MTV Makes Me Want to Smoke Crack

Tobias Trosse12.11.2009Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Das klassische Musikfernsehen hat seine eigene zeitgemäße Interpretation verschlafen. Die technischen Möglichkeiten des Internets allein sind allerdings noch kein Ersatz. Eine Bestandsaufnahme.

Eine kleine Ewigkeit ist das mittlerweile her, seitdem der Sänger Beck diese Zeile 1993 sang. Wenn auch wenig lebensbejahend, zeugt dieser Song doch vom großen Einfluss, den das Musikfernsehen damals auf eine ganze Generation nahm. MTV gab Takt und Zeitgeist vor, war kreative Reibungsfläche, Meinungsmacher und Sprachrohr zugleich. Ein Musikfernsehparadies konnten wir Ende des letzten Jahrtausends auch in Deutschland genießen. 90 Stunden reinstes Musikfernsehen flimmerten jeden Tag. In jeden deutschen Haushalt. Kostenlos. Neben Quantität reichte das auch für Qualität. Die Redaktionen der Sender waren voller talentierter Menschen, die Ihr Hobby zum Beruf und Musikfernsehen charmant und spannend gemacht hatten. Das war einmal. Ohne in einen allgemeinen “Früher war alles besser”-Kanon einzustimmen, lässt sich faktisch festhalten: Von fünf überall zu empfangenen Sendern sind nur noch zwei übrig geblieben. Musikvideos laufen dort mittlerweile nur noch nachts. Gefühlt wird die Klingeltonreklame nur noch selten von echten Inhalten unterbrochen. Künstler kommen noch zu Wort, aber nur in Dokusoaps über Ihre Entziehungskur. Und in Entzugskliniken wird denkbar wenig gesungen. “MTV shows me smoking crack” könnte man heute dichten.

Crazy Frog statt Crazy Love

Für MTV und VIVA ist es wirtschaftlicher, sich als Fernsehsender von der Nische Musik hin zum Vollprogramm für “Young Entertainment” zu orientieren. In Zeiten der Wirtschaftskrise sei es Ihnen gegönnt, sich an prosperierenden Geschäftsmodellen zu versuchen. Doch wo sind all die Musikvideos hin? Nun, sie sind dort, wo alle sind: im Internet. Es gibt zahllose Webseiten, auf denen man Musikvideos suchen, finden und weiterleiten kann. Respektive gibt es zwar jede Menge dieser Webseiten, aber eigentlich nur eine: YouTube. YouTube ist die größte Musikvideosuchmaschine aller Zeiten. Und dort liegt das Problem. Mit Musikfernsehen hat eine Suchmaschine wenig zu tun. Suchmaschinen finden. Und zwar nur das, was man sucht. Bei diesem “Musikvideos à la carte” wird man vom Zuschauer zum Nutzer. Selbstbestimmung 2.0. Aber: Die Leute saufen ab in der Fülle der Inhalte und wollen doch nur eins, nämlich unterhalten werden. Vor lauter Musikvideos weiß ich gar nicht, welches ich schauen soll. Hilfe!

Herzblut und Schweiß der Macher

Eine zeitgemäße Interpretation des Musikfernsehens der 90er-Jahre ist also weit mehr als ein frei zugängliches Musikvideoarchiv im Internet. Keine Seelenlos-Internet-Musikvideoabspiel-Roboterseite. Musikfernsehen wird gemacht von und mit Menschen für Mitmenschen. Es lebt von einem Ray Cokes und einem Rocco Clein vor der Kamera. Und es lebt von Herzblut und Schweiß bei den Machern hinter der Kamera. Und Musikfernsehen hat Fernsehen nötig. Oft wurde das Fernsehen schon für tot erklärt. Aber Fernsehen nicht als Gerät, sondern eine Form der Mediennutzung wird es noch ewig geben. Fernsehen ist eine Art und Weise Medien zu konsumieren. Beim Fernsehen wird man unterhalten. Man unterhält sich nicht selbst. Allenfalls unterhält man sich darüber (aber nur, wenn es gut gemacht ist). Zeitgemäß und heute technisch möglich ist aber, dass ich den Programmdirektor anrufe. Und ihm sage, was ich gut und was ich schlecht finde und worauf ich Bock habe. Und weil der Programmdirektor so ein toller Mensch ist, hilft er mir dann, mich durch die Welt der Musikvideos zu bewegen. Man stelle sich vor. Last.fm trifft auf das MTV der 90er. Und dann auf den Konsumenten. Auf meinem Fernsehgerät. Das Musikfernsehen ist tot. Es lebe das Musikfernsehen.

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