Konflikte verdeutlichen die Bedeutung des Welthandels

Tim Bowler23.10.2019Gesellschaft & Kultur, Medien, Wirtschaft

Das globale Handelswachstum mag sich aufgrund der aktuellen Spannungen verlangsamt haben, ungebrochen ist jedoch seine Bedeutung für Wohlstand und wirtschaftliche Stabilität.

Welthandel war ein etwas biederes Thema, das von Wirtschaftswissenschaftlern geliebt wurde, und sich auf die Finanzseiten der Zeitungen beschränkte. Die aktuellen Handelsstreits auf hoher Ebene haben diese Sicht verändert, der Wert des Welthandels und seine Bedeutung für uns alle wurden offensichtlich.

Wenn man die Schlagzeilen liest, könnte man meinen, dass sich die Handelsströme verringern. Die Unstimmigkeiten zwischen den USA und China haben dazu geführt, dass Washington Zölle auf chinesische Waren im Wert von 360 Milliarden US Dollar verhängt hat, Peking wiederrum verhängte Zölle auf US-Produkte im Wert von 110 Milliarden US Dollar.

Andernorts gefährden die Handelsdissonanzen zwischen Japan und Südkorea die Produktion von Smartphones, Computern und weiteren elektronischen Geräten. Die EU und das Vereinigte Königreich stehen vor den möglichen Folgen eines ungeregelten BREXIT.

Treten wir einen Schritt zurück und betrachten die große Perspektive, dann sehen die Verhältnisse schon anders aus. Die Welt handelte im Jahr 2018 insgesamt mit Waren und Dienstleistungen im Wert von 25 Billionen US Dollar, das sind mehr als das 50fache des Werts der Produkte, die direkt von den US-und China-Zöllen betroffen sind.

Das globale Handelswachstum mag mit 3,2 Prozent und einem Anstieg auf 3,5 Prozent im Jahr 2020 mäßig sein, gemäß den Prognosen des International Monetary Fund bleibt der Trend dennoch steigend.

Je mehr Handel ein Land mit seinen Nachbarn treibt, desto besser ist die eigene wirtschaftliche Verfassung, Nationen, deren nationale Wirtschaftsleistung signifikant ansteigt, haben gewöhnlich auch höhere Handelsraten als Teil ihres Outputs, so sagen Ökonomen.

„ Eine liberale Handelspolitik, die den ungehinderten Fluss von Gütern und Dienstleistungen gestattet, schärft den Wettbewerb, regt zu Innovationen an und legt den Grundstein für den Erfolg“, sagt die  World Trade Organization.

Zivilisation und Handel

Handel gibt es, seit wir Menschen zivilisierte Gesellschaften gebildet haben. 3.000 vor Christus trieben die Sumerer in Mesopotamien – dem heutigen Irak, Handel mit der Harappa-Kultur im Indus-Tal.

2.000 vor Christus, im Bronzezeitalter, trieben Griechenland, Ägypten, Babylon, sowie das Hethiter-Reich in der Türkei regelmäßig Handel miteinander, außerdem mit Lapislazuli-Händlern in Afghanistan. Dieser Handel brach ein, als die verbundenen Zivilisationen zerfielen, vielleicht das erste Beispiel einer globalen Rezession.

In unserer Serie Made On Earth, die auf BBC World News ausgestrahlt wird,

betrachten wir Gewürze aus Asien, Kaffee aus Afrika und Südamerika, sowie Luxuslederwaren aus Italien, alles Waren, die seit langem für den internationalen Handel stehen.

In China erforschen wir die Rolle des Papiers durch die Jahrhunderte, das nun in unserer digitalen Welt eine Art Comeback feiert. Viele Länder betrachten Papier nicht länger als Verbrauchsmaterial, sondern als Rohstoff, so Simon Ellis von der Recycling Association.

Der Blick auf all diese Produkte gibt uns einen besseren Eindruck davon, wie vielfältig Handel inzwischen ist. Beispielsweise haben die Exporte von Schnittblumen aus Peru oder Kenia stark zugenommen, dank besserer Luftfrachtverbindungen. Inzwischen ist es ein Geschäft im Wert von 16 Milliarden US Dollar, eine Menge Blumengebinde.

Oder man betrachte das gute alte Fahrrad. Vor 50 Jahren wurden die meisten Fahrräder im Vereinigten Königreich in einer Stadt produziert, nämlich in Nottingham. Heute ist die Fahrradbranche 45 Milliarden US Dollar weltweit wert, und baut auf eine integrierte Lieferkette mit Felgen aus Bulgarien, Titan aus China, Metall aus Taiwan und Nabenschaltungen aus Amerika“, sagt Will Butler-Adams von Brompton Bikes im Vereinigten Königreich.

Der Computerchip aus dem 20. Jahrhundert hat mehr als alle anderen Produkte dazu beigetragen, unsere Handelsverbindungen weltweit zu vertiefen. Der westliche Durchschnittskunde nutzt täglich die Dienstleistungen von 40 Satelliten, die den Globus umrunden, dank Computerchips.

Silikon – das Herzstück dieser 500 Milliarden schweren US-Dollar-Branche wird in 90 Prozent der Erdkruste gefunden, dennoch kommt ein Großteil aus einer einzigen kleinen Stadt in Nordkarolina. „Es ist schon ein bisschen verrückt, sagt der Geschäftsführer der Mine, Rolf Pippert, „sich vorzustellen, dass in fast jedem Smartphone und Computerchip Quarz aus Spruce Pine zu finden ist.“

Sich verändernde Parameter

In der jüngeren Geschichte gab es zwei Wellen der Globalisierung. Die erste begann nach den Napoleonischen Kriegen im Jahr 1815 und endete mit dem ersten Weltkrieg. Die zweite begann nach 1945 und hält immer noch an. Das Volumen an Waren, die exportiert werden, ist heute 40 Mal höher als noch im Jahr 1913. Ein Drittel aller Waren, die produziert werden, sind für den Export bestimmt.

Aktuell sehen wir wieder eine große Veränderung. Es dauerte Jahrhunderte, bis die Ökonomien der Welt sich von der Landwirtschaft zur Produktion entwickelten. Der Aufstieg des Dienstleistungssektors hat sich viel schneller in den letzten 20 Jahren vollzogen und macht inzwischen 68 Prozent des gesamten weltweiten Inlandsproduktes aus.

Die Barrieren beim internationalen Handel von Dienstleistungen existieren nach wie vor und bremsen das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes aus. „Wozu Weltklasse Produkte herstellen, wenn man nicht genügend Zugang zu Geschäftsdienstleistungen wie Banken, Buchhaltung und Versicherungen hat, um weltweite Projekte sicher zu machen“, argumentiert Simon MacAdam, Global Economist bei Capital Economics.

Beim Export sind kleine Unternehmen oft unterrepräsentiert. Große Unternehmen haben mehr Ressourcen, um die Startkosten in neuen Überseemärkten zu stemmen. Kleine Firmen haben oft Probleme, an wichtige Informationen rechtzeitig zu kommen.

Neueste Veränderungen im globalen Handel, wie etwa die wachsende Bedeutung von globalen Wertschöpfungsketten und die digitale Transformation bieten neue Chancen für SMEs, sich in die globale Wirtschaft einzugliedern.

Mehr Flexibilität und die Ressourcen, um Produkte anzupassen, können kleinen Unternehmen auf den globalen Märkten zum Vorteil gereichen. Sie können schnell auf veränderte Marktsituationen und immer kürzere Produktzyklen reagieren.

Künftiger Handel

Was kommt als nächstes?

Die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts wurden als die Einleitung eines „asiatischen Jahrhunderts“ bezeichnet. Kritiker mögen die oft diskutierten Worte von Zhou Enlai zitieren “es ist zu früh, um dies zu sagen”. Ohne Zweifel haben sich jedoch die Handelsbedingungen radikal verändert.

Es gibt neue Gruppierungen wie die BRICs-Staaten BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) und auch neue Handelsabkommen wie das CPTPP (Australien, Brunei, Kanada, Chile, Japan, Malaysia, Mexiko, Neuseeland, Peru, Singapur, und Vietnam), das die weltweit drittgrößte Freihandelszone nach der Nafta und der EU geschaffen hat.

Befürworter eines freieren Handels sagen, dass die Globalisierung zwar in einigen Ländern politische Schwierigkeiten hervorruft, da sich die Arbeitsbedingungen verändern, simpler Protektionismus aber die Probleme eher verschärfen als lösen würde. „Regierungen sollten, so der Generaldirektor der Welthandelsorganisation Roberto Azevêdo, ihre politischen Differenzen lösen, damit sich ihre Länder auf den Handel konzentrieren können, und auf die echten Probleme der heutigen Wirtschaft reagieren können, nämlich die technische Revolution und die Notwendigkeit, Jobs zu schaffen und die Entwicklung voranzutreiben.“

Made on Earth

Von Fahrrädern zu Whisky, von Handtaschen zu Halbleitern. Made on Earth erforscht acht alltägliche Produkte und die acht Handelsnetzwerke, die sie weltweit auf den Markt bringen. Trotz aller aktuellen Spannungen in der Handelspolitik war die Welt  niemals zuvor mehr verbunden und das internationale Handelsvolumen steigt ungebrochen.

Die Dokumentarreihe wird samstags um  02.30 Uhr und 9.30 Uhr sowie um 15.30 Uhr und 21.30 Uhr (MEZ) sonntags auf BBC World News ausgestrahlt. Die Serie läuft seit dem 28. September an acht Wochenenden.  Zuschauer finden Features zum Thema unter  www.bbc.com/madeonearth und weitere Informationen unter @BBCFuture

 

 

 

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