Der Un-Europäer

Tobias Endler13.01.2015Europa, Politik

Barack Obama fehlt beim „Charlie Hebdo“-Marsch und alle wundern sich. Weshalb eigentlich?

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Paris trauert. Am Sonntag sind mehr als 1,2 Millionen Menschen auf den Straßen der Hauptstadt, darunter fast 50 Staats- und Regierungschefs aus aller Welt. Einer fehlt: Obama. Seine Abwesenheit sorgt für Kopfschütteln. Nur: Warum eigentlich?

Obama hat kein persönliches Verhältnis zu Europa – er hat es nie gehabt. Als Regierungschef sind wir Europäer für ihn, wie für die meisten Amerikaner (mit Ausnahme einiger Kuriositäten wie Donald Rumsfeld), selbstverständliche Freunde. Im knallharten geopolitischen Wettbewerb trifft es „Verbündete“ allerdings besser als „Freunde“, und auch wenn Obama gerne von Freundschaft spricht, sind wir aus amerikanischer Sicht schlicht verlässliche Partner. Das ist nicht zu unterschätzen.

Die Aufmerksamkeit der Weltmacht liegt allerdings anderswo, das lässt sich schon an der Anzahl der Besuche ablesen, die Obama Europa während seiner Amtszeit bislang abgestattet hat. Daraus folgt, dass die Abwesenheit Obamas und auch seines Vize Joe Biden nicht als Affront gegen Hollande oder gar Frankreich zu lesen ist. Wenn überhaupt, dann als Unterschätzung der Dimension, die der Marsch in Paris am Ende angenommen hat. Das wiederum zeigt, wie gut die derzeitige US-Regierung tatsächlich mit Europa und den dortigen Stimmungen vertraut ist, nämlich kaum.

Mit Nettigkeiten ist kein Staat zu machen

Der zweite Grund für Obamas Fernbleiben ist für uns Europäer schon schwerer zu schlucken (und die Bissen werden im Verlauf dieser Liste nicht kleiner werden). Der Präsident hat während seiner letzten beiden Amtsjahre kaum noch Zeit für das, was die Amerikaner so unumwunden wie zynisch „diplomatic niceties“ nennen. Obama weiß: Mit Nettigkeiten ist kein Staat zu machen. Stattdessen verwendet er seine Energie auf sein politisches Erbe. Nur konkrete Erfolge sichern ihm einen Platz in den Geschichtsbüchern und Rankings; letztere gibt es in den USA für Präsidenten wie für Universitäten und Schönheitschirurgen.

Dazu kommt, dass sich nach dem 11. September aus Sicht der Neuen Welt die Solidaritätsbekundungen der Alten nicht unbedingt in konkrete Unterstützung im Kampf gegen den Terror übersetzt haben. Ausgerechnet Amerikas mächtigster Rhetoriker misstraut den demonstrativen Gesten anderer. Auch die Kritik der US-Konservativen an Obamas Abwesenheit hat Kalkül: Schon jetzt bringen sich die Republikaner für den nächsten Wahlkampf in Stellung. Mit Obama soll das demokratische Lager geschwächt werden; wir haben es mit inneramerikanischen Machtkämpfen zu tun, weniger mit einer Anteilnahme am französischen Schicksal. Wenn schließlich Neokonservative wie Bill Kristol Obama vorwerfen, dem französischen Sozialisten Hollande nicht zur Seite gestanden zu sein, entbehrt die Situation nicht einer gewissen Komik.

Absolut nicht komisch ist die Tatsache, dass US-Geheimdienste Frankreich bereits vor geraumer Zeit auf die Gefahr eines terroristischen Anschlags hingewiesen hatten. Wie der „Spiegel“ im Oktober 2010 berichtet, nehmen die USA „die Bedrohung durch Attentate radikaler Islamisten in Ländern wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich ernst.“

Wenig später informieren die Amerikaner die Franzosen über die Teilnahme Said Kouachis an einem Al-Qaida Trainingslager im Jemen. Beide Kouachi-Brüder sind auf der No-Fly List der USA, hätten also dort nicht einreisen dürfen. Abhörspezialisten der hierzulande geschmähten NSA haben darüber hinaus kurz nach der Katastrophe vom Mittwoch Gespräche von Mitgliedern des sogenannten Islamischen Staats abgehört, in denen diese offenbar eine Terrorwelle für Europa ankündigen. Aus Sicht der USA gab es also eine realistische Chance, die Bluttaten zu verhindern. Während dieser dritte Grund auch aus amerikanischer Perspektive keine wirkliche Erklärung – und schon gar nicht irgendeine Rechtfertigung – für Obamas Abwesenheit darstellt, wird ein weiterer Aspekt in den dortigen Medien durchaus diskutiert und auch für relevant befunden.

Religion ist tabu

In den USA hält sich das Verständnis für satirische Provokationen à la „Charlie Hebdo“ in Grenzen. Wie David Brooks in der „New York Times“ schreibt, liefe das meiste, was das Magazin abgedruckt hat, in den USA unter _hate speech_, also Hassrede, und wäre daher zumindest in den klassischen Printmedien nie erschienen. Auch auf dem Universitätscampus hätten derartige Karikaturen keine Chance. Doch nicht einmal die Amerikaner selbst halten sich deshalb den Europäern für überlegen. Vielmehr ist die pragmatische Überlegung dahinter ein offenes Geheimnis: Manche privaten Universitäten kosten über 40.000 Dollar im Jahr, und keine Bildungseinrichtung riskiert es, ihre zahlungskräftigen Kunden wegen beleidigender oder auch nur ironisierender Bilder zu verlieren. Religion, wie auch Hautfarbe oder sexuelle Orientierung, sind in diesem Zusammenhang tabu.

Dieser humorlose Pragmatismus gilt ebenso im Außenpolitischen. Wenn sich Termine überschneiden, gleicht die Administration Interessen ab. In knapp zwei Wochen fliegt Obama nach Indien; seinen Außenminister Kerry hat er bereits vorgeschickt, um den Besuch vorzubereiten. Es wird um Atomkraft gehen, Waffenlieferungen, Solarenergie, den Klimawandel. Indien, das heißt: 1,2 Milliarden potenzielle Kunden für amerikanische Unternehmen. Die Supermacht will ihr Handelsvolumen mit dem asiatischen Riesenland längerfristig auf 500 Milliarden Dollar pro Jahr erhöhen. Amerikas Schwenk nach Asien hat großes wirtschaftspolitisches Gewicht, und er wiegt in den Augen der Regierung Obama schwerer als die Empörung europäischer Leitartikler.

Es gab eine moralische Verpflichtung für Obama, in Paris mitzulaufen. Eine faktische gab es nicht. Vielleicht kommt ja Kerry auf dem Rückweg aus Indien vorbei.

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