Zeit ist nur knapp im Verhältnis zu den Vorhaben. Rüdiger Safranski

Täglich grüßt das Opossum

Ob Hillary Clinton oder Condoleezza Rice: Es ist egal, wer Obama beerbt. Denn an den Eckpfeilern der US-Außenpolitik wird kein Präsident rütteln.

Bei meiner letzten USA-Reise, auf der Rückfahrt zum Flughafen in Washington D.C., blieb mein Mietauto mitten im ländlichen Virginia liegen. Ich hatte Glück, denn der Weg in das Provinzstädtchen Front Royal war nicht weit, und so machte ich mich im späten Abendlicht zu Fuß auf den Weg, um bei der dortigen Werkstatt anzuklopfen.

Plötzlich fiel mir auf, dass ich einen Begleiter hatte: Am Straßenrand neben mir schnürte ein junger Fuchs entlang – das erkannte ich auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen erschien mir der kleine Kerl etwas merkwürdig, aber was sollte es denn sonst sein? Tatsächlich lag ich gründlich daneben: Wie mir der Mechaniker später sagte, handelte es sich um ein Opossum. Ich hatte dieses Tier noch nie im Leben gesehen. Unsere Sehgewohnheiten aber sind hartnäckig, wir sehen, was wir kennen oder zu kennen meinen.

Obama ist Pragmatiker

Das gilt auch, wenn Deutschland dieser Tage über den Atlantik schaut und sich fragt, was nur aus Obamas Change geworden ist. Naturgemäß liegt unser Fokus auf der Außenpolitik Amerikas, und es schwingt immer eine Enttäuschung über die transatlantischen Beziehungen mit. Mit Obama hätte doch alles anders werden können?

Diese Enttäuschung ist die Kehrseite des Wunschtraums, von dem bei Tageslicht nicht viel übrig bleibt: Obama ist ein Kind des Pazifiks, geboren auf Hawaii, aufgewachsen in Indonesien. Während seiner Studentenzeit hat er Europa bereist und kennt es daher besser als sein Vorgänger. Als Präsident hat Obama jedoch keine automatische Disposition, seine Entscheidungen mit Rücksicht auf Europa oder gar in primärer Abstimmung mit Europa zu fällen. Er war auch nie der Anti-Bush, der Heilsbringer oder der „schwarze Kennedy“, als der er hierzulande zeitweise verklärt wurde.

Mit anderen Worten: Obama ist US-amerikanischer Präsident – und hierin durch und durch Pragmatiker. Ebenso pragmatisch ist das Wort vom Wandel zu verstehen; Ziel war nie die grundlegende Umwälzung alles Bisherigen. Vielmehr orientiert sich die Supermacht unverändert an den goldenen Regeln amerikanischer Außenpolitik, die auch schon Bush Jr. zu seiner Leitlinie gemacht hatte – und die bis auf John Quincy Adams zurückgehen.

Ja, diese werden schrittweise den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts angeglichen, und daran wird auch Obamas Nachfolger(in) weiter arbeiten. Die Grundlagen bleiben aber bestehen, weswegen Beobachter von außen einem Trugbild aufsitzen, wenn bei der Frage nach der Besetzung des mächtigsten Amtes der Welt nun wieder die Frage nach Amerikas Neuausrichtung im Raum steht. Hillary Clinton? Jeb Bush? Oder gar Condoleezza Rice? Wie auch Obama heute werden sie den drei Maximen folgen, die Adams schon in den ersten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vorgegeben hatte, und die das Agieren Amerikas auf dem Erdball bis heute prägen: Über allem steht die Errichtung einer US-amerikanischen Hegemonie in der westlichen Hemisphäre (Stichwort militärische Überlegenheit).

Ein Opossum bleibt ein Opossum

Um dieses Ziel zu erreichen, ist Amerika bereit, mit anderen zusammenzuarbeiten, behält sich aber dezidiert das Recht vor, im Alleingang zu agieren. Das geht umso besser, je geringer die Abhängigkeit von anderen ist, und Abhängigkeit misst sich für die Supermacht in Barrel. Amerika hat unter Obama das Fracking mehr denn je vorangetrieben. Ergänzt – und oftmals verschärft – wird dieser Unilateralismus durch den Anspruch Amerikas, bei Bedarf auch präemptiv zu handeln, soll heißen: im Konfliktfall dem Gegner zuvorzukommen und diesen auszuschalten, bevor er Amerika gefährlich werden kann. Diese Taktik rechtfertigt einen Angriff auch dann, wenn lediglich die Annahme besteht, dass Amerika in Zukunft ein Gegner erwachsen könnte, den es folglich schon jetzt auszuschalten gilt: Stichwort Drohnenkrieg.

All das ist nicht neu. Dem späteren Präsidenten Adams war bereits 1814 in aller Härte die Verletzlichkeit seines Landes vor Augen geführt worden. Die Briten legen im Zweiten Unabhängigkeitskrieg Washington in Schutt und Asche, und Adams erkennt schockiert, dass die USA ein riesiges Territorium zu verteidigen haben, ihnen im Ernstfall aber die Mittel dazu fehlen. Die Lektion ist gelernt: Von der Amtszeit Wilsons abgesehen, bilden Hegemonie, Unilateralismus und Präemption fortan das Grundgerüst amerikanischer Außenpolitik bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

Unter FDR weitet Amerika seinen Hegemonialanspruch ins Globale aus: Der Luxus geographischer Abschirmung ist mit Pearl Harbor vorbei. Allerdings glaubt Roosevelt nicht daran, dass dieses ehrgeizige Ziel im Alleingang zu erreichen ist. Stattdessen setzt er auf die Zustimmung anderer Nationen und initiiert damit die tragende Rolle der USA in internationalen Organisationen wie der UNO und der NATO. Dieser Zugang Amerikas zur Welt wird scheinbar zur Regel, stellt aber tatsächlich die Ausnahme dar und ist schon in den 1990er-Jahren, spätestens aber mit den Terroranschlägen des 11. September wieder vorbei.

Für George W. Bush und seine Berater war klar: Weder Diplomatie (die Grundlage multilateralen Vorgehens) noch Abschreckung oder Eindämmung – die zentralen Kategorien des Kalten Krieges – hätten die Katastrophe 9/11 verhindern können. Amerika kehrt zu den Eckpfeilern einer Außenpolitik zurück, und seither gibt es keinen Grund zur Annahme, dass sich hieran etwas ändern wird.

Ein Opossum bleibt ein Opossum, wir müssen es nur als solches erkennen lernen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Wolf-Christian Weimer, Slavoj Žižek, Nils Heisterhagen.

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