Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Ernst-Wolfgang Böckenförde

Auf die Plätze, fertig, los!

Die Olympischen Spiele in Sotchi sind eine erstklassige Gelegenheit, gegen die Diskriminierung von Lesben und Schwulen anzutreten – nicht nur in Russland. Ein Boykott der Spiele dagegen wäre oberflächlich und selbstherrlich.

Zahlen, die bedrücken: Mehr als drei Viertel der Russinnen und Russen teilen schwulen- und lesbenfeindliche Positionen, während nur zwölf Prozent der Befragten Homosexualität als normal empfinden, ergab eine Umfrage des Levada-Zentrums. In den Nachrichten hören wir von regelrechten Jagden auf Schwule, die in Fallen gelockt, misshandelt und per Internetvideo bloßgestellt werden. Neben diese gesellschaftliche Homophobie tritt in Russland staatliche Diskriminierung. Obwohl Homosexualität offiziell legal ist, wird sie durch die Hintertür wieder kriminalisiert.

Seit dem vergangenen Sommer ist „Homosexuelle Propaganda“ in Russland verboten. Was das genau sein soll, bleibt unklar. So verbreitet das Gesetz vor allem Angst: Ist es Lesben und Schwulen erlaubt, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten? Ist es noch erlaubt, Aufklärungsarbeit zu Safer Sex zu leisten? In Bildern und Texten von Schwulen und Lesben zu berichten, die glücklich leben? Schon das Schwenken von Regenbogenflaggen genügte der Polizei St. Petersburg im vergangenen Sommer als Grund, 17 Menschen festzunehmen.

Ein Boykott als Show des Westens

Zu Recht kritisieren Menschenrechtsorganisationen in Russland und weltweit diese Gesetzgebung. Eine Petition mit mittlerweile über 175.000 Unterschriften fordert gar einen Boykott Russlands und die Verlegung der Olympischen Spiele im Februar von Sotchi nach Vancouver, wo 2010 die letzten Winterspiele stattfanden. Auch wenn derartige Maßnahmen unwahrscheinlich scheinen, haben mehrere Politikerinnen und Politiker erklärt, nicht nach Sotchi reisen zu wollen, darunter Bundespräsident Joachim Gauck, US-Präsident Barack Obama, Frankreichs Präsident François Hollande und EU-Justiz-Kommissarin Viviane Reding. Während Gauck, Hollande und Obama zu den Motiven für ihr Fernbleiben keine Stellung nahmen, hat Reding dies bei Twitter explizit mit der Situation der Minderheiten in Russland begründet.

Doch so attraktiv ein Boykott als Ausdruck des Protests erscheinen mag, er ist letztlich oberflächlich und selbstherrlich.

Oberflächlich ist der Boykott, weil er eine Show des Westens für das westliche Publikum ist, bei der es vor allem darum geht, die eigene Empörung darzustellen und die Distanz zu Russland herauszukehren. Nicht nach Russland zu fahren ist wesentlich einfacher, als in einem Dialog herauszufinden, wie den Betroffenen in Russland wirklich geholfen werden kann. Ginge es um die Zustände in Russland, wären auch die Einwände russischer Lesben- und Schwulenorganisationen, die sich überwiegend gegen einen Boykott aussprechen, stärker berücksichtig worden. Man stelle sich die Fernsehbilder vor, hätte zum Beispiel Bundespräsident Gauck Aktivistinnen und Aktivisten vor Ort getroffen und die Politik des russischen Staatschefs Wladimir Putin kritisiert.

Kehren vor der eigenen Tür

Wem das in der komplizierten Welt der Realpolitik zu weit geht, etwa weil man es sich mit Russlands Führung angesichts zahlreicher gemeinsamer Anliegen in anderen Politikfeldern nicht zu sehr verscherzen will, hätte immerhin eine Delegation offen lesbischer und schwuler Sportlerinnen und Sportler nach Sotchi schicken können. So hat Barack Obama die lesbische Ex-Tennisspielerin Bille Jean King und die lesbische Ex-Eishockeyspielerin Caitlin Cahow für die amerikanische Delegation nominiert.

Spätestens hier wird allerdings auch deutlich, wie selbstgerecht die Empörung über Menschenrechtsvergehen in Russland ist. Unbestritten ist die rechtliche und soziale Lage von Lesben und Schwulen in Deutschland besser als in Osteuropa. Doch die volle Gleichberechtigung ist auch in Deutschland noch nicht erreicht. Das beginnt bei Unterschieden im Steuerrecht (Stichwort Ehegattensplitting), führt zu absurden Angaben in der Steuererklärung (bei gleichgeschlechtlichen Paaren muss ein Partner als Ehemann und einer als Ehefrau firmieren) und endet nicht im Adoptionsverbot für schwule und lesbische Paare. Seit dem Amtsantritt der Großen Koalition 2005 sind Gleichstellungsschritte im Wesentlichen durch das Bundesverfassungsgericht in die Wege geleitet worden, parlamentarisch dagegen herrscht seit fast zehn Jahren Stillstand. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Kritik an Menschenrechtsvergehen in Russland und anderswo ist selbstverständlich trotzdem nötig und berechtigt. Man muss nicht immer zuerst vor der eigenen Tür kehren, sollte den Dreck vor der eigenen Tür aber auch nicht vergessen.

Denn nicht nur in Russland gibt es diffuse Ängste vor „Homo-Propaganda“. In Baden-Württemberg hat eine Bürgerinitiative über 65.000 Unterschriften gegen das Unterrichtsziel „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im Stundenplan gesammelt (die entsprechende Gegenpetition gibt es hier). Schaut man sich die Leserinnen- und Leserkommentare unter entsprechenden Medienberichten an, fällt auf, wie viele Menschen die absurde Angst haben, dass Jugendliche durch Aufklärungsarbeit schwul und lesbisch werden.

Ab auf die „Spielerfrauen“-Bank!

Und schließlich: Gerade im Sport liegt auch hierzulande noch einiges im Argen. Bislang gibt es keinen Profi-Fußballer, dessen Freund sich selbstverständlich auf die „Spielerfrauen“-Bank setzen würde – kein Wunder, bei dem Namen! Stattdessen ist „Schwule Sau“ in Stadien (und Schulen) nach wie vor ein beliebtes Schimpfwort. Das mutige Coming Out von Thomas Hitzlsperger wenige Wochen vor Sotchi zeigt: Solange sich Sportler in Deutschland erst nach ihrem Karriereende trauen, offen zu sich zu stehen und solange Politikerinnen und Politiker dann zwar gratulieren, gleichzeitig aber weitere rechtliche Gleichstellung verhindern, ist auch hierzulande der Kampf gegen die Intoleranz noch lange nicht gewonnen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Klaus-Michael Kodalle, The European, Ramon Rodriguez .

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