Herzlich willkommen in der Pornogesellschaft

von Tobias Kolb1.12.2016Gesellschaft & Kultur, Medien

So frei war Liebe noch nie. Endlich ist es möglich, Sexualität zumindest in Gedanken auszuüben. Und das nach eigenem Belieben und ohne Konsequenzen für das echte Leben. Ist diese „Liebe“ wirklich „frei“? Nur scheinbar.

Macht doch jeder

An Sexualität zu gelangen, ist heutzutage kein Kunststück mehr. Innerhalb von wenigen Sekunden kann man mit einigen Fingerbewegungen tausende gut aussehende, begehrenswerte Damen ins Blickfeld zaubern, die nur darauf warten, einen an ihrem Sexualleben audiovisuell teilhaben zu lassen. Pornografie ist ein Angebot, welches heute vor allem bei Männern auf große Nachfrage stößt. Fast jeder junge Mann schaut regelmäßig Pornos und der Erstkontakt findet oft spätestens mit dem Beginn des Teenageralters statt. Warum eigentlich nicht? Warum sollte man seine Sexualität nicht frei ausleben und einfach mal Spaß haben dürfen? Es tut doch niemandem weh und außerdem macht es ja auch jeder.

Der Punkt klingt prinzipiell nachvollziehbar. Was ist an Spaß und Sexualität verkehrt? An und für sich nichts, würde ich sagen. Aber geht es dabei wirklich um Spaß und um echte Sexualität? Und ist es wirklich so völlig ohne Konsequenzen, sein Hirn mit allerlei nackten Frauenkörpern und Bildern von teils mehr als sportlichen Sexualakten vollzupumpen? Stellt man den Konsumenten die Frage, ob sie sich wirklich wohlfühlen, wenn sie sich so etwas anzuschauen oder ob sie jederzeit damit aufhören könnten, so ist ein überzeugtes „Ja“ die seltenste Antwort.

Sexualität ist eine schöne Sache, ohne Zweifel. Und ja, es darf auch Spaß machen, wenn nicht sofort ein Kind dadurch gezeugt wird. Aber ist das wirklich der richtige Rahmen dafür? Gehört sie nicht eher in eine feste Beziehung, ja vielleicht sogar in eine Ehe? Ist es nicht schön und erstrebenswert, wenn zwischen zwei Menschen mehr ausgetauscht wird als Körperflüssigkeiten? Gehört Sexualität wirklich in die einsame Beziehung zwischen Mann und Computer, zwischen den Arbeiten für die Schule oder Uni und dem Spielen von Videogames?

Herzlich willkommen in der Pornogesellschaft

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir vom Fernsehen bis zum Internet und auch auf den Straßen von nackten oder halbnackten Körpern umgeben sind. Wo jede vierte Suchmaschinenanfrage auf Pornografie abzielt und ein erheblicher Teil der jungen Männer abhängig davon ist. Es hat nicht den Anschein, als ob es sich hierbei um Spaß handelt, auch nicht um Erfüllung. Das wird nicht nur in den Interviews mit den ausgestiegenen Darstellerinnen deutlich, sondern das wissen auch die Konsumenten, wenn sie sich mal ehrlich fragen, wozu sie das eigentlich machen.

Es geht dabei um ganz andere Dinge. Es geht um Geld und einen einfachen Weg, etwas Kostbares zu erreichen. Sexualität ist kostbar und sie ist ein menschliches Bedürfnis. Sie ist ein sehr intimer Teil einer partnerschaftlichen Beziehung und hat neben einem tiefen Vertrauen und einer innigen Liebe ihren Platz genau dort. Wer sie davon isoliert und unpersönlich im Internet konsumiert, macht sie billig.
Pornografie ist der leichte Weg und wie sooft der falsche. Sexualität zu konsumieren, ist egoistisch und stumpf. Und ganz abgesehen davon, dass Pornografie abhängig macht, unbefriedigend ist und Zeit verschwendet, zerstört sie auch die Phantasie. Es gibt nicht viele Frauen, die sich den Konkurrenzkampf und die Demütigung durch virtuelle Pornosternchen gerne antun wollen. Und jeder, der Pornos guckt, muss sich bewusst sein, dass es auch zwischen ihm und seinem aktuellen oder zukünftigen Partner stehen wird.

Wirklich freie Sexualität

Vielleicht ist es tatsächlich eine Überlegung wert, ob wir wirklich darauf angewiesen sind, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen. Anders gefragt: Ob uns Partnerschaft und Intimität nicht mehr wert sind als schnelle Triebbefriedigung und ob wir wirklich Teil einer derart widerlichen Struktur sein wollen, in der Sexualität eine Ware und Frauen nichts als Lustobjekte sind. Natürlich ist es einfacher und natürlich machen es alle. Aber haben wir es wirklich nötig, wie Schweine alles zu fressen, was uns vorgesetzt wird? Sind wir verpflichtet, ein jedes Stück nacktes Fleisch, das uns entgegengeworfen wird anzustarren? Ich denke nicht. Jeder hat die Wahl, auf die Fastfoodsexualität der Wegwerfgesellschaft zu verzichten und seine Partnerschaft nicht damit zu besudeln. Vielleicht kann wirklich freie Sexualität ja auch heißen: Sexualität, die durch Verzicht frei ist. Die nicht in Zwängen gefangen ist und die kein Produkt, sondern ein kostbares Geschenk für eine besondere Person ist. Diese Art von freier Liebe würde ich mir wünschen.

Der Text erschien auf “f1rstlife”:http://www.firstlife.de/

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