Dem Schiedsrichter zu widersprechen, das ist, wie wenn man in der Kirche aufsteht und eine Diskussion verlangt. Dieter Hildebrandt

Gereizt!

Immer lauter scheinen sich die Menschen im Netz zu ereifern, immer drastischere Geschütze werden aufgefahren. Die Fragen gehen dabei oft haarscharf am Kern der Probleme vorbei. Deutschland braucht die diskursive Abkühlung.

Deutschland im Jahr 2011 gibt ein merkwürdiges Bild ab: Das Land ist gereizt und erregt, in ständig anschwellenden Spannungszyklen befangen und doch zugleich in Stagnation verharrend. Die Debatten kommen und gehen, verschwinden scheinbar spurlos und hinterlassen dennoch Wirkung. Woher die Anstöße zu Themen und Aufregern kommen und wer diese steuert, vermag außerhalb schmaler Insider-Zirkel kaum noch jemand zu sagen. Zum Teil werden die Debatten über „spätrömische Dekadenz“ und „deutsche Leitkultur“ von der Politik selbst initiiert, zum Teil, wie bei der unseligen „Kopftuchmädchen-Debatte“, von den Medien. Gleichzeitig bilden sich um andere Themen Schweigekartelle, weil diese entweder nicht der medialen Aufmerksamkeitslogik entsprechen oder als Arkanbereiche sorgsam aus der öffentlichen Diskussion herausgehalten werden.

Haarscharf am Problem vorbei

Vor diesem Hintergrund muss man fragen: Trägt die kommunikative Ausstattung unserer Mediengesellschaft noch die Themen, die wir als Gemeinwesen bewältigen müssen? Man darf daran zweifeln. Ob Köhler-Rücktritt, Guttenberg-Hype, Steuersenkung, Sarrazin, „Axolotl Roadkill“, die faulen Griechen, die dummen Banker oder die Rückkehr des Kommunismus – immer seltener decken sich die Aufbereitungsformen der politisch-medialen Entrüstungsspirale mit den wirklichen Fragen, die an ein Problem zu richten sind. Die Medienlogik überlagert so die demokratische Diskurslogik, mediale Erregungsfaktoren werden zunehmend wichtiger als gesellschaftliche Regelungsbedürfnisse, der Diskurs irrlichtert immer nervöser von Aufreger zu Aufreger. Gleichzeitig macht sich Doppelbödigkeit breit und Zynismus wird zur Grundhaltung.

Konsistenz wird zunehmend unwichtig, der laute Skandal hingegen zur Erfolgsbedingung. Daraus ergeben sich gerade in der Berichterstattung über langfristige politische Reformen immer problematischere Muster: Erst werden einschneidende Veränderungen abstrakt gefordert, dann ihre konkreten Nebenwirkungen beklagt, im nächsten Schritt technische Umsetzungsmängel moniert und noch bevor Reformen überhaupt in Kraft treten, wird ihr Scheitern verkündet. Wenn im Zuge einer solchen Entwicklung die Entkoppelung von politischer Thematisierung und medialer Spiegelung zum Dauerzustand wird, können umfassendere Reformprozesse schon allein deswegen nicht gelingen, weil durch die Berichterstattung das in der Bevölkerung nötige Vertrauen in die Wirksamkeit der Reformen zerstört wird.

Schock und Hype

„Deutschland ist der Superstar“ oder „Der Abgrund liegt schon hinter uns“: Solange der öffentliche Diskurs nur in den Kategorien von Schocks und Hypes inszeniert wird, wie Bernd Ulrich im April 2011 in der „Zeit“ feststellte, wird sich an den Schizophrenien des Diskurses nichts ändern. Denn nicht nur die Medien pflegen diese Art von Denken, sondern zunehmend auch ihr Publikum. Man müsse anerkennen, so Ulrich, „dass heutzutage jeder Versuch aussichtslos ist, die Emotionen der Bürger zu unterdrücken oder totzuschweigen. Weder Wut wie bei Stuttgart 21 und bei Sarrazin noch Sehnsucht wie bei Joachim Gauck oder Karl-Theodor zu Guttenberg lassen sich auf Dauer kanalisieren.“

Angesichts dieser Ausgangsbedingungen ist pragmatischer Fatalismus angesagt: Wir müssen lernen, mit den Defekten der Stimmungsdemokratie zu leben – und dennoch dafür sorgen, dass jene Freiräume verteidigt werden, in denen die für das Gemeinwesen relevanten Fragen noch verhandelt werden können, ohne in den überbordenden Erregungswogen unterzugehen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Stefan Endrös, Dirk Heckmann, Wolfgang Kraushaar.

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