Denn wir wissen nicht, was sie tun

Tim Engartner13.05.2011Wirtschaft

Aktien, Optionen, Futures, Dividende, Shareholder Value und Inflation: Die Welt der Hochfinanz ist kompliziert. Dass es sich dennoch lohnt, hier Aufklärung zu betreiben, ist eine der Wahrheiten der Finanzkrise. Denn Transparenz braucht mündige Bürger, die verstehen, was auf dem Spiel steht.

Der Ruf nach mehr ökonomischer Bildung klingt im Schatten der Verwerfungen an den internationalen Kapitalmärkten kühn, wenn nicht gar abwegig. Waren es nicht gerade die mit höchsten akademischen Weihen ausgezeichneten Ökonomen, die als Analysten, Banker und Berater den Kollaps des Weltfinanzsystems auslösten? Liefen nicht erfahrene Fondsmanager noch wie die Lemminge in dieselbe Richtung, als die rasante Achterbahnfahrt an der Börse ihren Scheitelpunkt längst erreicht hatte? Obwohl beide Fragen mit Ja beantwortet werden können, so diskreditieren sie doch nicht die Forderung nach mehr ökonomischer Bildung. Ganz im Gegenteil.

Infla – was?

Die schwerwiegendste Wirtschafts- und Finanzkrise aller Zeiten hat deutlich werden lassen, dass sie nicht nur der „Entgrenzung“ der Märkte geschuldet ist, sondern auch der verbreiteten ökonomischen Unkenntnis. Hätten Anleger um die Volatilität von Aktien und Anleihen, Derivaten und Devisen sowie Fonds und Futures gewusst, wäre ihr Misstrauen gegenüber ihrem Bankberater größer und der Flurschaden an den Kapitalmärkten kleiner gewesen. Wir sind der von der Versicherungsbranche geschürten Vollkaskomentalität erlegen und haben den Kapitalmarkt durch den Abschluss von Lebens- und privaten Rentenversicherungen mit Milliardenbeträgen geflutet. Während wir einerseits dem Alarmismus anheimfallen, überhören wir die Alarmsignale an anderer Stelle: So zeigt die vom Bundesverband Deutscher Banken vorgelegte Jugendstudie 2009 (“PDF(Link)”:http://www.google.de/url?sa=t&source=web&cd=1&ved=0CBkQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.schulbank.de%2F2009-07-03_Demoskopie_Jugendstudie_BDB.pdf&rct=j&q=jugendstudie%202009%20bundesverband%20deutscher%20banken&ei=-Q7ITfOyNpHcsga4uOClCQ&usg=AFQjCNGEsAa2C3fLlEvaPPSopB3ffaUpvQ), dass jeder zweite 14- bis 24-Jährige nicht weiß, was unter Inflation zu verstehen ist. Und die unlängst von dem Jugendforscher Klaus Hurrelmann vorgelegte Studie zur Finanzkompetenz Jugendlicher erbrachte eine bedenkliche Diskrepanz zwischen vermeintlichem und faktischem Wissen: Viele junge Menschen nehmen irrtümlich an, über gute bis sehr gute Finanzkenntnisse zu verfügen, und treffen deshalb keine oder falsche Anlageentscheidungen. Einen Ausweg aus dieser Misere bietet die finanzielle Allgemeinbildung. Wenn sie neben dem bloßen Faktenwissen über Aktien-, Devisen- und Rohstoffmärkte ökonomische Kausalitäten und Kreisläufe umfasst, kann sie dem Heraustreten der Anleger, Konsumenten und Versicherten aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit den Weg bereiten. So steigerten wir uns – angefeuert von der T-Aktie als „Volksaktie“ – Mitte der 1990er-Jahre in einen wahren Aktienrausch. Bis zum heutigen Tag aber ist ein empirisch nachgewiesenes Dilemma kaum bekannt: Während wir Kursgewinne am Aktienmarkt regelmäßig als persönliche Erfolge verbuchen, „exkulpieren“ wir uns bei Kursverlusten, indem wir diese äußeren Faktoren zuschreiben. Werden derartige Dilemmata nicht aufgeklärt, drohen uns diese beim nächsten Boom erneut auf die Füße zu fallen.

Transparenz dank Bildung

Zu Recht hat die Wirtschafts- und Finanzkrise den Ruf nach mehr Transparenz auf den Märkten laut werden lassen. Aber während sich die einschlägigen Forderungen dabei auf die Regulierung der Finanzmärkte beziehen, bleibt vielfach unbeachtet, dass Bildung zu den langfristig wirksamsten Hebeln zählt, um die Transparenz im Wirtschaftsleben zu erhöhen – und die Informationsasymmetrien zwischen Banken und Kunden aufzulösen. Kurzum: Wenn ökonomische Bildung die Rationalität auf Seiten der Anleger fördert, ist sie nicht nur als wesentlicher Beitrag zur Allgemeinbildung zu begreifen, sondern auch als tragende Säule einer neuen Finanzarchitektur. Wenn Bildungspolitiker die damit verbundenen Kosten scheuen, sollten sie sich daran erinnern, dass Bildung – zumal ökonomische – nicht nur für das individuelle Vorankommen unverzichtbar ist, sondern zugleich das Fundament einer innovations-, leistungs- und wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft darstellt.

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