Gewollte Ungleichheit

von Thorsten Bultmann16.07.2011Gesellschaft & Kultur

Die Exzellenzinitiative bricht mit der deutschen akademischen Tradition. Doch ihr eigentlicher Fehler liegt in der gewollten Produktion von Ungleichheit: Wenn die reichen Unis zu Lasten des Rests gefördert werden, sinkt das Bildungsniveau allgemein. Der Verlierer ist am Ende das deutsche Universitätssystem.

Mit der Exzellenzinitiative (EI) hat eine neue Logik der Wissenschaftsförderung und -finanzierung Einzug gehalten. Die Institutionen, welche die zentrale Entscheidung über die Verteilung der Mittel und auch die mediale Definitionshoheit über die EI haben, der Wissenschaftsrat und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), stellen diese ausdrücklich in den Dienst einer gewollten stärkeren hierarchischen Differenzierung der Universitätslandschaft.

Das Ende der deutschen Hochschultradition

Dies bedeutet zweifelsfrei einen Bruch mit der deutschen Hochschultradition. Im Unterschied zum angelsächsischen System kennt das deutsche Hochschulsystem den Sondertypus „Eliteuniversität“ nicht. Im Grunde schon seit der preußischen Universitätsreform von 1810 galten alle Universitäten als grundsätzlich gleichwertig, sowohl in der Bewertung ihrer Leistungsfähigkeit als auch in der staatlichen Finanzzuteilung. Die wesentliche akademische Konkurrenz vollzog sich zwischen den einzelnen Lehrstühlen/Professuren. Der Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der EI wird im Kern um die Frage geführt, ob diese lediglich die institutionelle Konsequenz einer ohnehin bestehenden ungleichen Leistungsfähigkeit von Hochschuleinrichtungen sei oder ob die EI im Wesentlichen eine verteilungspolitische Entscheidung sei mit dem Ziel, auf politisch-administrative Weise und durch massive Finanzzuteilung eine „Elite“ synthetisch zu konstruieren. Eine genaue Analyse der Finanzströme der EI spricht eher für die zweite Annahme. Die Grundfinanzierung der deutschen Hochschulen ist bekanntermaßen seit drei Jahrzehnten eingefroren. Erhebliche finanzielle Zuwächse konnten allerdings im Rahmen der sogenannten Drittmittelförderung erwirtschaftet werden. Das Gros davon konzentrierte sich allerdings auf 20 top-gerankte Universitäten und TUs. Diese 20er-Champions-League teilte wiederum 70 Prozent der im Rahmen der EI verteilten Gelder unter sich auf. Daher ist es müßig, sich von den EI-Verfechtern eine „Leistungsdebatte“ aufnötigen zu lassen. Denn: Was sich mit Gewissheit sagen lässt, ist, dass die von der EI profitierenden Hochschulen vor dem Hintergrund eines strukturell unterfinanzierten Gesamtsystems die relativ reichsten Einrichtungen sind, d.h. über die relativ besten materiellen Leistungsbedingungen verfügen, sodass sich nach den Kriterien betriebswirtschaftlicher Zähl- und Messbarkeit auch eine Mehrleistung erwarten lässt; allerdings im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Das wiederum spricht für den außer-wissenschaftlichen politischen Dezisionismus der ganzen Inszenierung, dem die Annahme zugrunde liegt, man könne nur mit einer Handvoll Hochschulen im globalen akademischen Wettbewerb antreten.

Die Reichen werden reicher

Nun ist es allerdings keineswegs so, dass der restliche Hochschulbetrieb diesseits der Exzellenz im (finanziellen) Status quo verharrt. Verschiedene Zwischenauswertungen der EI haben harte Indizien zutage gefördert, dass die Exzellenzbereiche auch auf Lehrkapazität und weitere Ressourcen des Restbetriebes zugreifen oder dass Landesregierungen (Schleswig Holstein) die Bewerbungschancen einzelner Unis in der EI durch Zusatzfinanzen stärken, welche durch Schließung anderer Hochschuleinrichtungen erwirtschaftet werden. Die symbolische Aufwertung einer Elite wird folglich durch eine Verschlechterung von Studien- und wissenschaftlichen Arbeitsbedingungen in der Breite des Hochschulsystems erkauft, dessen Leistungsfähigkeit dadurch – ungeachtet des die EI begleitenden Leistungsgetöses – geschwächt wird.

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