Afrika – die Herausforderung annehmen!

Tobias Büttner19.05.2019Politik

Aus heutiger Sicht erscheint die Annahme eines pessimistischen Entwicklungsszenarios für Subsahara-Afrika als realistisch. Die Fol-gen wären dramatisch. Zur Abwendung bedarf es einer wahrhaft groß dimensionierten Anstrengung, die aus der Idee des Risikomanagements agiert.

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Afrika ist in den vergangenen Jahren in den Fokus gerückt, auch durch die entsprechende G20-Initiative „Compact with Africa“ in 2017. Die damit verbundene Aufmerksamkeit für unseren Nachbarkontinent nährt die Hoffnung, dass Afrika tatsächlich zum oft proklamierten Kontinent der Chancen wird. Wenn man sich nun mit den Entwicklungsszenarien Subsahara-Afrikas im 21. Jahrhundert auseinandersetzt, zeigt sich jedoch, dass aufgrund massiver Stressfaktoren auch der Eintritt eines pessimistischen Szenarios als realistische Variante erscheint. Die hier formulierten Gedanken sollen Afrika in keiner Weise schlecht reden und die positiven Entwicklungen der letzten Jahre konterkarieren, wie die substantielle Steigerung des Zugangs zu sicherem Trinkwasser oder erste Erfolge bei der Armutsbekämpfung. Wir wollen weder dramatisieren, noch schönreden.

Im Einklang mit den Weckrufen des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, gilt es, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen, und präventiv eine Verwirklichung dieses Szenarios abzuwenden. Um bei der Prävention erfolgreich zu sein, sollte jetzt die Phase der Absichtsbekundungen im Rahmen medienwirksamer Gipfeldiplomatie verlassen und das Vorgehen nochmals präzisiert werden. Angemessen erscheint vor allem ein Ansatz aus der Idee des Risikomanagements, der die Auswirkungen der Stressfaktoren, denen Afrika ausgesetzt ist, möglichst vollständig berücksichtigt, um der Herausforderung gerecht zu werden. Entscheidend ist, die Risikoanalyse, Prävention und Mitigierung ganzheitlich anzugehen; auch sollte die Dimension der notwendigen Maßnahmen bestimmt werden, und dies auf Jahre und Jahrzehnte im Voraus. Vor unserem beruflichen Hintergrund im Groß- und Katastrophenschadenbereich betrachten wir die Lage und künftige Entwicklung Afrikas gerade aus dieser Perspektive.

Doch woraus resultiert die Annahme eines pessimistischen Entwicklungs-Szenarios? Treiber sind insbesondere das Bevölkerungswachstum und der Klimawandel, und dies in einem von Konflikten geprägten Umfeld in vielen Ländern Afrikas. Der von den Vereinten Nationen prognostizierte Anstieg der Bevölkerung Afrikas von heute 1,2 auf 2,5 Milliarden Menschen im Jahre 2050 stellt aufgrund der von Armut und Verelendung gezeichneten Lage in Teilen des Kontinents eine gigantische Herausforderung dar; hierbei bildet das urbane Wachstum – alleine die Zahl der Stadtbewohner steigt in diesem Zeitraum um 0,8 Milliarden Menschen – eine eigenständige Facette. Und auf einem Kontinent, dessen Wirtschaft zum weit überwiegenden Teil von Ökosystemdienstleistungen und dem Agrarsektor abhängt, kann der Klimawandel als ein Risikoverstärker mit Rückwirkung auf weitere Stressfaktoren gesehen werden. Zudem erschwert die Vielzahl gewaltsamer Konflikte in den betroffenen Regionen ein normales Wirtschaften; die andauernde Gewalt verstärkt die Instabilität in häufig ethnisch fragmentierten Staaten, so dass essentielle Verwaltungsfunktionen nicht gewährleistet sind.

Vorhersehbare Folge des Bevölkerungsanstiegs ist eine deutliche Erhöhung von Zahl und Umfang der Hungerkrisen und Hungersnöte. Zwar gibt es keine direkte Proportionalität zwischen Bevölkerungsanstieg und Hunger; gleichwohl liegt die Annahme nahe, dass eine Verdoppelung der Bevölkerung auf hohem absoluten Niveau und dies innerhalb einer Generation und bei schwieriger Ausgangslage – schon heute sind laut FAO 26 Prozent der Afrikaner südlich der Sahara unterernährt – mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Zuspitzung führt. Bei diesem Aspekt sind die Limitierungen der Ernährungssicherheit durch den fortschreitenden Klimawandel noch nicht einmal berücksichtigt. Auch ist absehbar, dass der Ausbau der städtischen Infrastruktur wie beispielsweise Entwässerungssystemen mit dem urbanen Wachstum bei weitem nicht Schritt halten wird; unmittelbare Folge könnte für Millionen Menschen eine schlechte, gegebenenfalls katastrophale sanitäre Versorgung sein. Im Zuge des Klimawandels wird nach Projektionen des Weltklimarates IPCC und der Weltbank in den kommenden Jahrzehnten die Wahr-scheinlichkeit für große Überschwemmungsereignisse besonders im Osten Afrikas deutlich zunehmen. Bei einem globalen Temperaturanstieg um zwei bis drei Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts werden weite Teile West- und Zentralafrikas nach einer neueren Studie für Menschen lebensfeindliche Klimabedingungen aufweisen, bei einem Business-as-usual-Szenario wird dieses Gebiet auch Teile des südlichen Afrika und der ostafrikanischen Küsten einschließen; ganze Regionen Afrikas würden im Laufe dieses Jahrhunderts immer weni-ger als Lebensraum geeignet sein. Für die Hauptarten des Ackerbaus, insbesondere Mais, werden bis Mitte des Jahrhunderts bereits substanzielle Ertragsverluste geschätzt, die in Teilregionen größer 30 Prozent betragen können. Tendenziell ist auch von einer Verstärkung der Konfliktsituation auszugehen: Überbevölkerung, fehlende Ernährungssicherheit und Ressourcenknappheit könnten zu einer weiteren Eskalation der Gewalt führen, die in der Spitze auch die Auslösung von Vernichtungskämpfen zwischen Ethnien wie das Genozid im Jahre 1994 in Rwanda umfassen kann. Im Ergebnis könnte gerade das Aufeinandertreffen mehrerer massiver Stressfaktoren zu einer Verelendung weiter Teile Afrikas, zu Hungersnöten und Gewalteskalationen nicht gekannten Ausmaßes führen. Die schon heute hohe Migration innerhalb Afrikas könnte sich durch ein regional unterschiedliches Bevölkerungswachstum sowie durch zusätzliche, klimawandelbedingte Massenwanderungen nochmals deutlich erhöhen. Es bedarf wenig Phantasie um abzuschätzen, welche Wanderungsbewegungen sich einstellen würden, wenn sich in west- und zentralafrikanischen Großregionen zunehmend lebensfeindliche Klimata entwickeln sollten. In einer aktuellen Studie der Weltbank wird im pessimistischen Szenario von bis zu 70 Millionen klimabedingten Migranten innerhalb Sub-Sahara Afrikas im Jahre 2050 ausgegangen.

Kann das pessimistische Szenario als realistisch bewertet werden? Geht man von der vorhergesagten demographischen Entwicklung aus, so stellt die Verdoppelung der Bevölkerung innerhalb von 30 Jahren um 1,2 Milliarden Menschen eine signifikante Änderung der Gegebenheiten in Afrika dar. Neben der rein quantitativen Komponente ist wichtig, dass dabei vor allem urbane Zentren sprungartig anwachsen. Beim zweiten Treiber, dem Klimawandel bestehen Unsicherheiten bezüglich des Erfolgs der Klimapolitik, wobei die Anstiege der globalen Mitteltemperatur für die diversen Szenarien über die kommenden zwei Jahrzehnte sehr ähnlich verlaufen, erst danach spreizen sich die Erwärmungspfade stärker. Auch über das Ausmaß der Klimawandelfolgen besteht Unsicherheit; da jedoch bereits bei einem mittleren Szenario von großskaligen Änderungen der Lebensbedingungen auszugehen ist, ist auch hier die Annahme schwerwiegender Auswirkungen gerechtfertigt.

Zeichnen sich gegenläufige Trends ab, Entwicklungen, die zu einer Entspannung der Situation führen könnten? Eine Trendumkehr bei den hier identifizierten Treibern des pessimistischen Szenarios ist im 21. Jahrhundert freilich nicht komplett ausgeschlossen, wenn auch gegenwärtig noch nicht absehbar. Der Megatrend des frühen 21. Jahrhunderts in den industrialisierten Teilen der Welt, die Digitalisierung, wird die technologischen Rahmenbedingungen mehr und mehr auch in Afrika bestimmen. Dass dies zu einer grundlegenden Verbesserung auch der elementaren Lebensbedingungen führen wird, ist zumindest gegenwärtig noch nicht erkennbar.

Was ist von Afrikanern und von Unterstützern außerhalb von Afrika zu tun, um eine Verwirklichung dieses Szenarios zu verhindern? Aus Risikomanagementsicht geht es um Schadenprävention, beziehungsweise Schadenmitigierung. Hier gilt, nicht überraschend: Das unter Einbeziehung möglichst vieler Informationen als richtig Erkannte tun und dies in angemessenem und ausreichendem Maß, und das dementsprechend Kontraproduktive unterlassen. Es versteht sich von selbst, dass dies aus einer Perspektive formuliert ist, die nicht an spätkolonialem Reden „über“ Afrika und Afrikaner teilnimmt. Ein entscheidender Faktor ist, das Erfahrungswissen, wo immer vorhanden, anzuwenden. Folgende Maßnahmen erscheinen unabdingbar: Das immense Bevölkerungswachstum führt zur Erfordernis, noch mehr Menschen ausreichend zu ernähren und jedes Jahr 18 bis 20 Millionen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Die Compact with Africa-Initiative zielt auf wirtschaftliche Entwicklung über die Steigerung der Produktivität, im Einzelnen über Investitionen in Unternehmen und Infrastruktur. All dies ist vor nunmehr zwei Jahren angestoßen worden; im Sinne einer Schadenverhütung fehlt es noch an einem wesentlichen Faktor – mit den Worten des deutschen Bundesentwicklungsministers Gerd Müller: „Wir müssen die Dinge in einer völlig neuen Dimension angehen.“ Dabei sollten Fehler der Vergangenheit, auch in anderen Welt-regionen, nicht wiederholt werden: Die Initiativen für wirtschaftliche Entwicklung müssen von vorneherein aus den kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen vor Ort heraus konzipiert sein und eine Schädigung der Umwelt vermeiden. Und hinsichtlich des Klimawandels gilt: Auch in Subsahara-Afrika wird sich zeigen, ob das Pariser Abkommen erfolgreich sein wird. Gleichzeitig sollte eine afrikaspezifische Klimapolitik die Steigerung der Resilienz im Zusammenhang regionaler und lokaler Anpassungs-maßnahmen umfassen. Eine ebenfalls große Herausforderung im Geflecht vielfältiger Stressoren stellt die dringend erforderliche Befriedung der zahlreichen Gewaltkonflikte in Afrika dar. In seinem Buch „Die unterste Milliarde“ aus dem Jahre 2007 beschäftigt sich der britische Entwicklungsökonom Paul Collier ausführlich mit der von ihm als „Konfliktfalle“ bezeichneten Situation. Collier plädiert im Ergebnis für Interventionen in spezifischen Situationen, etwa zur Wiederherstellung der Ordnung eines zerbrochenen Staates. Ob eine solche gerechtfertigt ist, sollte am Völkerrecht und den Interessen der Menschen vor Ort gemessen werden – es kann nicht um einen idealistischen Ansatz gehen, etwa aus westlicher Sicht wünschenswerte staatliche Verhältnisse zu erreichen. Wie schwierig die Befriedung ist, zeigt beispielhaft die seit 2012 laufende Intervention in Mali. In jedem Fall wird man künftig die Einbeziehung gegenwärtig ausgeschlossener Gruppen in den Mittelpunkt der Bemühungen stellen müssen. Gerade diesen Aspekt beleuchtet eine von Weltbank und Vereinten Nationen in 2018 herausgegebene Studie („Pathways for peace“).

Was hat im Sinne eines systematisierenden Resümees zu geschehen, um das pessimistische Szenario abzuwenden? Klar ist: Eine Abfolge punktueller, zum Teil halbher-ziger Einzelmaßnahmen wird nicht ausreichen, um die Verwirklichung dieses Szenarios abzuwenden. Im Rahmen eines Ansatzes aus dem Risikomanagement folgt aus einer Situationsanalyse und der exakten Bestimmung eines realistischen Zielbildes eine Maßnahmenplanung und umsetzung, die durch Monitoring und fortgesetztes Lernen begleitet ein auf stetige Verbesserung gerichtetes Handeln ergibt. Auf dieser Grundlage bedarf es aus unserer Sicht organisatorisch eines in jeder Hinsicht professionellen und groß dimensionierten Projektes, das in Afrika mit Anschluss an die regionale und lokale Kultur verankert ist. Zu-sätzlich ist ein unterstützender Anschub durch die Staaten Europas notwendig, beispielsweise durch den Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur im Bereich erneuerbarer Energie. Was bedeutet dies im Einzel-nen?

(1.) All die bisherigen Initiativen zur Unterstützung Afrikas hin zu einer nachhaltigen Entwicklung sollten in ein institutionalisiertes Großprojekt – koordiniert von der Afrikanischen Staatengemeinschaft und den Vereinten Nationen – eingebettet werden. Dies ist ansatzweise zwar bereits in der Vergangenheit erfolgt, etwa bei der G20-Initiative Compact with Africa, die an frühere Aktivitäten angeschlossen hat, gleichwohl fehlt noch ein entscheidender Schritt: Aus einem realistischen Zielbild heraus sollten die erforderlichen Maßnahmen dimensioniert werden! Klar dürfte schon jetzt sein, dass ein Großprojekt „Africa 21“ einer viel größeren Dimension bedarf als bisherige Ansätze. Insofern ist es durchaus mit der chinesischen „Neuen Seidenstraße“ vergleichbar – vielmehr, ein „weniger“ wäre angesichts der Größe der Herausforderung kaum erklärbar. Die klare Festlegung der erforderlichen Größenordnung wäre auch für die Kommunikation des Projekts entscheidend – als Grundlage für die Motivation und Akzeptanz den Menschen in Afrika, aber auch in Europa.

(2.) Das Großprojekt „Africa 21“ wird nur „leben“, wenn es regional und lokal verankert ist. Dies bedeutet nicht nur, dass die Bewohner Afrikas und ihre Regierungen die Projektstruktur wesentlich „ausmachen“, sondern dass die über das Projekt erzielten Ergebnisse, wie etwa das Aufsetzen neuer Wirtschaftsformen, ethnokulturell den Menschen in Afrika entsprechen müssen. Anders gesagt: Es geht nicht um einen „rollout“ westlicher Lebensformen.

(3.) Zudem könnten die Staaten Europas für die nachhaltige Entwicklung Afrikas eine wichtige Grundlage legen. Von größtem Nutzen für einen Kontinent, der bis zum heutigen Tage nur eine eingeschränkte Stromversorgung hat, wäre ein großskalierter Ausbau erneuerbarer Energien. Entscheidend hierfür dürfte zunächst ein Schritt nach vorne bei der Investitionssicherheit in den fraglichen Ländern sein, verknüpft mit der Etablierung sozialer und ökologischer Standards für Infrastrukturprojekte. Technische und finanzielle Unterstützung hierbei durch die Staaten Europas wären dann ein sehr nützlicher Beitrag für unseren Nachbarkontinent, die Verwirklichung des pessimistischen Szenarios abzuwenden.

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