Manche verwechseln Colgate mit Golgotha. Karl Lehmann

Der König ist tot

Und das ist auch gut so.

Die Europäische Union gilt als bürgerfern, bürokratisch und unnahbar. Viele Menschen empfinden sie als eine entrückte, undurchschaubare Einrichtung und können sich nur schwer mit ihr identifizieren. Könnte hier eine EU-Monarchie Abhilfe schaffen? Wäre es sinnvoll, die EU mit einer Monarchie zu krönen, um Europa emotional erlebbar zu machen? Sollte man die Union mit dem Pomp und der Aura einer Monarchie beleben und ihr mit einem europäischen Monarchen ein Gesicht geben?

Eine Monarchie hat generell Vorteile. Zunächst ist ein Monarch, der qua Geburt ins Amt gelangt, im Allgemeinen in hohem Maße unabhängig. Im Gegensatz zu einem Präsidenten verdankt ein ­Monarch sein Amt keiner Partei oder Mehrheit, weshalb er besonders überzeugend über den Dingen stehen kann. Er stützt sich nicht auf einzelne Gruppen und kann so glaubwürdig das Ganze repräsentieren. In vielen Monarchien – man denke etwa an Belgien – ist es daher die Aufgabe der Monarchie, die Teile des Landes zusammenzuhalten und als Klammer zwischen den verschiedenen politischen, ethnischen, religiösen oder ­sozialen Gruppen zu fungieren. Diese besondere Integrationskraft einer Monarchie wäre gerade für die ­Europäische Union, die sich auf einer Vielzahl von Nationen, Sprachgruppen und Ethnien zusammensetzt, sicher ein Gewinn.

Eine Monarchie hat darüber hinaus den Vorzug, eine ausgeprägt identitätsstiftende Funktion auszuüben. Anders als ein Präsident mit beschränkter Amtszeit steht ein Monarch oft über Jahrzehnte an der Spitze des Staates und verkörpert so über das Kommen und Gehen der Regierungen hinweg die Kontinuität des Gemeinwesens – siehe etwa die Queen, die seit 1952 britisches Staatsoberhaupt ist. Auch repräsentiert niemand besser die Geschichte eines Landes als ein Monarch, dessen Familiengeschichte oft Hand in Hand mit der Historie des Landes geht. Die Monarchie wird so zur Projektionsfläche für Identitätsbildung und Patriotismus – auch dies sicher eine Funktion, die für die EU von Nutzen wäre.

Theoretisch Ja, Praktisch Nein

So gesehen könnte das nüchterne, profane und oft etwas unterkühlt wirkende Brüssel womöglich tatsächlich von der historischen Symbolkraft einer Monarchie und ihrer integrierenden Wirkung profitieren. Theoretisch könnte ein Königshaus helfen, die Identität der EU zu beleben, sie emotional erfahrbar zu machen und ihren Zusammenhalt zu stärken.

Und praktisch? Wäre überhaupt eine mit den Strukturen der EU kompatible Monarchie denkbar? Grundsätzlich schon. Eine Monarchie kann – die meisten Monarchien in Europa machen es vor – durchaus mit modernen demokratischen Institutionen in Einklang gebracht werden, solange die politische Macht der Monarchie beschränkt bleibt. Man könnte der EU also durchaus eine repräsentative monarchische Figur voranstellen, ohne dass Europäisches Parlament, Rat und Kommission abgeschafft werden müssten. Auch die föderale Struktur der EU stellt kein unüberwindbares Hindernis dar.

Man könnte sich beispielsweise eine Wahlmonarchie wie im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation vorstellen. Dort haben die sieben Kurfürsten den Kaiser gewählt, wobei ihre Wahl traditionell auf die Habsburger fiel. Auch in der EU könnten die Monarchen der sieben monarchischen Mitgliedstaaten (Dänemark, Belgien, Großbritannien, Luxemburg, Niederlande, Schweden und Spanien) aus ihrem Kreis einen europäischen Kaiser wählen. Vielleicht könnte man sich sogar auch hier darauf verständigen, die Wahl traditionsgemäß auf eine bestimmte Dynastie, nämlich die Windsors, fallen zu lassen – und so nebenbei die notorisch EU-skeptischen Briten endlich enger an Europa binden.

Ein vergleichbares Verfahren wird derzeit in den Vereinigten Arabischen Emiraten praktiziert, wo die sieben Emire des Bundesstaates regelmäßig unter sich ein Oberhaupt bestimmen und dabei stets den Emir vor Abu Dhabi küren. Anders verfährt man in Malaysia – ebenfalls ein monarchischer Bundesstaat. Hier wählen die Sultane und Gouverneure der Einzelstaaten nicht immer den gleichen, sondern reihum immer einen anderen Sultan zum König von Malaysia. Auch solch ein Rotationsverfahren unter den Monarchen Europas könnte man sich bei der Besetzung des EU-Throns natürlich vorstellen.

Absurde Flucht ins 19. Jahrhundert

Sollte man also wirklich eine EU-Monarchie installieren? Gott bewahre! Die EU mit einer Monarchie zu krönen, wäre ein Anachronismus. Eine Monarchie kann man – Spanien 1975 ist eine seltene Ausnahme – nicht einfach so einführen. Eine Monarchie braucht Tradition, an die sie ­anknüpfen kann. Eine solche gewachsene monarchische Tradition gibt es auf europäischer Ebene nicht. Eine EU-Monarchie wäre ahistorisch und künstlich – und sie könnte deshalb auch nicht die beschriebenen symbolischen, identitätsstiftenden und integrierenden Funktionen entfalten. Hinzu kommt, dass die EU nicht nur aus sieben Monarchien, sondern auch aus 21 Republiken besteht. Viele dieser Republiken, etwa Frankreich, haben sich historisch bewusst gegen die Monarchie entschieden, halten republikanische Werte hoch und würden sich niemals einer EU-Monarchie unterordnen.

Nein, es hilft nichts: Die EU kann ihre Identität nicht mittels einer Monarchie konstruieren. Das wäre eine hilflose, absurde Flucht ins 19. Jahrhundert. Die Union muss aus eigener Kraft und mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts, etwa im Zuge einer Verfassung, zu sich selbst finden. Die Monarchie ist als Staatsform nicht grundsätzlich zu verdammen – für die EU aber denkbar ungeeignet.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Matthias Heitmann, Andreas Kern, Sandra Wickert.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

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