott tot ist und der Einfluss von Religionen mehr und mehr schwindet. Nur durch das Band der Liebe hat das Leben heute noch einen Sinn. An das Leben nach dem Tod glauben wir nicht mehr, stattdessen wollen wir ein langes und erfülltes Leben führen. Wir haben erkannt, dass das Dasein keinen tieferen Sinn hat, und müssen auf andere sinnstiftende Systeme als die Religion zurückgreifen, um zu verhindern, dass wir in einen tiefen Abgrund fallen. Dadurch, dass wir lieben, realisieren wir aber, dass wir existieren. Der geliebte Mensch ist der Spiegel, in dem wir uns selbst finden.

Liebe bleibt trotz alledem trügerisch: Jedes Jahr feiern wir die romantische Liebe am Valentinstag, doch wie so vieles andere auch ist dieser Teil der Liebe zu einem kapitalistischen Schwindel verkommen. Wie aber sollen sich Liebende finden, wenn die Liebe nicht gefeiert wird, wenn wir nicht romantisch sind, wenn wir nicht über sie diskutieren?

Liebe ist ein emotionales Spiel mit hohem Einsatz. Das Ziel ist immer die Balance zwischen den eigenen egoistischen Wünschen und denen des Geliebten. Das erfordert stets die Aufgabe unserer selbst. Umso mehr man sich aber selbst aufgibt, desto größer ist der Verlust, wenn man verlassen wird.

Liebe war schon immer ein Teil des Menschen. Was sich mit der Moderne allerdings dramatisch verändert hat, sind die Orte, wo wir sie finden, und wie wir an ihr festhalten. Und natürlich der Sex. Denn wie Liebe, Sex und Heirat funktionieren, wurde über Jahrhunderte durch die Familie, die Gemeinschaft und die Religion vorgegeben. Selbst wo man den Partner fand, war örtlich begrenzt. Es herrschte ein System, das sich selbst aufrecht erhielt, in das man hineingeboren wurde. Und wenn Verliebte heirateten, dann trugen sie dazu bei, das System am Leben zu halten. In der mobilen Welt von heute ist es den Liebenden selbst überlassen, einander zu finden, die Gemeinschaft und die Familie helfen nicht mehr.

Die neue unsichtbare Hand

Liebe ohne Arbeit funktioniert heute nicht mehr: Es muss die richtige Mischung aus Karrieremachen und Liebesleben gefunden werden. Wenn Kinder dazukommen, kippen diese weiteres Öl ins Feuer der Emotionen. Von den abertausenden Möglichkeiten abseits der Familie gar nicht zu sprechen.

Liebe in dieser individualisierten, postmodernen Welt ist ein Wunder. Dass sich Paare tatsächlich finden, eine starke und vertrauensvolle Verbindung aufbauen und Verantwortung übernehmen – ein Wunder. Der Mensch von heute scheint zu der Erkenntnis gekommen zu sein, dass es mehr geben muss als den biologischen Zwang zur Fortpflanzung. Er hat begriffen, dass wir es schaffen müssen, uns durch die Liebe zu verstehen, um nicht unterzugehen.

Liebe ist die unsichtbare Hand, die das Leben in der heutigen Gesellschaft steuert. Wir können im öffentlichen Leben nicht kommunizieren und kooperieren, solange wir nicht ein Gefühl für Wertschätzung haben. Ob wir etwas wertschätzen können, hängt aber davon ab, ob wir in der Lage sind zu lieben.

Liebe ist selbstverständlich, so wie die Luft, die wir atmen. Es gibt keine staatlichen Subventionen für die Liebe. Aber um Menschen, die nicht geliebt werden, um die sich niemand kümmert, muss sich irgendwann der Staat kümmern. Staaten allerdings basieren nicht auf Liebe, sie basieren auf Macht. Davon ist auch der Alltag geprägt: vom Ringen um Macht, andere zu kontrollieren und gar zu dominieren. Der echte Kampf sollte es aber sein, Liebe auch über den Partner hinaus zu verbreiten. Wir müssen auch die Fremden, die Ausgestoßenen und die Feinde lieben. Das wäre echte Liebe.

_Übersetzung aus dem Englischen_

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