„OriginalitĂ€t ist ein ziemlich absurdes Konzept“

von Tom Chatfield24.01.2013Gesellschaft & Kultur, Medien

Immer mehr Daten, immer intelligentere Maschinen: Martin Eiermann spricht mit dem britischen Autor Tom Chatfield ĂŒber unser VerhĂ€ltnis zu Technologie, die Zukunft des Internets, den Medienwandel und Geeks.

*The European: Sie beschreiben sich auf Twitter als Klavierspieler, als Teetrinker – und als „Geek“. Lassen Sie uns ĂŒber diese Selbstbeschreibung reden.*
Chatfield: Zum Teil ist das einfach ein nach außen gerichtetes Label. Aber ich interessiere mich wirklich fĂŒr etwas, das sich vielleicht als „Geekokratie“ beschreiben lĂ€sst: Es ist heute okay, wenn man mit viel Elan ĂŒber Informationstechnologien redet – nicht, weil es ein Fetisch wĂ€re, sondern weil man den kulturellen Einfluss solcher Technologien wertschĂ€tzt. Durch den technologischen Fortschritt verĂ€ndern sich alle möglichen Dinge: Literatur, Kunst, Politik oder das geschriebene Wort.

*The European: Ein Geek muss kein Spezialist sein?*
Chatfield: Ich sehe mich zumindest nicht so. Ich habe Interessen und Leidenschaften, die mich in ganz unterschiedliche Richtungen fĂŒhren. Ein Geek ist vor allem ein Enthusiast. Das Schöne am Internet ist, dass man nie allein sein muss. Ein Enthusiast kann andere Enthusiasten finden, Information und so weiter. Das hat einen enormen Einfluss auf unsere Kultur: Auf die gesellschaftliche Partizipation, auf KreativitĂ€t, manchmal sogar auf neue Formen des sozialen Engagements.

„Wir haben uns selbst zum Teil der digitalen Welt gemacht“

*The European: Man kann auch kritisch anmerken: Geek zu sein heißt, in einer stark selbstreferenziellen Welt zu leben, in der die kleinsten Probleme plötzlich ins Zentrum des Universums zu rĂŒcken scheinen.*
Chatfield: Wir sollten die Geek-Kultur schĂ€tzen, aber niemals unkritisch betrachten. Es wĂ€re falsch, Technologie zum Fetisch zu machen und jedes Problem als Nagel zu sehen, das sich mit dem Hammer digitaler Technologien in die Wand hauen lĂ€sst. Und wir dĂŒrften Priorisierung und ProportionalitĂ€t nicht aus den Augen verlieren. Es gibt auf Wikipedia viele Artikel ĂŒber „Star Wars“, die ausfĂŒhrlicher und besser recherchiert sind als Artikel ĂŒber Dinge, die nach jedem vernĂŒnftigen Maßstab ganz einfach wichtiger sind: der Zweite Weltkrieg, der Marxismus, die Biografien wichtiger historischer Akteure. Um Umberto Eco zu zitieren: Wenn jeder Film ein Kultfilm ist, dann riskieren wir, nicht mehr das wirklich Wichtige herausfiltern zu können. Es ist schön, dass wir die Geek-Kultur feiern, aber wir mĂŒssen trotzdem noch in der Lage sein, zu sagen: Der Zweite Weltkrieg ist wichtiger als „Star Wars“. Ansonsten bleibt uns am Ende nur eine solipsistische und realitĂ€tsferne Kultur.

*The European: Sehen Sie das Internet vor allem als eine Plattform zum Informationsaustausch oder als Medium zur Interaktion mit anderen?*
Chatfield: Der Triumphzug sozialer Medien ist fĂŒr mich ein Beweis fĂŒr das universelle Verlangen des Menschen, so viel menschliches Chaos wie möglich in die Welt der Informationen zu importieren. Wir haben uns selbst zum Teil der digitalen Welt gemacht. Gleichzeitig haben wir aber auch viele neue Informations-Silos geschaffen, Facebook beispielsweise. Informationen sind heute in verschiedenen Systemen an verschiedenen Orten zu finden. Das Netz ist also kein monolithisches Ding – und die Herausforderung ist es, zu verstehen, worin genau die Unterschiede zwischen verschiedenen Plattformen liegen.

*The European: Anders gesagt: „Das Internet“ gibt es nicht.*
Chatfield: Je stĂ€rker Technologie zum ganz normalen Bestandteil dessen wird, was wir tun und wer wir sind, je normaler es wird, auf komplexe Informationsregister zuzugreifen, desto weniger dĂŒrfen wir in allgemeinen Kategorien denken. Vielleicht ist es sinnvoll, im Plural von „Internets“ zu sprechen und damit die Vielzahl von digitalen Ökosystemen zu betonen – und alle ihre jeweiligen VorzĂŒge, Potenziale, Risiken und RattenschwĂ€nze. Wenn Sie auf Google nach englischsprachigen Webseiten suchen, ignorieren Sie wahrscheinlich trotzdem 99 Prozent des Webs.

*The European: Wie definieren Sie „Technologie“?*
Chatfield: Man kann mit den Griechen beginnen: „tekhno“ und „logia“, die Diskussion menschlichen Schaffens. Wenn wir digitale Technologien beschreiben, und den Menschen als technologiebegabtes Wesen, dann reden wir ĂŒber einen sehr konkreten Bereich der kĂŒnstlich geschaffenen Welt. Um den Computerwissenschaftler Bran Ferren zu paraphrasieren: „Technologie ist etwas, das noch nicht funktioniert.“ Irgendwann waren auch ein Bleistift oder ein Stuhl einmal Technologien, heute sind das einfach GegenstĂ€nde. Wenn ich also von Technologien rede, dann meine ich damit vor allem interaktive Technologien: auf BinĂ€rcode basierende digitale Technologien, Nullen, Einsen, und die ganze Hardware und Infrastruktur, die dazu notwendig ist. Und auch die Möglichkeiten neuer Codes.

*The European: “George Dyson”:http://www.theeuropean.de/george-dyson/7784-die-zukunft-der-evolution-2 vergleicht die Evolution von Computercode mit der biologischen Evolution. Selbst wenn wir diese Analogie nicht vollstĂ€ndig akzeptieren, stellt sie trotzdem die wichtige Frage danach, was wir eigentlich meinen, wenn wir von „Leben“ oder „Intelligenz“ sprechen. Wir gehen beispielsweise instinktiv davon aus, dass Leben kohlenstoffbasiert sein muss. Aber man könnte sagen: Das ist eine sehr verengte Sichtweise, die lediglich aus unserer begrenzten Lebenswelt heraus abstrahiert.*
Chatfield: In der Literatur und in der Philosophie werden solche Fragen seit Langem gestellt. Ich bin immer etwas skeptisch gegenĂŒber techno-deterministischen Sichtweisen. Das ganze Gerede von Ökosystemen und Evolution ist sehr eloquent und nĂŒtzlich, aber die Gefahr ist, dass wir Technologie als etwas NatĂŒrliches sehen, auf das wir keinen Einfluss haben und dem wir nicht entkommen können. Aber die Technologien, von denen wir hier sprechen, sind von uns selbst geschaffen worden. Wir können sie verstehen, kritisieren, regulieren und falls nötig verĂ€ndern.

„Wir brauchen dringend eine Ethik fĂŒr Systemdesign“

*The European: Aber wĂŒrden Sie argumentieren, dass Technologien lediglich Werkzeuge sind, die keinen Effekt auf unser Verhalten und unsere IdentitĂ€t haben?*
Chatfield: Es ist kaum möglich, ĂŒber die Natur des Menschen nachzudenken, ohne dabei ĂŒber unsere Werkzeuge zu sprechen. Der Autor Brian Christian hat ein paar ganze interessante SĂ€tze zur zunehmenden Intelligenz von Maschinen aufgeschrieben. Er sagt: „Wir sollten froh sein und die Herausforderung annehmen, weil sie uns dazu auffordert, prĂ€ziser zu definieren, was wir eigentlich meinen, wenn wir von menschlichem und ethischem Streben sprechen.“ Die FrĂŒchte unseres Geistes stellen uns auf den PrĂŒfstand. Ich frage mich, ob wir irgendwann die strikte Trennung zwischen „Leben“ und „Nicht-Leben“ aufgeben mĂŒssen und uns auf eine differenziertere Art von Maschinen abgrenzen werden. “Die Arbeit von Peter Singer”:http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/7182-peter-singers-zweifelhafte-ethik zeigt vielleicht, wo es hingehen kann. Er schreibt ĂŒber die Rechte von Tieren.

*The European: Damit sind wir doch wieder bei der Evolution. Glauben Sie, dass die biologische und die technologische Welt miteinander verschmelzen?*
Chatfield: Wir wissen nicht, ob wir irgendwann einmal in einem Kurzweil’schen Universum leben werden, “in dem Maschinen ein Gewissen haben”:http://www.theeuropean.de/george-bekey/5361-roboter-in-100-jahren–2 – ich bin eher skeptisch gegenĂŒber solchen Theorien, auch weil sie unsere Sicht auf die Gegenwart verzerren. Wenn sich etwas verĂ€ndert, dann sollten wir pragmatisch darauf reagieren und uns beispielsweise an alten ethischen Idealen orientieren: Was ist moralisch gut, und was heißt es, ein erfĂŒlltes Leben zu fĂŒhren? Am Ende richten wir ĂŒber uns selbst. Wir haben keine andere Messlatte außer dem menschlichen MoralverstĂ€ndnis. Ich sehe pseudo-religiöse Debatten eher als unproduktiv, aber ich glaube, dass wir dringend eine Ethik fĂŒr Systemdesign brauchen. Das gilt fĂŒr E-Mail-Systeme genauso wie fĂŒr militĂ€rische Drohnen. Welchen Effekt haben diese Systeme auf unser Leben und mit welchen Konsequenzen hat die Welt zu rechnen?

*The European: Dann lassen Sie uns ĂŒber Systemdesign sprechen. An welchen Parametern sollte sich die Infrastruktur des Netzes orientieren, um den Informationsaustausch auch weiterhin zu ermöglichen?*
Chatfield: “NetzneutralitĂ€t ist beispielsweise eine wichtige globale Bedingung.”:http://www.theeuropean.de/debatte/8942-das-netz-zwischen-regulierung-und-anarchie Die grundlegende Infrastruktur des Netzes muss so organisiert sein, dass die Menschen einander finden können, ohne zensiert oder ausgenutzt oder ĂŒberlistet zu werden. Wir sind auch gut darin, uns selbst zu ĂŒberlisten, daher sind Medienkenntnisse so wichtig. Nicht jeder von uns muss programmieren können, aber jeder sollte wissen, dass Programmiercodes existieren. Eine weitere Frage ist die nach AnfĂŒhrern und Entscheidern. Ich glaube nicht an das Ideal einer fĂŒhrerlosen Bewegung, sondern lediglich an horizontale Informationshierarchien. Das Wort mancher Menschen wird immer mehr Gewicht haben als das Wort anderer. Diese Menschen beeinflussen, was wir kaufen, wen wir wĂ€hlen oder manchmal sogar fĂŒr wen wir zu sterben bereit sind. Die Frage ist also: Wie lassen sich die positiven Effekte von Hierarchien maximieren? Ein Beispiel: Standard-Einstellungen haben einen enormen Einfluss auf das Nutzerverhalten im Netz. Wir können also fragen: „Wem nĂŒtzen diese Einstellungen? Dienen sie vor allem dem Verkauf von Werbung, oder haben die Nutzer einen Vorteil aus bestimmten Einstellungen?“

*The European: Eine Geschichte des Netzes geht so: „Am Anfang war das Internet ein anarchistischer, kreativer Raum. Im Laufe der Jahre sind wirtschaftliche Interessen immer stĂ€rker geworden. Das freie Web ist ersetzt worden durch abgegrenzte Plattformen und Apps. Das innovative Potenzial des Internets ist an die Kandare gelegt.“ Sehen Sie das genauso?*
Chatfield: Sie können das auch beschreiben als die Entwicklung vom SpartenphĂ€nomen zum MassenphĂ€nomen zum universellen PhĂ€nomen. Tim Wu beschreibt die Entwicklung des Netzes von Offenheit und Experimentierfreude hin zur Kodifizierung und zu digitalen Monopolen. Ich glaube, dass das Netz ĂŒberraschend gut darin war, sich diesem Trend zu widersetzen. Beide Prozesse laufen parallel weiter.

„Das Internet ist von vielen fĂŒr viele gemacht – und nicht von einem Anbieter“

*The European: “Einige wenige Firmen dominieren”:http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/11854-plaedoyer-fuer-politische-netzneutralitaet den tĂ€glichen Informationsfluss und kontrollieren die Basis-Infrastruktur.*
Chatfield: Es stimmt, dass manche Akteure immer grĂ¶ĂŸer geworden sind und dass Kontrolle ĂŒber die Infrastruktur auch Kontrolle ĂŒber das Netzwerk bedeutet. “Aber das Internet als Medium”:http://www.theeuropean.de/vinton-cerf/12348-die-welt-in-100-jahren hat sich nicht verĂ€ndert – wir arbeiten immer noch mit den ursprĂŒnglichen Protokollen. Viele Dinge, die auf dieser Basis entwickelt wurden, sind weiterhin offen. Die Frage ist: Wird die Hardware der Zukunft diese alten Protokolle weiterhin unterstĂŒtzen, oder wird irgendwann nur noch das Neue funktionieren?

*The European: Der Durchschnittsuser legt vielleicht sogar mehr Wert auf die einfache Nutzbarkeit als auf die Offenheit des Netzes.*
Chatfield: Bei dieser Frage ist es verlockend, idealistisch oder versnobt zu argumentieren. Wenn wir allerdings wirklich etwas Ă€ndern wollen, dann mĂŒssen wir uns bewusst machen, was die Nutzer wollen. Die besten Intentionen sind solche, die reale BedĂŒrfnisse befriedigen. Viele sehen das Netz sicherlich als wild und gefĂ€hrlich und freuen sich, wenn ihnen bestimmte Entscheidungen abgenommen werden. Davon hat man einen sehr konkreten Vorteil – und die möglichen negativen Konsequenzen sind vergleichsweise weit weg.

*The European: MĂŒssen wir wieder verstĂ€rkt darĂŒber reden, was alles im Besitz der Allgemeinheit sein sollte?*
Chatfield: Ja. Es gibt ein paar „walled gardens“ – Apple, Amazon und Teile von Google –, gegen die ein Wettbewerb schwierig ist. Aber Offenheit kann eine gute GeschĂ€ftsstrategie sein. Wir können heute mit vielen verschiedenen GerĂ€ten ins Netz gehen und ich glaube, das ist eine einzigartige Chance fĂŒr Dienste, die offen sind und ĂŒberall funktionieren. Das sagt meiner Meinung nach etwas ĂŒber die FĂ€higkeit des Netzes, sich der Monopolisierung zu widersetzen. Das Internet ist von vielen fĂŒr viele gemacht – und nicht von einem Anbieter.

*The European: Sie schreiben fĂŒr die BBC und sind als Autor tĂ€tig. Die Medien verĂ€ndern sich – wie verĂ€ndert sich dadurch Ihre Arbeit?*
Chatfield: GrundsĂ€tzlich finde ich gut, was passiert. Wir können uns ewig ĂŒber die wirtschaftlichen Konsequenzen unterhalten, aber es ist schön, dass Autoren jetzt ein bisschen von ihrem Thron gestoßen werden. Dieser Thron war sowieso immer nur eine Illusion. Es tut den Medien gut, wenn die Menschen mit ihrer eigenen Stimme sprechen können, anstatt durch Autoren bevormundet zu werden. Ich stelle fest, dass ich mich nicht mehr so stark auf die Reputation einer Institution berufen kann wie in der Vergangenheit. Man ist relativ nackt und hat die Pflicht, interessant zu schreiben. Kritiker sagen, dass das alles sehr darwinistisch ist und lediglich zu mehr Sensationsjournalismus fĂŒhrt. Das ist teilweise richtig, aber es gibt weiterhin das Verlangen nach anderen, guten Inhalten. Als Autor muss man heute seine Leserschaft fĂŒr sich gewinnen. Man kann um seine Worte kĂ€mpfen und fĂŒr sie werben.

„Es war nie leichter, einfachen Content zu produzieren“

*The European: Die wichtigste Person ist vielleicht nicht mehr der Redakteur, der die Tageszeitung zusammenstellt, sondern das Kollektiv der Leser, das Artikel kommentiert und ĂŒber soziale Netzwerke mit einer persönlichen „GefĂ€llt mir/GefĂ€llt mir nicht“-EinschĂ€tzung verbreitet.*
Chatfield: Ich hoffe, dass ich nicht nur gelesen werde, weil ich fĂŒr die BBC schreibe, sondern weil manche meiner Gedanken woanders nicht zu finden sind. Der Lohn fĂŒr intelligentes und einzigartiges Schreiben ist höher als jemals zuvor. “Und mir gefĂ€llt es, dass ich die Kommentare der Leser mitverfolgen kann und dass ich meine Argumente vortragen kann,”:http://www.theeuropean.de/christoph-giesa/11774-internetforen-ohne-diskussionskultur ohne mich dabei hinter einem institutionellen Vorhang verstecken zu mĂŒssen. Langeweile wird nicht toleriert. Ich halte es also fĂŒr falsch, zu sagen, dass der Marktplatz der Ideen nur durch den kleinsten gemeinsamen Nenner bestimmt wird. Ich bin Idealist: Ich ĂŒberschĂ€tze meine Leser lieber, als dass ich sie unterschĂ€tze. Hinter Kritik an der „Demokratisierung des Wissens“ steckt oftmals nicht viel mehr als eine gute Portion Verzweiflung und Verachtung.

*The European: Die Herstellung von Inhalten ist oftmals teuer, Aggregation ist gĂŒnstig. Wie verĂ€ndert diese Dynamik die Medien?*
Chatfield: Es ist eigentlich paradox, weil es nĂ€mlich nie leichter war, einfachen Content zu produzieren. Aggregation ist gewissermaßen ein Nebenprodukt der Menge an Inhalten, die heute verfĂŒgbar sind. Die Frage, die wir uns also stellen sollten, ist: Was ist sinnvolle Aggregation und was ist sinnlose? Thomas Mann hat einmal gesagt, dass wir Dinge nicht erschaffen, sondern lediglich auswĂ€hlen. Wir komponieren. Autoren haben zum Teil schon immer so gearbeitet. Die digitale Kultur konfrontiert uns jetzt auf eine angenehme Weise mit der alten Weisheit, dass wir alle Teil des menschlichen Ideenzyklus sind: Ideen kommen und gehen, und wir mĂŒssen auswĂ€hlen und sortieren. OriginalitĂ€t ist eigentlich ein ziemlich absurdes Konzept.

*The European: Auch eine Komposition kann originell sein.*
Chatfield: Aus intellektueller und linguistischer Sicht ist das Wort komisch: Originell zu sein ist eine Aspiration, keine Beschreibung. Ideen entstehen nicht einfach aus dem Nichts. Ich rede lieber von Inhalten, die eine persönliche Signatur tragen, wo also ein Mehrwert erkennbar ist. Ich sehe Aggregation anders als viele andere also nicht als Bedrohung. Klar, Algorithmen-Aggregation kann Probleme verursachen – Google News zum Beispiel – wenn Inhalte einfach benutzt werden, ohne die Urheber zu nennen. Das ist wirklich ein Problem. Es ist sehr schwer, der Versuchung zu widerstehen, fĂŒr sehr wenig Geld sehr starke Inhalte zu aggregieren. Wenn Aggregation wirklich von Menschen gemacht ist und Mehrwert liefert, dann ist sie auch nicht billig. Wenn uns soziale Medien eins klarmachen sollten, dann das hier: Wir wollen keine nackten Informationen.

*The European: Damit sind wir wieder bei der Frage, wo denn die Zukunft des Netzes liegt: im Finden von Informationen, oder in interaktiven Netzwerken?*
Chatfield: Google ist unĂŒbertroffen, wenn es um Algorithmus-gestĂŒtzte Empfehlungen geht. Aber es hat sich herausgestellt, dass die Leute mehr wollen als gute Links. Vielen Leuten geht es nicht um irgendwelche Informationen, sondern darum, was diese Person oder jene Person zu sagen hat. Es ist meiner Ansicht nach fair zu sagen, dass Google davon am Anfang ĂŒberrascht worden ist. Alles hat eben seine Zeit. Was wir heute sehen, ist, dass TrĂ€gheit nicht mehr funktioniert. Zeitungen haben viele Dinge richtig gemacht, aber sich eben auch viel erlauben können, weil es durch die teure Druck- und Distributionsinfrastruktur kaum Rivalen gab. “Jetzt mĂŒssen sie sich dem Markt stellen.”:http://www.theeuropean.de/lars-mensel/5569-leistungsschutzrecht-und-monopolstellung Das ist manchmal ganz schön hart und tragisch, aber es zeigt auch, dass es anderorts bessere und attraktivere Angebote gibt.

„Digitale Daten sind nicht immer hilfreich“

*The European: Ist das Aufbrechen veralteter Strukturen es wert, dass dabei Zeitungen verschwinden, die zwar kein tragfÀhiges GeschÀftsmodell haben, aber weiterhin guten Journalismus machen?*
Chatfield: Ich weine den mittelalterlichen Mönchen nicht nach, auch wenn die von ihnen geschriebenen BĂŒcher sicherlich sehr schön anzusehen sind. Aber ich will hier nicht auf den GrĂ€bern der Zeitungen tanzen, weil ich selbst auch viel von dem schĂ€tze, was derzeit verloren geht. Ich will diesen Prozess eigentlich lieber beschreiben, als ihn zu kommentieren. Es ist einfach, sich seine Argumente selektiv herauszusuchen und dann etwas zu sagen, was zur eigenen Agenda passt. Das ist aber meistens nicht sonderlich interessant. Besser finde ich es, genau hinzusehen, um zu verstehen, was da eigentlich vor unserer Nase passiert.

*The European: Die US-Staatsbibliothek hatte vor einer Zeit angekĂŒndigt, alle amerikanischen Tweets archivieren zu wollen. Das ist jetzt doch etwas komplizierter als gedacht, aber wir können uns anhand dieser Debatte eine wichtige Frage stellen: Wie wichtig ist das Vergessen in einer Welt, in der immer mehr Informationen archivierbar sind?*
Chatfield: Zu einem gewissen Grad lagern wir unsere Erinnerung an Maschinen aus. Wichtig dabei ist, dass wir richtig priorisieren. Welche Informationen sollen weiterhin verfĂŒgbar sein und welche nicht? Wenn sich alle Tweets in einem offenen Format archivieren lassen – warum nicht, das wĂ€re doch ein fantastischer Fundus an Daten. Aber digitale Daten sind nicht immer hilfreich. Nicholas Carr weist zu Recht darauf hin, dass das menschliche Gehirn anders funktioniert als der Speicher eines Computers. Debatten ĂŒber Politik, Kunst und Kultur basieren teilweise auf der Summe an EindrĂŒcken und Emotionen, die wir mit uns herumtragen. Wer also glaubt, dass wir Debatten ĂŒber Recht und Unrecht kĂŒnftig allein auf Basis digitaler Daten fĂŒhren können, ist ein Narr. Es geht nicht ohne menschlichen Verstand und Gesetzgebung.

_Übersetzung aus dem Englischen._

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