Hollywood ist ein Ort, wo sie dir 50000 Dollar für einen Kuß und 50 Cent für deine Seele zahlen. Marilyn Monroe

Das Monster von nebenan

Natürlich müssen wir Hitler vermenschlichen. Denn wenn wir ihn zum Superschurken machen, entlasten wir uns von unserer eigenen Schuld.

Rund 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs existiert die Figur „Adolf Hitler“ in zwei Versionen. Neben den historischen Adolf Hitler ist eine zweite Person getreten: der medial genutzte Adolf Hitler. Dieser Vorgang ist für eine historisch relevante Gestalt nicht ungewöhnlich, so wenig wie die Tatsache, dass der Medien-Hitler inzwischen aller wissenschaftlichen Bemühungen zum Trotz den historischen Hitler deutlich überlagert, so wie vermutlich der Medien-Napoleon den echten. Interessant ist die Konsequenz: Nicht der echte, sondern der Medien-Hitler wird heute als „personifiziertes Böses“ genauso gefürchtet wie konsumiert.

Dabei ist der Medien-Hitler ein Kunstprodukt, geschaffen aus der Nachkriegsformel: Ein besonderes Verbrechen erfordert einen besonderen Verbrecher. Das ist zwar nicht logisch und wahrscheinlich sogar schlicht falsch, es klingt aber überzeugend und war in den Nachkriegsjahren ausgesprochen praktisch. Unter dem Eindruck der atemberaubenden Schuld brauchte man auch atemberaubend Schuldige, und „man“ bedeutet hier: die Ankläger genauso wie die Deutschen selbst. Also konzentrierte man die Schuld: Von 2,5 Millionen entnazifizierten Personen wurden gerade mal 1,4 Prozent als Hauptschuldige identifiziert – auf diese Menge konnten sich Alliierte und Deutsche problemlos einigen. Die Verantwortung lag also bei diesen 1,4 Prozent, und der Superschurke war Hitler. Hier liegt der Ursprung des Medien-Monsters, das uns bis heute begegnet.

Hitlertainment: ein besonderes Unbehagen

Es war das Monster Hitler, das den Deutschen damals das Zusammenleben, das Sich-in-die-Augen-sehen-können und unseren Nachbarländern die Kooperation mit uns erleichterte. Und es ist das Monster Hitler, das heute Hitlertainment erst möglich macht: Niemand will von Godzilla zertreten werden, aber man gruselt sich gern dabei, weil man weiß, dass es keinen Godzilla gibt. Hitler ist als Erzählfigur, als „größter Massenmörder der Geschichte“, als „das personifizierte Böse“ ­verwendbar, weil wir genau wissen, dass es in der Realität keine Menschen gibt, die böser wären als, sagen wir: Anders Breivik. Immer wenn wir nüchtern nachdenken, wissen wir: Der Superschurke muss ergo eine Formel sein, auf die wir uns geeinigt haben. Und die auch noch den Vorteil hat, immer lustiger zu werden.

Es ist ein altes Gesetz, dass Monster mit der Zeit unglaubwürdig werden. Hollywood löst dieses Problem, indem es sie immer wieder neu erfindet: ­Godzilla 1960, 1990, heute. Nosferatu wird ­Dracula wird ­Coppolas Dracula wird „Underworld“. Mit dem Monster Hitler ist es genauso, aber die Überarbeitung verbietet sich: Hitler, der Schreihals in den Pluderhosen, der Mann mit dem albernen Hitlerbart und der Hitlerfrisur, der Mann, der tatsächlich jeden Tag herumläuft wie Hitler (!), wird erst altmodisch, dann zur Spottfigur, zu der man das Grauen mit ­erhobenem Zeigefinger eigens erwähnen muss. Möglich ist auch ein mahnendes Geleitwort, nach dem dann munter gelacht werden darf.

Hitler ist auf dem besten Weg, eine ähnliche Nutzbarkeit als politischer Spottschurke zu erreichen wie der Engländer Guy Fawkes. Mit einem Unterschied: ­Hitlertainment löst noch immer ein besonderes ­Unbehagen aus.

Dieses Unbehagen hat viele Formen: die Diskussion darüber, „ob man das darf“. Das Gefühl, dass ein Witz mit Hitler ein besonders böser Witz sei. Der Eindruck, dass hinter dem Obersalzberg-Hitler in „Switch Reloaded“ etwas steckt, was ganz und gar nicht witzig ist. Dieses Unbehagen ist die zweite Folge des Monsterkults.

Das Monster torpediert die Aufarbeitung

Es resultiert aus dem uns allen gemeinen Wissen, dass der Medien-Hitler zwar fiktiv ist, die Verbrechen in all ihrer Entsetzlichkeit es jedoch nicht sind. Und dass der Superschurke, den wir gerade konsumieren, vielleicht als Stromberg-Parodie taugt, als ­Godzilla, als Juden-Dracula – aber nicht als Erklärung für den problemlosen Betrieb echter Konzentrationslager. Das Unbehagen am Hitlertainment kommt, weil wir ständig an die Verbrechen erinnert werden – und an deren unzureichende Aufarbeitung.

Moment. Unzureichende Aufarbeitung? Gibt’s das? Wir wissen doch längst, dass Hitler nicht an allem schuld war, oder? Haben sich nicht spätestens die 68er tapfer bemüht, die Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten erst heraus- und dann aufzuarbeiten?

Das stimmt alles. Doch den Superschurken haben wir trotzdem behalten. Bis heute schrecken alle – inklusive der 68er – davor zurück, Hitler parallel zum wachsenden Anteil der Bevölkerung an den Verbrechen auf ein Normalmaß herunterzufahren: Bis heute ist der Vorwurf, Hitler zu „vermenschlichen“, zu „verharmlosen“, rasch bei der Hand, und jedes Mal hilft dieser Vorwurf vor allem, das Monster zu konservieren – und eine nachhaltige Verarbeitung der Vorgänge im Dritten Reich zu torpedieren.

Denn das Monster Hitler überlagert längst jede sinnvolle Arbeit. Wir befassen uns mit seinen Frauen, Hunden, Ärzten, wir diskutieren über sein langweiliges Buch und verbieten es. Alles, was mit ihm zu tun hat, ist uns wichtiger als die Menschen, die Hitler gewollt, gewählt und bestätigt haben. 1933, 1936, 1938, mit nicht immer demokratiekonformen, aber stets glaubwürdigen, atemberaubenden Mehrheiten. Menschen, wie es sie heute in Deutschland gibt, in Europa, überall: normale Menschen eben.

Hier liegt die eigentliche Hausaufgabe, die wir zu erledigen hätten und vor der wir uns drücken, indem wir mit dem Monster spielen oder mit seinem Buch. Und das Unbehagen, das wir dabei spüren, passt genau dazu: Wir machen unsere Hausaufgaben nicht. Und wir haben berechtigte Angst, bei der nächsten Prüfung durchzufallen – genauso wie die Ungarn.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Helmut Moll, Helmut Moll, Helmut Moll.

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2014.

Darin geht es u.a. um Hitler: Wir haben den größten Verbrecher aller Zeiten zur Popfigur gemacht. Was dieses „Hitlertainment“ über uns verrät, debattieren u.a. Timur Vermes und Ernst Nolte. In weiteren Debatten geht es um den gerechten Krieg (u.a. mit Egon Bahr) und das Ende der Globalisierung (u.a. mit Thomas Piketty).

Sie können es hier direkt bestellen.

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von Florian Guckelsberger
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