Es gibt nichts Gutes außer: Man tut es. Erich Kästner

Hauptsache pünktlich

Die S-Bahn hat vier natürliche Feinde: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ein Witz? Die Berliner können darüber nicht mehr lachen. Wenn 2017 ein Nachfolger für die Bahn gesucht wird, könnte der Senat jedoch in der eigenen Stadt fündig werden.

„Please all exit here.“ Die Aufforderung klingt vertraut, der Rest ist Rauschen. Die Fahrgäste verlassen die Waggons, Touristen blicken fragend auf die Anzeigen und suchen vergeblich nach persönlicher Erklärung. Kein Uniformierter, kein Wegweiser bietet Orientierung. In sicherer Entfernung zum Ausgang stehen schließlich zwei Rotmützen mit DB-Anstecker. Ersatzverkehr? „Da könnse ja gleich über Moskau fahrn.“ Alternative? „Da müssen wa erst nachschaun.“

Bald zwei Jahre Ausnahmezustand

Seit im Mai 2009 bei einem Waggon in Kaulsdorf ein Rad brach und der Zug entgleiste, fährt die Berliner S-Bahn im Ausnahmezustand. Ständige Verspätungen, Zugausfälle und ausgedünnte Fahrpläne sind Alltag. Zu den Stoßzeiten morgens und abends leben die Hauptstädter und deren Gäste bereits mit Tokioter Überfüllungen. Da bleibt selbst für notwendige Sperrungen wegen Renovierungsarbeiten oder der schrittweisen Inbetriebnahme des neuen Ostkreuz-Bahnhofs kaum Verständnis.

Die Verhältnisse sind das Ergebnis jahrelangen Spardrucks durch den S-Bahn-Betreiber Deutsche Bahn und seinen Ex-Chef Hartmut Mehdorn. Seine Börsengangspläne verursachten in Berlin Personalabbau, Werkstattschließungen und verlängerte Wartungsintervalle. Mitarbeiter, die über den Mangel und die wachsenden Gefahren klagten, wurden gerüffelt. Bis zum Beinahe-Inferno. Dann ließ das Eisenbahnbundesamt einen Großteil der Flotte stilllegen. Auch die S-Bahn-Führung musste gehen.

Seit Mitte 2009 bemüht sich nun Peter Buchner als Geschäftsführer um einen Weg aus der Krise. Die Reparatur der stillgelegten Baureihe läuft und als partieller Ersatz wurden sogar modernisierte DDR-Züge wieder auf die Schiene gebracht. Trotzdem: Das Unternehmen ist längst zum Gespött der ganzen Stadt geworden. „Die S-Bahn hat vier natürliche Feinde: Frühling, Sommer, Herbst und Winter“ lautet ein bekannter Witz. Tatsächlich wächst vor dem Kälteeinbruch die Sorge, das Chaos der vergangenen beiden Winter könnte sich wiederholen. Zeitweise waren da nicht einmal die Hälfte der vorhandenen Züge einsatzbereit. Bahnchef Buchner schob es auf den „Flugschnee“ – als wenn Flocken je anders zur Erde gekommen wären. Wann die täglich rund eine Million S-Bahn-Kunden wieder mit Normalbetrieb rechnen können, traut sich auch zweieinhalb Jahre nach Beginn des Chaos niemand zu sagen.

Der seit gestern vollständige Berliner Senat hat nun endlich politische Konsequenzen angekündigt. Im Koalitionsvertrag ist ein dreistufiges Verfahren festgeschrieben, wonach die Deutsche Bahn AG noch dieses Jahr gefragt werden soll, ob sie ihre Tochter komplett an das Land Berlin verkaufen will. Parallel soll die Vergabe des Betriebs an nur einen Anbieter, die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), geprüft werden und bereits 2012 ein Viertel des Streckennetzes innerhalb des S-Bahn-Rings ausgeschrieben werden.

Immerhin pünktlich

Die Berliner Eisenbahn-Gewerkschaft schimpft reflexartig über eine „Zerschlagung der S-Bahn“, auch aus dem linken Flügel der SPD gibt es Widerstand.

Aufgrund der langen Planungszeiten für den Bau und die Lieferung eines neuen Fuhrparks muss die Politik aber bereits jetzt die Vorbereitungen treffen für die Zeit nach dem Auslaufen des S-Bahn-Vertrages 2017. Dabei soll ein künftiger Betreiber verpflichtet werden, das Personal komplett zu übernehmen. Der Koalitionsvertrag sieht außerdem vor, dass sich die Deutsche Bahn an den Ausschreibungen beteiligt.

Die mögliche Vergabe der S-Bahn-Strecken an die BVG (rund drei Millionen Kunden) ist auch mit Blick auf diese Statistik richtig: Während die S-Bahn es 2010 nur auf 77 Prozent Pünktlichkeit brachte, schaffte das landeseigene Unternehmen BVG mit 98 Prozent fast den Idealwert. Und Verlässlichkeit bleibt neben der Sicherheit immer das wichtigste Kriterium. Mit Unhöflichkeit können wir Berliner schließlich umgehen.

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