Nicht so schwarz

von Tobias Betz2.11.2009Außenpolitik, Gesellschaft & Kultur, Innenpolitik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft

Er ist einer der ihren, aber er kann doch nicht nur sie vertreten: Barack Obama ist ein Präsident, der jenseits von Hautfarbe denkt und handelt. Damit sichert er sich politisch ab, die Probleme der schwarzen Unterschicht bleiben vorerst ungelöst.

Amerika ist manchmal wie ein alter Fernseher. Meist recht zuverlässig, doch zuweilen mit einigen Macken. Auf einmal ist die Farbe weg und übrig bleibt ein schwarz-weißes Bild. Es zeigt ein Land, das in Teilen tief gespalten ist, das zerfällt in schwarze und weiße Teile. Das Bild von dem einen Amerika, das in allen Farben schimmert, erscheint dann ziemlich fern. Seit der Bürgerrechtsbewegung in den 60er-Jahren sind die Bildstörungen seltener geworden, manches hat sich verbessert in den Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen. Doch es gibt noch immer Probleme, auch die alten Denkmuster sind nicht völlig verschwunden, und so muss Barack Obama, der historische Präsident und Farbenspieler, ganz vorsichtig sein, wenn das Bild mal wieder kippt, man nur noch schwarz-weiß sieht. Obama hat dies früh erkannt. Schon im Wahlkampf gab er nicht den schwarzen Kandidaten, sondern einen Bewerber um das Präsidentenamt, der über der Frage nach Hautfarbe steht. Er wollte alle Amerikaner ansprechen, und es gelang. Wohl auch, weil er als Sohn eines Kenianers und einer Weißen aus dem Mittleren Westen der USA beide Seiten vereint. Auch in seinen ersten Monaten im Amt des Präsidenten blieb Obama seiner Rolle treu: Er will “post racial” sein, ein Präsident für Schwarz und Weiß. Doch im Alltag ist das manchmal schwer. Als der schwarze Harvard-Professor Henry Louis Gates von einem weißen Polizisten vor seinem eigenen Haus verhaftet wurde, legte Obama seine Zurückhaltung ab, verurteilte das Verhalten der Polizei, nannte es “dumm”. Der mediale Aufschrei war groß: Darf ein Präsident so eindeutig Stellung beziehen? Ist das wirklich der Präsident aller Amerikaner? Die Diskussion begann, Obama zu schaden. Erst als er seine Bemerkung zurücknahm und Professor und Polizist zu einem Versöhnungsbier ins Weiße Haus bat, verschwand das Thema aus der Öffentlichkeit. Zurück blieb vor allem Enttäuschung bei manchen Schwarzen. “Schwarze können nicht gewinnen. Du musst Präsident sein und ein Harvard-Professor sein, nur um dich gegen einen unbekannten Polizeibeamten zu stellen, und wir können immer noch nicht gewinnen”, beklagte der schwarze Soziologe Michael Eric Dyson.

Lügen-Vorwurf im Kongress

Der Sommer verschärfte die Debatte. Konservative Aktivisten nutzten Bürgerforen und Demonstrationen, um im schrillen Ton Stimmung gegen die geplante Gesundheitsreform zu machen. Auf Plakaten wurde Obama mit Hitler verglichen, als Sozialist und Lügner bezeichnet. Die alte Fahne der Südstaaten war zu sehen, auf manchem Plakat wurde Obama aufgefordert, er solle zurück nach Afrika gehen. Im Kongress sorgte der Republikaner Joe Wilson aus South Carolina mit einem Zwischenruf für einen Eklat. Als Obama über illegale Einwanderer und die geplante Gesundheitsreform sprach, schrie Wilson dem Präsidenten entgegen: “Sie lügen.” Ein schwerer Verstoß gegen die Sitten im Abgeordnetenhaus. Für Ex-Präsident Jimmy Carter war es mehr: ein Beispiel für rassistisch motiviertes Handeln. Und der Präsident? Der beeilte sich, das böse Wort vom Rassismus wieder einzufangen, und nahm die Entschuldigung von Wilson ohne Zögern an. Auch wenn es gegen ihn persönlich geht, hält er an seinem Kurs fest: Er positioniert sich nicht, schweigt zur Debatte, welche Rolle seine Hautfarbe in der Politik spielt. Wie er sich selbst sieht, darüber kann man nur spekulieren. Eines scheint aber vielen Experten klar: Auch wenn er es will, er kann nicht anders. Er muss als Präsident vermeiden, allzu schwarz zu sein. “Solange Obama einen Mittelweg fährt, wenn er versucht, es vielen recht zu machen, werden diese Ressentiments nicht stärker werden, aber sollte er sich auf Partikularinteressen der Schwarzen konzentrieren, dann würde ihm das wahrscheinlich politisch schaden”, sagt Simon Wendt vom Heidelberg Center for American Studies. Aber müsste er nicht gerade als erster schwarzer Präsident sich mehr in die Diskussion einschalten, sich mehr um die Probleme der schwarzen Bevölkerung, vor allem aus der Unterschicht, kümmern? Sie machen nur rund 13 Prozent der amerikanischen Bevölkerung aus, aber stellen fast die Hälfte aller Gefängnisinsassen. Sie verdienen im Durchschnitt immer noch weniger als Weiße, schaffen es seltener in Top-Positionen in Politik und Wirtschaft, fühlen sich benachteiligt in der Gesellschaft. Und momentan haben sie es besonders schwer. Die Wirtschaftskrise habe die Situation für viele Afroamerikaner verschlechtert, so Experte Simon Wendt. “Die Arbeitslosigkeit ist in Krisenzeiten noch immer für Afroamerikaner größer als für die weiße Bevölkerung.” Nach fast einem Jahr Präsidentschaft gibt es noch immer viel Hoffnung in diesen jungen Präsidenten. Doch auch Zweifel, ob er Wandel bringen kann. Noch immer kämpfen amerikanische Truppen in Afghanistan, sitzen Gefangene in Guantánamo, warten Homosexuelle auf mehr Rechte und der linke Flügel der Demokraten auf eine Gesundheitsreform und mehr soziale Gerechtigkeit. Auch manche Afroamerikaner sind enttäuscht von ihrem Präsidenten. Einer mit ihrer Hautfarbe, der dann doch nichts bewegt. Er muss sie enttäuschen. Er muss sich weiter zurückhalten, will er nicht seine Wiederwahl 2012 gefährden. Bislang ist er nur ein Symbol für ein Amerika, das Weiße und Schwarze miteinander versöhnt. Und ein Vorbild für die Jugend, die begeistert sein Konterfei auf T-Shirts trägt. Auf handfeste Verbesserungen für ihr Leben müssen viele Afroamerikaner dagegen weiterhin warten.

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